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Magazin: Das Dorf der Aussteiger

Die Bewohner des spanischen Aussteigerdorfes Matavenero leben anders als alle anderen: ohne Steuern, ohne Krankenversicherung, dafür basisdemokratisch und naturverbunden. Kann das gut gehen?

Die Aussteiger von Matavenero genießen die Abgelegenheit auf tausend Meter Höhe.

Text: Catalina Schröder | Fotos: Jose Torralba

Die Frau steht am Fenster und wartet auf einen Anruf. Jeden Tag steht sie da, es ist der einzige Ort, an dem ihr Empfang hat. Sie wartet auf die vertraute Stimme ihrer Mutter und auf Nachrichten aus einer Welt, die nicht mehr ihre ist. Die Frau, Anneli, gebürtige Dresdnerin, schaut aus diesem Fenster auf ihr neues, ihr besseres Leben.

Sie sieht die Dächer von Matavenero, einem Öko- und Aussteigerdorf, gelegen auf tausend Meter Höhe in der nordspanischen Provinz León. Hier lebt sie mit ihrem spanischen Freund Fernando, 44, und ihrem gemeinsamen fünfjährigen Sohn Joel. Vor fast sechzig Jahren lebte das Dorf noch vom Bergbau. Als der zu Ende ging, besiedelten Hippies aus Deutschland und der Schweiz den verwaisten Ort, weil sie die Abgelegenheit schätzten. Nach und nach siedelten sich weitere Hippies aus ganz Europa an. Heute hat Matavenero siebzig Einwohner aus acht Nationen.

Umgeben von Wäldern und Wiesen leben die Bewohner Mataveneros in einer eigenen Welt, weit entfernt vom nächsten Arzt und Supermarkt. Nicht selten aber ist es die Enttäuschung, die sie in die Einsamkeit getrieben hat.

Von Weitem sieht der Ort aus wie ein romantisches Bergdörfchen. Eingebettet zwischen sanft geschwungenen, sattgrünen Bergketten, liegt es umgeben von Wäldern und Wiesen an einem Hang. Wer näher kommt sieht die Wirklichkeit. Die Häuser sind mit Holz oder Wellblech zusammengeflickte Steinruinen. Dazwischen Indianertipis und provisorische Holzhütten. Die , die lachend durchs Dorf rennen, sehen zerzaust aus. Ein bisschen wie Geschwister von Ronja Räubertochter.

Das Leben in Matavenero zieht Menschen an, die von sich selbst sagen, dass sie ihren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten wollen – als Ausgleich zu denen, die Langstreckenflüge buchen und in immer größere Wohnungen ziehen. Die Menschen im Dorf wollen mit dem Notwendigsten auskommen, die Umwelt schonen und einen Gegenentwurf zum Kapitalismus leben, den sie hier alle ablehnen. Aber klappt das?

Nicht weit von Annelis Haus entfernt wohnt der Straßenmusiker Marek, 34, aus Polen. Wenn er Geld für einen Einkauf braucht, geht er ins nächste Dorf und singt. Ursprünglich wollte er Lehrer werden, doch fürs Studium fehlte es ihm an Disziplin. In Matavenero spielt das keine Rolle, er ist nicht der Einzige, der es in der Welt draußen nicht geschafft hat. Er fühlt sich nicht als Versager. Er kann Musik machen, ohne damit viel Geld verdienen zu müssen und genießt es, keinen Druck zu haben. Ein paar Jahre lang lebte Marek mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Matavenero. Dann ging die Beziehung auseinander, Tochter und Frau verließen das Dorf. Marek blieb. Weil er froh war, endlich frei zu sein vom Druck, mit dem er aufgewachsen war – dem Druck, etwas werden zu müssen, um sich etwas leisten zu können. Ohne den Drang zu konsumieren lebe es sich sehr angenehm, sagt er. So angenehm, dass er dafür sogar auf das Zusammensein mit Frau und Kind verzichtet.

Ein älterer Spanier in Annelis Dorf kommt ganz ohne Geld aus. In seinem Garten baut er Gemüse an. Was er sonst noch zum Leben braucht, tauscht er ein: Kürbis gegen Kaffee. Sellerie gegen Joghurt. Tomaten gegen Seife. Die Leute im Dorf sagen, er sei ein wortkarger Einsiedler, an den man schwer herankomme. Er gehöre zu denen, die sich weniger engagieren, sich nicht gern an der Säuberung des Gebirgsbachs oder bei Arbeiten im Dorf beteiligen würden. Doch auch solche Menschen gehören in die Gemeinschaft, in der im besten Fall alle zusammenstehen sollten. Sie würden den Mann nie verstoßen. Zu den Regeln in Matavenero gehört eben auch, die Menschen anzunehmen, wie sie sind.

