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Allein mit Gott: Zu Besuch bei Menschen, denen es an nichts fehlt

In Deutschland gibt es rund 80 Eremiten. Sie haben sich zurückgezogen aus der Welt der Eile und der Erregung, verzichten auf Bequemlichkeit und Besitz und haben so ihr Glück gefunden.

Eremiten in Deutschland: Wie es sich anfühlt, allein mit Gott zu sein

Schwester Dominica lebt in den Bergen und versorgt sich selbst. Ihren Tag teilen die Gebetszeiten.

Manchmal, in Nächten sternenklar, wenn die Luft warm ist und weich, legt Maria Anna Leenen sich auf eine Wiese. Dann breitet sie ihre Arme aus und betet. Überwältigt von dem Gefühl, Teil zu sein eines großen Ganzen, in der Gegenwart ewiger Harmonie. Wie aus dem Nichts erschaffen von einem Schöpfer, an den sie glaubt, gut und gerecht.

Leenen, 60, ist Eremitin. Einsiedlerin. Sie lebt allein. Das tun viele in diesem Land, viele aus einer Not heraus. Aber Leenen macht das, weil sie es will. Sie hat sich auf ein Abenteuer eingelassen, das keine Ablenkung duldet. Und größte Konzentration erfordert, Stille und Schweigen.

Da, wo sie wohnt, sind Felder und , Eichen stehen kahl und krumm. Ein holpriger Weg führt zu ihrem Haus, das früher ein Bauernhof war. Auf plattem Land zwischen Bremen und Osnabrück. Die Leute im Dorf hatten gerätselt, was eine Frau so allein in ihre Gegend ziehen ließ; vielleicht, raunten einige, sei sie eine, bei der sich Männer heimlich wohlfühlten. Aber das einzige rote Licht hier ist eine Kerze in ihrer Kapelle.

Sie wollte Antworten auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin und Warum

Leenen ist wegen Gott hier. Die Leute im Dorf glauben auch an ihn, er gehört irgendwie dazu. Er spielt immer dann eine Rolle, wenn Größeres im Spiel ist, beim Fußball oder beim Wetter. Maria Anna Leenen aber erlebt ihn jeden Tag. Obwohl er, wie sie sagt, sich im Verborgenen zeigt. Dies zu begreifen, geht sie an die Grenze ihres Verstands und ihrer Erfahrung.

Sie war knapp 30 Jahre alt, als sie begann, nach ihm Ausschau zu halten. Sie wollte Antworten auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin und Warum. So wie sie leben in noch 80 andere Gottsucher, zurückgezogen im Wald oder in den Bergen, anonym in der Stadt oder in der Nähe von Klöstern, noch einer Ordensgemeinschaft zugehörig oder ganz auf sich allein gestellt.

Dass sie so viele sind, wissen sie selbst auch erst, seit Maria Anna Leenen den Versuch unternahm, möglichst viele von ihnen zusammenzubringen. Es wurde einfacher als erwartet; die meisten haben Telefon und Internet, im 21. Jahrhundert nach Christus.

Pater Hugo wollte schon als Fünfjähriger wissen, wo Gott wohnt. Heute lebt er in einer Kirche Maria Anna.

Pater Hugo wollte schon als Fünfjähriger wissen, wo Gott wohnt. Heute lebt er in einer Kirche Maria Anna.

30 kamen, immerhin. Als sie sich zum ersten Mal trafen, die einen im Habit, die anderen in Secondhand-Klamotten, und einander ihre Geschichten erzählten, schaute ein Theologe aus fröhlich in die Runde und meinte: "Ihr seid alle ganz schön verrückt."

Mag sein. Aber die ganze Kirchengeschichte ist verrückt. In Rom wählen sie alle paar Jahre einen alten Mann zum Stellvertreter Gottes auf Erden, und alle paar Monate wird jemand heiliggesprochen. Maria Anna Leenen sieht ihr Leben in der Tradition der Wüstenväter. Vor 1700 Jahren waren sie wohl die ersten Aussteiger der Weltgeschichte, sie gingen in die Wüste, Eremos, wie es auf Griechisch heißt. Angewidert vom schamlos dekadenten Leben im Römischen Reich wollten sie in wolkenloser Weite über ihr Sein sinnen. Die Stoiker hatten sich bereits vor ihnen ähnliche Gedanken gemacht; Seneca meinte, Gott habe sich in jedem Menschen verewigt, und dieser sei ein Kosmos im Kleinen. Wer sich also selbst zu verstehen lerne, begreife die Gesetze des Universums. Jeder Mensch eine Welt für sich.

