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21. Juli 2009, 20:42 Uhr

Den eigenen Kot gespritzt

Wochenlang rätseln die Ärzte. Der kleine Carlos wird und wird nicht gesund. Erst der Chefarzt schöpft einen Verdacht, der sich bald bestätigt. Carlos' eigene Mutter ist der Grund für das lange Leiden. Sie will die Aufmerksamkeit der Ärzte erregen und spritzt dem Kleinen ihren eigenen Kot. Die Frau leidet unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Von Uta Eisenhardt

 
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Von der Mutter vernachlässigt: Meist lag das kleine Kind blass, matt, hohläugig und graugesichtig in seinem Bettchen© Colourbox

Der furchtbare Verdacht wurde während der Chefvisite ausgesprochen: Weil die Ärzte seit Wochen keine Ursache für die ständigen Fieberschübe und Blutvergiftungen bei dem 19 Monate alten Carlos herausfinden konnten, äußerte der Leiter der Kinderklinik, man müsse auch an das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom denken. Der erfahrene Mediziner, der in mehreren Kliniken Deutschlands gearbeitet hatte, kannte im Gegensatz zu seinen Kollegen diese seltene psychische Erkrankung: Die Betroffenen verletzen und schädigen die eigenen Kinder, um während der ärztlichen Behandlung Zuwendung zu erfahren und in die Rolle der besorgten Mutter zu schlüpfen.

Spritzen in der Waschtasche

"Wir haben uns sehr schwergetan, den Verdacht in das Spektrum einzubeziehen", sagt der Kinderklinik-Chef. "Aber wenn man Schwierigkeiten hat, eine Krankheit zu diagnostizieren, sollte man auch über andere Dinge nachdenken." Heike Schumann* wurde in den folgenden zwei Wochen genau beobachtet. Darum erkundigte sich die Stationsschwester bei einer Krankenschwester, ob ihr beim Reinigen von Carlos' Krankenzimmer etwas Besonderes aufgefallen wäre.

"Eigentlich nicht", sagte die Befragte. Aber dann fiel ihr doch etwas ein: Spritzen habe sie in der geöffneten Waschtasche der Mutter erblickt. Dies ist nicht ungewöhnlich im Krankenhaus, wo fast alle kleinen Dauerpatienten das nachspielen, was sie täglich erleben. Doch in diesem Fall wurden die am Ende bräunlich gefärbten Spritzen sofort untersucht. In zwei der fünf Spritzen befanden sich Kotreste, die von Heike Schumann stammten.

Seit Februar muss sich die 30-Jährige vor dem Landgericht Berlin verantworten. Zunächst ging die Anklage von versuchtem Mord aus. Sie habe ihrem Sohn ihre eigenen Exkremente über dessen permanenten Venen-Zugang gespritzt, so Staatsanwalt Rudolf Hausmann. Blass, mit umschatteten Augen sitzt die kindliche, schmale Frau vor ihren beiden Verteidigerinnen Brigitte Kolb und Natalie von Wistinghausen. Nur die rosa und hellblaue Kleidung sorgt für etwas Farbe. Ihre glatten, schwarzen Haare wirken glanzlos-struppig, ihre Sitzhaltung eigentümlich starr. Ab und zu bewegen sich ihre Füße. Sie ähnelt so gar nicht der jungen Frau, die Udo Schumann* vor sieben Jahren seiner Mutter als neue Freundin vorgestellt hat.

Vom Onkel missbraucht

Fröhlich, lebhaft und sensibel sei sie gewesen, berichtet Heikes Schwiegermutter Regina Schumann*: "Wir wussten nicht viel von ihr. Sie hat aus dem Alltag erzählt, aber nichts von ihrem Zuhause." Weder die Schwiegermutter noch ihr Mann kannten die psychischen Probleme der jungen Frau. "Für meinen Sohn war sie ein weißes Blatt", sagt die Zeugin.

Erst nach der Katastrophe mit Charlos erfuhr die Familie von Heikes lieblosem Elternhaus, in dem ein alkoholkranker Vater ein Klima von Willkür, Angst und Bedrohung erzeugte. Dazu wurde sie jahrelang von ihrem Onkel sexuell missbraucht. Er soll sie geschwängert haben, das Kind ließ sie abtreiben. Als er der inzwischen 18-Jährigen ankündigte, sich an anderen Kindern vergreifen zu wollen, drohte sie ihn anzuzeigen. Deshalb habe sich der Onkel das Leben genommen.

"Daraufhin ging es mir noch schlechter", lässt die Angeklagte von ihren Verteidigerinnen vortragen. Nach dem Tod ihres Vergewaltigers habe sie angefangen, sich selbst zu verletzen. Sie litt ständig an unerklärlichen Krankheiten, darunter auch Fieberschüben. Möglicherweise machte sie erstmals die Erfahrung, wie man künstlich hohes Fieber erzeugt, vermutet Verteidigerin Natalie von Wistinghausen. Monate verbrachte die damals 20-Jährige in stationärer psychiatrischer Behandlung. Eine Therapie habe sie jedoch stets abgelehnt.

