Der Tag, als Fischbeck versank

10. Juni 2013, 19:34 Uhr

Ungeheure Mengen an Wasser strömen durch einen gebrochenen Deich in Sachsen-Anhalt. Mitten in der Katastrophe wird auch noch das Krisenmanagement entmachtet. Andernorts muss bitter ausgeharrt werden.

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Nach dem Deichbruch wurde das Dorf Fischbeck überflutet©

Bis zum letzten Moment versuchen die Helfer, den Damm bei Fischbeck an der Elbe zu halten. Vergebens. Auf mehr als 50 Meter rutscht der Deich weg, ungeheure Mengen Wasser fließen durch das Loch, das durch die Flut immer größer wird. Das Desaster von Fischbeck zeigt die Gewalt des Flusses und setzt in kurzer Zeit Felder und Häuser unter Wasser.

Dem Deichbruch folgt ein in der Hochwasserkrise von Sachsen-Anhalt bislang einmaliger Vorgang. Das Land entmachtet den regionalen Krisenstab, will tausende Helfer und Soldaten im Landkreis Stendal nun selbst koordinieren. Offiziell wird das mit der kritischen Lage begründet. Aber zuvor hatte es schon Vorwürfe gegen das örtliche Krisenmanagement gegeben, nicht genug Helfer gerufen zu haben.

Von den politischen Debatten, heiß gelaufenen Telefonen und vielen Gesprächen der Krisenstäbe untereinander bekommen die Helfer vor Ort nichts mit. Deichläufer Jürgen Peyer geht in der knallroten Warnweste über einen der Dämme, hält in der Hand einen Stock mit einem roten Bändchen. Das soll er dort hineinstecken, wo braunes Wasser auf ein Leck hinweisen könnte. "Bislang ist mir das noch nicht passiert."

Ein Raupenfahrzeug wird zum Stöpsel in der Wanne

Wenig weiter wird ein Raupenfahrzeug, das in den Deich eingesackt ist, aufgegeben. Es versinkt im Schlamm und wird von Helfern einfach weiter eingebaut. "Wir wollten es nicht wie einen Stöpsel aus der Badewanne ziehen", sagt Hans-Hermann Haak von der technischen Einsatzleitung. Vielleicht kann es in vier Wochen wieder abgeholt werden.

Wenn hier, in den dünn besiedelten Gebieten, Fahrzeuge unterwegs sind, waren es am Montag Laster mit Sandsäcken und Fahrzeuge von Bundeswehr und Feuerwehr. Das Land ist sehr flach, unterbrochen von Baumgruppen und Büschen. Die Dörfer bestehen nur aus wenigen Häusern. Vielerorts zeugen nur die großen Strommasten von Zivilisation.

Vergleichsweise glimpflich sind viele Menschen in Magdeburg davongekommen, wo der Hochwasserscheitel am Sonntag zuschlug. Jens Rieffenberg steht mit einem Kaffee in der Hand am Deich hinter seinem Restaurant in Magdeburg-Prester. Er wirkt unaufgeregt, fast entspannt. Die Sonne scheint, es weht eine laue Brise. "Es ist ein bitteres Ausharren", sagt der 47-Jährige.

2007 hat er die alte Kirche gekauft und zu einem Restaurant umgebaut. Seit Donnerstag ist das Lokal geschlossen. Doch nass ist bisher nichts geworden. Der Deich hält bislang. Aber stadtweit sollten 23.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Zahlreiche Keller wurden überflutet.

Niedersachsen hofft

Seit die Stadt die Räumung ihrer östlichen Teile wegen drohender Deichbrüche und Überflutungen angeordnet hat, haben Tausende Zuflucht bei Verwandten, Bekannten oder in Notunterkünften gefunden. An vielen Häusern in den Stadtteilen Cracau oder Prester sind die Rollläden unten, Sandsäcke wurden in die Kellerfenster gepresst und manchmal sogar in die Fenster der ersten Etage. Am Geländer der Strombrücke, die aus dem Zentrum in die östlichen Stadtteile Magdeburgs führt, hat jemand ein Bettlaken gehängt. Darauf steht: "Dank euch Helfer!"

Die Schäden gehen trotzdem in die Milliarden. Das weiß auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), wie sie bei einem Besuch in Wittenberge im Land Brandenburg versichert. Der Bund werde die Menschen nicht im Stich lassen, bekräftigt sie am Montag. Genaueres werde mit den Ministerpräsidenten der betroffenen Länder an diesem Donnerstag besprochen.

Doch jetzt richten sich die Blicke zunächst weiter in den Norden, nach Niedersachsen. Dort keimt Hoffnung auf, dass der Scheitelpunkt des Hochwassers vielleicht schon da ist und nicht so hoch steigt wie befürchtet.

In Neu Darchau im Landkreis Lüchow-Dannenberg steht die Elbe am Fähranleger bereits eine Handbreit höher als die Hauptstraße, die dort seit Tagen unter den Sandsäcken endet. Das Wasser rinnt darunter vor, die Generatoren der Pumpen verrichten mit Getöse ihre Arbeit.

"So hoch war es noch nie, da macht man sich schon Sorgen", sagt Erika Münch, deren Haus nur rund hundert Meter entfernt liegt. "Man muss abwarten, was kann man machen." Über den sandfarbenen Wall schauen zwei Soldaten Richtung Fluss, als beobachteten sie den Feind.

Prognosen sahen den Höhepunkt hier erst in Tagen überschritten, doch am Nachmittag gab es gute Nachrichten: "Im Moment sieht es so aus, als würde das Wasser derzeit ungefähr bei 8,15 Metern stehenbleiben, je nachdem was heute noch flussaufwärts so an den Deichen passiert", sagt Feuerwehrsprecher Jens Christ, Sprecher der Feuerwehr Elbtalaue. Die Erleichterung ist ihm anzumerken.

anb/DPA
 
 
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