Jesus sei der Weg und die Wahrheit und das Leben

Die Einsiedler, so heißt es, ernährten sich von und wildem Honig. Raue Geschichten sind überliefert und rohe Botschaften, viele voll Wirrnis und Wahnsinn. Lass dich mal besser vom Arzt untersuchen, rieten denn auch Freunde, als Maria Anna Leenen ihnen erzählte, sie habe Gott für sich entdeckt.

Dass sie es bei ihm und mit ihm aushalten würde, ahnte damals keiner. Leenen hatte immer rastlos gelebt. War Texterin und Therapeutin gewesen. Hatte im Mittelmeer getaucht und war fasziniert vom Fallschirmspringen.

Eines Tages verschlug es Maria Anna Leenen nach Venezuela. Auch so eine Idee. Sie hatte gehört, dort sei viel Geld zu machen mit der Zucht von Wasserbüffeln. Sie hoffte darauf, endlich anzukommen, auch in der Liebe. Es ging nicht gut. Der Traum dahin. Wie erschlagen fühlte sie sich, nirgends zu Hause, und unruhig das Herz. Maria Anna Leenen hatte ihren Glauben verloren. Und wusste nicht einmal, woran.

Maria Anna Leenen auf ihrem kleinen Bauernhof. Gesellschaft leisten ihr nur ein paar Ziegen

Maria Anna Leenen auf ihrem kleinen Bauernhof. Gesellschaft leisten ihr nur ein paar Ziegen

Da fiel ihr ein Buch in die Hände. Über Marienerscheinungen. Jetzt wird es wild, dachte sie, ähnlich abgehobene Geschichten erzählten Pfarrer gern von der Kanzel, merkwürdig verzückt. Schwer genug, ihnen abzunehmen, was sie Geheimnis des Glaubens nannten, aufgefahren in den Himmel und auferstanden von den Toten, das alles.

Und jetzt las Leenen von einer Frau im Lichterkranz, so ein Schwachsinn, dachte sie. Aber sie war verzweifelt genug weiterzublättern und entdeckte einen Satz, den Jesus gesagt haben soll: Er sei der Weg und die Wahrheit und das Leben. Diese Worte rührten sie an. Was, wenn das stimmt? Was, wenn es ihn gibt? Sie wurde neugierig. Irgendwann begann sie zu glauben.


Geräusche macht allein der Kater, wenn er auf die Klinke springt

Schwester Dominica war 17 Jahre alt, als sie entschied, ihr Leben Gott zu widmen. Vor einiger Zeit noch wäre es etwas mühsamer gewesen, sie zu treffen. Dominica lebte im Sommer auf 1700 Metern in einem Teil der Alpen, wo es nur wenige Monate ohne Schnee gibt. Dafür häufig Unwetter. Fast wäre sie mal in eine Schlammlawine geraten.

Schwester Dominica, 58, wohnt nun ein Tal tiefer, in einer Höhe, die es erlaubt, viermal im Jahr zu heuen. In einem "Maiensäß", wie es in alter Sprache heißt, wohin die Bauern aus dem Tal mit ihren Tieren im Frühling zogen, bevor es auf die Alm ging. Ein Haus mit Holzschindeln und Kachelofen in der Stube. Das Einheizen dauert. Dafür hält die Wärme, auch wenn das Feuer aus ist.

Das Wasser kommt aus einer Quelle. Als diese nach schwerem Regen verschüttet und später wiederentdeckt worden war, bauten die Bauern zum Dank eine Kapelle und widmeten sie den 14 Nothelfern. Wo Dominica lebt, prägen auch die Namen anderer Schutzpatrone die Natur. So wachsen auf dem Baum vor ihrem Haus "Klaräpfel"; sie sind richtig reif am Namenstag der heiligen Klara im August.

Bruder Jakobus in Versenkung. Stundenlang sitzt er still, "um in den Raum vor den Gedanken zu kommen"

Bruder Jakobus in Versenkung. Stundenlang sitzt er still, "um in den Raum vor den Gedanken zu kommen"

25 Jahre ist sie nun schon Einsiedlerin. Dominica lebte eine Zeit lang im Kloster, bei den Klarissen. Ihr gefiel die strenge Ordnung der Schwestern und ihr tiefer Glaube. Aber mit der Zeit, sagt sie, wurde "der Ruf" lauter, sich noch mehr zurückzuziehen, noch leiser zu werden. Sie mochte die Gemeinschaft und hoffte, dass sich dieses innere Drängen nach noch mehr Einsamkeit verlieren würde mit der Zeit. Aber es war nicht so.

