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"Kinder kann kriegen, wer damit fertig wird"

Thilo Sarrazin, ehemaliger Finanzsenator Berlins, ist jetzt Vorstand der Bundesbank - aber seine ruppige Art hat er nicht abgelegt. Im Interview mit dem stern spricht er über Fortpflanzung, das Wärmebedürfnis von Hartz-IV-Empfängern und den Unsinn einer Rentenerhöhung.

Von Andreas Hoffmann

Er macht dort weiter, wo er als Berliner Finanzsenator aufgehört hat. Thilo Sarrazin, der frisch gebackene Bundesbanker, provoziert wieder. Im stern-Interview hält er die nahende Rentenerhöhung im Juli für"völlig unsinnig". Stattdessen müsste die Regierung die Bürger darauf vorbereiten, dass die Altersbezüge langfristig fallen werden.

Er ist jetzt Bundesbanker. Und normalerweise ist das Anforderungsprofil klar. Ein Bundesbanker redet kein Klartext. Er spricht über Wechselkurse und Zinssätze, über Finanzfragen und Geldmengenbegriffe, aber bleibt so abgewogen, dass die Zuhörer wegdämmern. Nicht so Thilo Sarrazin. Er teilt aus wie früher, und diesmal nimmt sich er sich Bundesregierung und ihre Rentenpolitik vor. Er beurteilt die bevorstehende Rentenerhöhung im Juli als "völlig unsinnige Maßnahme". Dadurch würden die Altersbezüge "übermäßig" erhöht, sagt er.

Die Glaubwürdigkeit von Bankern

Lieber denkt Sarrazin schon einmal 25 bis 30 Jahr in die Zukunft voraus. Was er dort entdeckt, gefällt ihm nicht. Er sieht immer mehr Rentner und immer weniger Beschäftigte. Gegenwärtig komme auf einen Arbeitnehmer ein halber Rentner, in 25 bis 35 Jahren liege das Verhältnis bei eins zu eins, sagt er. Das lässt für ihn nur einen Schluss zu. "Langfristig müssen die Renten natürlich real fallen", sagte er. "Wir können die Erwerbstätigen nicht ohne Ende belasten." Deshalb müssten die Renten "langfristig auf das Niveau einer Grundsicherung sinken", sagte Sarrazin.

Der knorrige Sozialdemokrat weiß aber einen Ausweg. Die Bürger müssten sich nur auf die Zeit als Rentner rechtzeitig einstellen und Geld zurücklegen. Angesichts der Finanzkrise und den Turbulenzen an den Börsen sei das zwar nicht leicht, aber wer sich an sichere Anlagen halten würde wie Bundesanleihen könne wenigstens die Inflation austricksen. Vor allem sollte man sich nicht von den Versprechungen der Geldinstitute blenden lassen. "Man muss den Leuten sagen: Glaube keinem Bankberater", sagte er dem stern.

Aber wie geht`s nun weiter? Wann ist die Krise zu ende? Auf die Frage, die derzeit die meisten Menschen umtreibt, zuckt er nur mit den Schultern. Was viele Experten da veranstalten würden, sei ohnehin nur ein "gehobenes Ratespiel", an dem er sich nicht beteiligen wolle und fährt fort: "Man kann ohne weiteres sagen, dass die Krise in drei bis fünf Jahren vorbei ist. Mehr aber auch nicht."

Vom Vorzug der Schwarzarbeit

Thilo Sarrazin ist Sozialdemokrat. Eigentlich. Aber er leidet zuweilen an seiner Partei - und sie an ihm. Der sperrige Westfale hat seine Genossen regelmäßig erschreckt. Auch diesmal werden seine Worte vielen Sozialdemokraten nicht gefallen. So glaubten viele Politiker, dass man soziale und Bildungsprobleme mit mehr Geld lösen könne. Doch das sei ein Irrweg wie seine Erfahrungen in der Hauptstadt gezeigt hätten. "Wenn Berlin bei Pisa ganz hinten regiert und bei den Bildungsausgaben ganz vorn, dann liegt der Schluss nahe dass es nicht am Geld hängt." Sarrazin fordert deshalb, dass die Politiker darauf drängen müssten, das Verhalten der Bürger zu ändern. "Die große Frage ist: Wie kann ich es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden", sagte er dem stern. Gegenwärtig würden manche Frauen zwei, drei oder mehr Kinder in die Welt setzen, obwohl sie "nicht das Umfeld" oder "die persönlichen Eigenschaften" hätten, "um die Erziehung zu bewältigen". Deswegen müsse das Sozialsystem so geändert werden, "dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist", sagte er.

Sarrazin griff auch wieder das Verhalten vieler Hartz-IV-Empfänger an. Weil Städte und Gemeinden die Heizkosten übernehmen würden, gingen die Bedürftigen oft verschwenderisch mit Energie um. "Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause; zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster", sagte er dem stern.

Aber er zeigte auch Verständnis für manche Arbeitlose, etwa wenn sie schwarzarbeiten würden. Prinzipiell sei ein solches Verhalten zwar abzulehnen. Doch mit diesem Vorgehen würden Arbeitslose in ihre Person investieren. "Wer irgendwo ein Zimmer tapeziert, kommt abends mit besserer Laune nach Hause; er hat besser durchgeatmet und ist zu seiner Frau netter."

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