Die Ropa Común ist die Kleiderkammer des Dorfes. Die Kleider und Schuhe sind Spenden von Freunden und Touristen.

Kleidung bekommen die meisten aus der Ropa Común, einer Art Kleiderkammer im Dorf. Es sind Sachen, die Freunde und Touristen gespendet haben. Niemand in Matavenero zahlt Steuern, keiner hat für sein Grundstück bezahlt. Der Staat toleriert das. Die meisten bekommen später aber auch keine Rente. Und nur wenige sind krankenversichert.

Anneli wuchs in Dresden auf. Ihr Vater war Friedhofsmeister, die Mutter Hausfrau. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie im Ballettinternat. Täglich trainierte sie bis zu acht Stunden, spielte zusätzlich Klavier. Ihr großer Traum war es, irgendwann auf großen Bühnen zu tanzen. Sie war zwölf Jahre alt, als sie über Schmerzen in den Gelenken klagte. Arthritis, sagte der Arzt.
Heute ist sie von der Krankheit schwer gezeichnet. Der Rücken ist gekrümmt, die Finger kann sie nicht richtig ausstrecken, einige Gelenke sind deformiert. Trotz ihrer dreißig Jahre hat sie etwas Greisenhaftes an sich. Dazu tragen auch das zum Dutt gesteckte Haar und die gebeugte Haltung bei.

Ein Leben in Matavenero bedeutet für Anneli auch: alles selbst zu machen. Gemüse und Obst anbauen, Feuerholz sammeln, Wasser aus dem Bach schöpfen oder einen Steingarten anlegen.

Annelis Familie ist eine Ausnahme, sie lebt von 800 Euro und einer Invalidenrente, die Fernando seit fünfzehn Jahren vom spanischen Staat bekommt, weil ein Hirntumor auf seinen Sehnerv drückt. Auf einem Auge ist er blind. Seinen Job als Dekorateur bei einer spanischen Modekette musste er aufgeben. Anneli vermisst hier nichts.
Viele Menschen in Matavenero sind aus dem System gefallen. Weil sie ihren Job verloren haben, weil sie krank geworden sind. Weil das alte Leben sie enttäuscht hat. Es braucht etwas Zeit, bis sich hinter den routinierten Sätzen über Nachhaltigkeit noch andere Gründe für den Ausstieg zeigen. Annelis Weg nach Matavenero ist auch die Geschichte einer Flucht. Und dieses Dorf abseits der Welt ist für sie ein Versteck geworden. Sie sagt: „Mein ganzes Leben hat mich irgendwie hierhergetrieben.“

Damals als Kind lag sie wochenlang im Krankenhaus. Ihr Vater besuchte sie nicht ein einziges Mal. Zu groß war seine Enttäuschung darüber, dass Annelis Ballettkarriere beendet war, bevor sie richtig begann. Erzählt sie davon, klingt ihre Stimme sachlich. Nur ihr angestrengter Blick ins Nichts lässt erahnen, dass sie der Liebesentzug noch stärker verletzt haben muss als der geplatzte Traum.
Nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Krankenschwester nahm sie ihr Erspartes und fuhr nach Spanien. Dort ließ sie sich treiben: lebte auf der Straße, zog mit Hippies umher, irgendwann hörte sie von Matavenero. Am 16. Dezember 2008, als sie in das Dorf einzog, lagen fünfzig Zentimeter Schnee. Seit diesem Tag, sagt sie, lasse sie sich von niemandem mehr etwas vorschreiben.

Das Haus, in dem Anneli mit ihrer Familie wohnt. So zu leben ist für sie ein Ausgleich zu denjenigen, die in immer größere Wohnungen ziehen.

Das neue Leben bedeutet: im Wald Feuerholz sammeln, aus dem Gebirgsbach Wasser schöpfen, Gemüse und Obst anbauen, Brot backen, keinen Arzt in der Nähe haben, keine Bäckerei, keinen Supermarkt. Kinder tollen über die Wiesen und Wege, und da die wenigen Komposttoiletten schon von Weitem stinken, machen sie einfach ins Gebüsch. Zum Zusammenleben im Dorf gehört es, immer alles im Konsens zu entscheiden. Doch genau dieses Fehlen von Hierarchien und Regeln, die Orientierung bieten könnten, macht es oft besonders kompliziert. „Wenn dein Nachbar ein Problem hat, ist das auch dein Problem“, sagt Anneli.
So wie neulich, als ihre Familie mit den Nachbarn darüber in einen Streit geriet, wer sich eigentlich um den gemeinsamen Weg vor den Häusern kümmern müsse. Was draußen in der Welt der Staat macht, müssen die Bewohner hier, abseits der Welt, alleine regeln. In unregelmäßigen Abständen halten sie Dorfversammlungen. Moderiert von einem Bürgermeister, den es hier gibt, der aber nicht mehr Rechte hat als alle anderen. Er ist da, weil diese Instanz für den spanischen Staat das politische Mindestmaß dafür ist, um ein Dorf anzuerkennen. Wer kümmert sich um den Gebirgsbach, wer um die Wege im Winter? Darum geht es in den Sitzungen. Manchmal wird so lange diskutiert, bis eine Mehrheit für eine Regelung ist. Das ganze System funktioniert nur, wenn sich die Bewohner intuitiv an Regeln halten, die sie sich offiziell aber nicht auferlegen wollen.