Und sie fand ihren Platz in den Bergen, in ohrenbetäubender Stille. Geräusche macht allein der Kater, wenn er auf die Klinke springt und so die Tür öffnet. Dominica sagt dann immer, mach sie auch wieder zu, aber das tut er nicht.

Morgens äsen Rehe vor ihrem Fenster

Dominicas Lachen ist jung, ihr Gesicht glatt. Obschon sie nie durchschläft. Um Mitternacht unterbricht sie für anderthalb Stunden die Bettruhe, "Deines Namens gedenken", wie es in den Psalmen steht. Wachet und betet, so soll Jesus es seinen Jüngern nach dem letzten Abendmahl aufgetragen haben. Dominica tut dies unter einem gewaltigen Kreuz, im Flackern einer Kerze, in ihrem Schlafzimmer, das gleichzeitig Gebetsraum ist. Morgens äsen Rehe vor ihrem Fenster.

Wie alle Mönche und Eremiten hat sie den Tag in Gebete geteilt. Von der Laudes bei Sonnenaufgang bis zum Komplet am Abend, der Vorbereitung auf die Nacht. Sie bittet dann darum, auch den nächsten Tag wohlbehalten erleben zu dürfen. Ich habe mein Leben nicht in der Hand, sagt sie.

Aber sie versorgt sich selbst. Hackt Holz und bedient eine Motorsäge, was ihr den Respekt der Bauern einbringt. Einkäufe erledigt sie mit dem Rad oder dem Auto, die Tomaten in ihrem Garten versucht sie gegen Wühlmäuse zu verteidigen. Auf dem Buchregal stehen Werke des Wiener Psychiaters Viktor Frankl, dessen Suche nach dem Sinn des Lebens in seiner Existenzanalyse sie studiert hat. Erst der Mut zu sich selbst, sagte Frankl, überwinde die Angst.

Schwester Dominica im Habit beim Holzhacken. Auch mit der Motorsäge kann sie umgehen

Schwester Dominica im Habit beim Holzhacken. Auch mit der Motorsäge kann sie umgehen

Viele Eremiten kennen sich aus mit Psychoanalyse. Dem Verlangen des Menschen, einen Sinn zu finden. Dem Drang nach dem, was man nicht hat. Der Furcht vor dem Verlust. Dem Tod.

Was ist ihnen passiert, dass sie der Welt den Rücken kehren? Den Freunden, der Familie? Dass sie verzichten auf Kunst, Kultur und Zerstreuung? Und in Texten versinken, aus einer anderen Zeit? Dominica hört manchmal im Autoradio Nachrichten. Es sind, sagt sie, im Grunde immer die gleichen.

Ist es nicht öde, nur mit sich zu sein? Nur seine eigenen Gedanken zu haben? Was unterscheidet Eremiten von Egoisten? Ist das nicht Nabelschau, von Wahn betört und von Weihrauch vernebelt?

Das ist eine Gefahr, sagt Schwester Dominica. Aber die Erfahrung, dass es Gott gebe, sie sei so groß, dass alles andere dagegen klein werde. Unwichtig. Verschwendung von Zeit und Kraft.

Wie ist es, sein Haus zu teilen mit einem, den man nicht zu Gesicht bekommt?

Natürlich sei die Discretio wichtig, die Fähigkeit, zwischen Schwärmerei und Wirklichkeit unterscheiden zu können. Zehn Tage im Monat arbeitet sie als Nachtwache in einem Altenheim, Geld für Essen und Miete zu verdienen. Ihr Beruf bringt es mit sich, dass sie auch Sterbende begleitet. Er hat sie immer schon fasziniert, dieser Übergang in den Tod, nach dem sie hofft, "Gott zu begegnen".

Ihm, dessen Wesen zu beschreiben die Denker aller Zeiten sich redlich bemühten. Der für die einen tot ist und für andere noch nie war. Und von dem Meister Eckhart einst sprach: "Du solltst auch von Gott nichts verstehen, denn Gott ist über alles Verständnis."

