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9. Oktober 2005, 17:11 Uhr

"Rufe meine Mutter, meinen Vater"

In pakistanischen Balakot suchen Eltern in den Trümmern einer Schule nach ihren Kindern - teilweise mit bloßen Händen, weil die offizielle Hilfe immer noch ausbleibt. Und so wächst mit der Trauer auch die Wut.

Ein Vater und sein notdürftig versorgter Sohn suchen Unterschlupf in Balakot© Farooq Naeem/AFP

Manche graben mit Schaufeln oder Spitzhacken, andere mit ihren bloßen Händen - die verzweifelten Eltern in dem kleinen Ort Balakot in Nordwesten Pakistans. Mehr als 850 Kinder werden unter den Trümmern der beiden Schulgebäude vermutet, die nach dem schweren Erdbeben am Samstagmorgen in sich zusammenbrachen. Die Angehörigen werden bei ihrer Suche von der Hoffnung angetrieben, die Vermissten doch noch lebend zu bergen. Immer wieder sind unter dem Schutt die Rufe von Kindern zu hören. "Rette mich, rufe meine Mutter, meinen Vater", ertönt die schwache Stimme eines Jungen. Seine Mutter steht weinend daneben.

An einer anderen Ecke der Unglücksstelle bergen die Anwohner gerade die Leichen von vier weiteren Kindern. Acht Tote sind bis zu diesem Sonntagmorgen allein aus den Trümmern der öffentlichen Schule gezogen worden. Daneben, wo früher die private "Shaheen"-Schule stand und jetzt nur noch ein Schutthaufen übrig ist, fanden die Eltern bislang zehn tote Kinder, aber immerhin 19 Überlebende.

Eine davon ist die Teenagerin Busra, die schwere Beinverletzungen davon getragen hat. "Wir haben noch versucht rauszurennen, aber dann ist alles eingestürzt", erinnert sie sich an jenen Samstag, der als ganz normaler Schultag begann und in der Katastrophe endete. Die Kinder saßen in ihren Klassen, als gegen neun Uhr morgens die Erde bebte. Der Nordwesten Pakistans wurde am schwersten getroffen.

Wer durch Balakot und die nähere Umgebung fährt, dem bietet sich ein Bild der Zerstörung. Vor wenigen Tagen noch lebten hier rund 20.000 Menschen. Schätzungsweise 2500 Einwohner sind nun tot, mehr als die Hälfte der Häuser zerstört. Vielerorts knien Angehörige über den Leichen und hoffen, dass ihnen bei der Beerdigung ihrer Liebsten wenigstens jemand zu Hilfe kommt. Doch die Hilfe bleibt aus: Straßen sind durch Geröll versperrt, Rettungskräfte können die Region nur schwer erreichen.

So macht sich unter den Betroffenen neben der Trauer inzwischen auch Wut auf die Behörden breit. "Die Regierung schickt Truppen und Ärzte in andere Länder. Warum brauchen sie so lange, um hierher zu kommen?", fragt ein Anwohner, der bei dem Beben seine Frau, seine Mutter und vier Kinder verlor. Ein örtlicher Mediziner drückt es noch drastischer aus: "Wenn hier nicht sofort offizielle Hilfe kommt, liegen die Menschen noch mindestens einen Monat unter den Trümmern." Die Angehörigen könnten diese Arbeit unmöglich alleine stemmen. "Hier muss etwas getan werden, sofort."

Zahid Hussein/Reuters
 
 
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