Nicht jeder schafft es, so zu leben. Fast die Hälfte der Bewohner hat das Dorf in den vergangenen Jahren verlassen.

Annelis Sohn Joel kreischt vor Vergnügen, als er auf einem Trampolin herumspringt. Er ist im Kindergarten. Heute passt Nicolas, 37, ein großer gelassener Spanier, auf einige Kindergartenkinder auf. Knapp zwanzig Schul- und Kindergartenkinder gibt es in Matavenero. Kindergärtner und Lehrer sein darf jeder, der glaubt, er könne Kindern etwas beibringen. Die spanischen Behörden dulden die Schule. Wer einen Abschluss machen will, muss die Prüfungen allerdings an einer staatlichen Schule ablegen. Neben Mathe und Englisch lernen die Kinder auch, Häuser zu bauen oder den Gebirgsbach von Gestrüpp zu befreien. „Was bringt dir das kleine Einmaleins, wenn du kein Dach über dem Kopf hast?“, fragt Nicolas.

In Matavenero gibt es eine Schule. Lehrer sein darf jeder, der den Kindern etwas beibringen kann. Das kann Englisch sein und Mathe, aber auch das Häuserbauen.

Das freie Lernen und die Tatsache, dass ihr Sohn hier von klein auf Deutsch, Spanisch und Englisch spricht, schätzt Anneli sehr. Für Joel ist Matavenero ein Abenteuerspielplatz und ein Streichelzoo, ein Kletterpark und ein nie enden wollendes Entdeckerparadies, in dem kein einziges Auto fährt. Laufen gelernt hat er erst spät, weil das Gelände extrem uneben ist. Heute, da ist Anneli sich sicher, klettert, springt und balanciert er geschickter als die meisten anderen Kinder in seinem Alter.
Bis Joel elf oder zwölf ist, will die Familie in Matavenero bleiben. Danach, so glaubt Anneli, braucht er eine Schule mit einem größeren Angebot. Er soll alles werden dürfen, was er will. Und es soll seine Entscheidung bleiben, wie und wo er leben will. Das ist ihr wichtig. Sie will ihrem Sohn den Weg nach draußen offenhalten. So wie sie ihn auch für sich selbst immer einen Spalt offenhält.

Einmal im Jahr besucht sie ihre Familie in Dresden. Ihre Eltern können nur schwer verstehen, warum ihre Tochter ein Leben in Matavenero führt, aber sie haben sich damit abgefunden. Joel liebt Oma und Opa. Doch die Euphorie sie zu sehen, verwandelt sich nach wenigen Tagen in ein Gefühl des Eingeschlossenseins. Aufgrund des Straßenverkehrs darf er ihre Wohnung ja nie allein verlassen. „Joel ist immer ganz erleichtert, wenn er das Vierzehn-Quadratmeter-Zimmer bei meinen Eltern wieder verlassen darf“, sagt Anneli. „In unserem Dorf hat er diese grenzenlose Bewegungsfreiheit.“ Auch sie braucht diese Freiheit. Die wiegt letztlich mehr als all der Streit mit Dorfbewohnern. Matavenero ist der Ort des Rückzugs. Das selbst gewählte Exil gibt ihr Raum. So viel, dass sie sich jetzt, nach all den Jahren der Trennung von ihrem alten Leben, wieder richtig freuen kann. Auf das Piepsen ihres Handys. Auf Nachricht aus Deutschland. Und die Stimmen ihrer Eltern.

Die Familie: Vor acht Jahren fing Anneli in Matavenero ein neues Leben an. Gemeinsam mit ihrem Freund Fernando und ihrem Sohn Joel versucht sie, nur mit dem Notwendigsten auszukommen.

„Wer zum ersten Mal nach Matavenero fährt, sieht vielleicht nur den Dreck und die einfachen Häuser, aber für mich ist das Dorf viel mehr.“ Joy, heute 21, verbrachte ihre Kindheit in Matavenero: Eine Kindheit in Freiheit.


Dieser Text ist in der Ausgabe 08/16 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.