Das soll mal einer begreifen, in einer Zeit, die nach schneller Erklärung schreit. Die für alles ein Wort hat. Und nichts im Ungefähren belässt. Wie ist es, sein Haus zu teilen mit einem, den man nicht zu Gesicht bekommt? Nun, sagt Bruder Jakobus, "Bilder soll man sich keine machen." Er steht vor seiner Klause, er hat gerade Holz gestapelt, der Winter war lang. Vögel singen, irgendwo heult eine Eule. Der Mann lebt im Wald. Wo sich vor 1000 Jahren ein Graf eine Trutzburg bauen ließ, auf einem Hügel, den die Eiszeit formte. Ein Stück weit vom Bodensee.

Bruder Jakobus ist ein stattlicher Mann, wie man so sagt, mit beeindruckenden Augenbrauen, die wachsen, wie sie wollen. So richtig kümmert sich keiner um sie. Jakobus lacht. "Man hat ja auch keinen", sagt er, "der einen zur Ordnung ruft."

Er bittet hinein. Man muss sich ducken, die Decke der Klause nicht zu streifen. Jakobus befreit den vorderen Teil eines Tischs von Papieren und Büchern, dass Platz ist für eine Tasse Tee. Auch die Küche könnte ein wenig Ordnung vertragen.

"Manche denken bis heute, ich mache Urlaub hier draußen."

Bruder Jakobus aber sortiert lieber das Durcheinander im Kopf. Denn der ist bei vielen voll von Bildern und Bewertung, Annahme und Urteil. Pausenloses Plärren. Lieber dies? Oder lieber das? Bekomme ich, was ich will? Behalte, was ich habe? Diese Unruhe geht vielen Menschen so ziemlich auf den Geist. Deshalb suchen immer mehr nach Techniken der Entspannung, beim Laufen, Liegen, dem Dalai Lama. Oder einem Therapeuten, für die Liebe und das Leben.

Jakobus kennt das alles. Keine 30 Jahre alt war er, als er nicht mehr weiterwusste. Sein Herz, er hatte es in Heidelberg verloren. Die Freundin weg, sinnlos erschien sein Jura- und Theologiestudium. Der Wunsch, ein Offizier zu werden. Alles, woran er geglaubt hatte, nichtig und klein. Und dann, nun ja, wie mit einem Schlag, plötzlich Trost in Trübsal. Ein Wissen, dass da Größeres ist als seine Vorstellung vom Leben, ein helles Licht, das Schatten warf auf dunkle Gedanken.

Man würde jetzt wissen wollen, was genau passiert ist, Jakobus sagt es nicht. Worüber man nicht reden kann, darüber sollte man schweigen: Worte, sagt er, reichen nicht heran an diese eine Erfahrung, die sein Leben auf den Kopf stellen sollte.

Es war etwas, das seinen Blick aufs Sein über die Lust und die Angst und die Jagd hinaus emporhob. Er habe gespürt, dass es Gott gibt. Er ging ins Kloster. Jakobus lehrt auch Zen, die Meditatio, die Beobachtung von Gedanken und Gefühlen. Wie ein Stein kann er in sich versinken, am Abend, am Morgen, über Stunden. Dann hockt er, von einer Decke umhüllt, und atmet ein. Und atmet aus. Um, wie er sagt, "in den Raum noch vor den Gedanken zu kommen". Noch einmal Meister Eckhart: "Warum geht ihr aus?", fragte der. "Warum bleibt ihr nicht in euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr tragt doch alle Weisheit wesenhaft in euch."

Das muss man erst mal begreifen. Oder begreifen wollen. Andererseits: Ist das Leben nicht ein Wunder? Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei: glücklich schon, wer nur eines davon versteht. "In jedem von uns", sagt Jakobus, "sind zwei Ichs. Das eine ist sehr launisch und äußeren Einflüssen ausgesetzt. Das andere beschreibt unseren Anteil an Gott."

Um seine Abgeschiedenheit hatte er gekämpft. Kein Abt lässt einen Bruder gern ziehen. "Manche", sagt Jakobus, "denken bis heute, ich mache Urlaub hier draußen."

Mit 40 Jahren ist man noch ein recht junger Eremit in Deutschland

Eremiten müssen sich ihren Lebensunterhalt selbst organisieren. Jakobus verdient ein wenig Geld mit Meditationskursen im Kloster Beuron, ein Förderverein kümmert sich um den Erhalt der Klause.Maria Anna Leenen schreibt Bücher und zieht Kerzen und bekommt Spenden. Nur Bruder Hugo musste sich noch nie so richtig mit der Finanzierung seines Alleinseins beschäftigen, er kommt aus einer wohlhabenden Familie.

Mit seinen 40 Jahren ist er ein junger Eremit; und wohl der einzige, dessen Mutter es peinlich war, dass ihr Junge bereits in frühen Jahren so fromm schien. Mit fünf, eine runde Brille auf der Nase, wollte er wissen, wo denn nun dieser Gott wohnt. Später suchte er ihn im Wald. In der Schule las er unter dem Tisch Geschichten von Wundern, andere interessierten ihn nicht. Als er nach dem Abitur hörte, dass eine verlassene alte Kirche in neue Hände zu vergeben sei, überredete er seinen Vater, diese mit ihm gemeinsam zu renovieren. Und stellte sich dann ein Klappbett in die Sakristei.

Die erste Zeit mit Gott war Stress. Erfahrene Eremiten empfehlen den Rückzug frühestens ab 40, wenn man schon ein wenig mehr weiß vom Leben. Aber Hugo hatte es eilig, den Heiligen zu folgen. Er betete und fastete viel, erlaubte sich nur Brot und Wasser, radikal klerikal; das sollte seine Erleuchtung beschleunigen. Es bekam ihm nicht gut, "man kann krank werden darüber", sagt Hugo heute. Ohne zu verraten, ob es denn auch so war.

Aber Hugo überwand die Akedia, wie die alten Griechen die Erfahrung von Lustlosigkeit und Lähmung, Resignation und Selbstzweifel nannten. Er brauchte dazu ein Sitzkissen und einen Schemel, und Stille und Schweigen. "Man kann", sagt er, "so viel falsch machen. Es ist schrecklich."

Zur Freude gehört Leid, zur Zärtlichkeit Zorn

Es macht Mühe, mit einem Gott zusammenzuleben, der sich versteckt. Und von dem alle, die ihn zu finden gemeint haben, auch noch so kompliziert reden. "Gott", sagte der Theologe Karl Rahner, "ist immer das Gegenteil." Und der Kirchenlehrer Gregor von Nyssa sagte im 4. Jahrhundert: "Falls du es begreifen kannst, dann ist es nicht Gott."

Über solche Sätze kann man kirre werden. "Eine leichte Aufgabe", sagt Maria Anna Leenen, "ist das nicht. Man muss schon ziemlich die Spannung halten." Es ist ein Satz, wie man ihn von Spitzensportlern kennt. Maria Anna Leenen sitzt am Küchentisch, draußen schweigen die Lämmer. Die Möbel sind sehr einfach, gemütlich ist es nicht. Leenen hat lange überlegt, sich einen Sessel anzuschaffen, aber vielleicht würde dieser zur Bequemlichkeit verleiten, so fürchtete sie. Und ließ es sein.

Sie habe gelernt, "loszulassen und nicht zu kämpfen", sagt Maria Anna Leenen. Weil man den alten Fragen, mit jedem Tag neu gestellt, ja doch nicht ausweichen könne. Dass zur Freude Leid gehört, zur Zärtlichkeit Zorn.

Gott, sagt sie, ist die Liebe. "Aber nicht lieb." Sie hadert auch. Weil nicht alles schön ist da draußen. Hunger und Hass und Tod und Gewalt. Als sie hörte, dass Priester Kinder gequält haben, brüllte sie Gott an: Wie kannst du das nur zulassen? Aber er blieb stumm. Es ist nicht einfach mit ihm.

30 Jahre sind nun vergangen, seitdem sie sich für ihn entschieden hat. Und für ein Leben in Keuschheit und Armut. Sie ging noch in ein Kloster und auch wieder hinaus und zog so lange umher, bis sie einen Bauern fand, der ihr ein fast verfallenes Häuschen überließ, durch das der Wind pfiff. Mit Brunnen auf dem Hof und Wasser aus Eimern. Als dieser Platz dann wirklich unbewohnbar wurde, fand sie ihre jetzige Klause. Das Wasser ist immer noch kalt, aber es kommt zumindest aus der Leitung.

Maria Anna Leenen meint heute von sich, "zutiefst erfüllt und zufrieden" zu sein. Sie lächelt. "Man muss nur aufpassen", sagt sie, "den eigenen Vogel nicht für den Heiligen Geist zu halten."

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