Charlos' Ärmchen wurden immer dünner

Udo Schumann lernte sie kennen, als sie ihre Mutter auf einer Kur besuchte. Er sei der ideale Mann gewesen: Der schwerkranke Frührentner habe sich stets fürsorglich, rücksichts- und verständnisvoll gezeigt, so der psychiatrische Gutachter Holger Wehowsky. Tatsächlich schien die junge Frau psychisch stabil in den Jahren, die sie allein mit Udo Schumann verbrachte. "Ich bereue, dass ich mich meinem Mann nicht anvertraut habe. Er hätte mir sicher geholfen", sagt die Angeklagte durch ihre Verteidigerin.

Die überraschende Schwangerschaft mit Carlos zerstörte das mühsam gefundene seelische Gleichgewicht, so der Psychiater. Es war eine komplizierte Schwangerschaft, sie musste ein halbes Jahr liegen, bevor das Kind auf die Welt geholt wurde. Mit ihm trat ein kleines Geschöpf in das Leben der Angeklagten, welches die Zuwendung forderte, die sie ihm nicht geben konnte, weil sie selbst bedürftig war. Kurz nach der Geburt litt das Kind bereits an einer "Gedeihstörung". Möglicherweise mangelte es der magersüchtigen Mutter schlicht an Einfühlungsvermögen für den Nahrungsbedarf des Säuglings, glaubt Verteidigerin Brigitte Kolb. Als Heike Schumann aus gesundheitlichen Gründen eine zweite Schwangerschaft abbrechen musste, verschlechterte sich der Ernährungszustand des knapp Einjährigen dramatisch. Er nahm drastisch ab, obwohl er ständig hungrig war und nach allem Essbaren gierte.

"Von mangelnder Ernährung kann keine Rede sein. Ich weiß, dass mein Sohn gut kochen kann", sagt Oma und Schwiegermutter Regina Schumann. Sie habe das Paar immer unangemeldet besucht. Doch Carlos' Ärmchen wurden immer dünner, er lernte nicht laufen und sprechen. Im Herbst 2007 wies seine Kinderärztin den knapp neun Kilo wiegenden Jungen in die Klinik ein. Hier wurde ihm am Hals ein permanenter Zugang in die obere Halsvene gelegt, darüber wollte man ihn mit Flüssigkeit versorgen.

Zeuginnen: "Eine liebevolle, überbesorgte Mutter"

Vier Wochen nach seiner Einweisung hatte Carlos über 40 Grad Körpertemperatur. Dies änderte sich auch nicht in den nächsten Tagen, obwohl die Ärzte das Kind förmlich auf den Kopf stellten, es vielen quälenden Untersuchungen unterziehen mussten: "Er wurde gepikst und gepikst", erinnert sich seine Großmutter. "Schon die Vorbereitung zur Darmspiegelung war das blanke Elend. Es war eine Viecherei."

Eine weitere Woche war vergangen, als Carlos das erste Mal auf die Intensivstation (ITS) verlegt werden musste. Die Schwestern hatten sich bereits darüber gewundert, dass die Mutter im Bett ihres Sohnes schlief. Vollends seltsam jedoch fanden sie Heike Schumanns Protest gegen die Verlegung ihres Sohnes auf die ITS. "Ich habe das noch nie erlebt, dass ein Kind nicht auf die ITS verlegt werden soll. Die meisten Eltern sind froh und glücklich, wenn dem Kind geholfen wird", sagt eine Schwester dem Gericht. Der Psychiater erklärt den mütterlichen Protest mit der Angst vor Kontrollverlust.

Die meisten Schwestern, die vor Gericht als Zeuginnen aussagen, beschreiben Heike Schumann als liebevolle, überbesorgte Mutter, die sich aufopferungsvoll um ihr schwerkrankes Kind kümmerte. Doch diejenige Schwester, die am meisten mit Mutter und Kind zu tun hatte, scheint die Angeklagte genauer beobachtet zu haben: "Je schlechter es Carlos ging, um so besser ging es Frau Schumann, um so agiler, um so euphorischer wurde sie. Das fiel auf." Während andere Mütter ihre Kinder küssen und drücken, habe die junge Frau ihr Kind ständig, aber monoton auf dem Arm gehalten, "wie man eine Einkaufstasche trägt."

Meist jedoch lag der kleine Kerl blass, matt, hohläugig und graugesichtig in seinem Bettchen. "Er war kurz davor zu versterben", sagt der Leiter der Kinderklinik. Doch so sehr die Ärzte den Jungen auch untersuchten, sie konnten die Ursache nicht finden. Neun Tage nach seinem ersten Aufenthalt auf der Intensivstation erlitt der Junge wieder eine lebensbedrohliche Sepsis. Er musste erneut auf die ITS, zehn Tage später noch einmal.

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KOMMENTARE (10 von 17)
 
Hanneh (23.07.2009, 11:55 Uhr)
Frühzeitige Prävention
Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom
ist mit eines der scherwiegensten Formen der Kindesmisshandlung,da es nur sehr schwer zu erkennen ist.Die in der Kindheit schwerst traumatisierten Mütter geben sich dem Kind scheinbar gegenüber liebevoll,ja,in der Tat,sie wirken oft überbehütet und nur ein geübtes Auge kann die Beziehungsstörung erkennen.Der schizophrene Zug dieser gespaltenen Persönlichkeit kämpft um die eigene Anerkennung und Zuwendung,die ihm in der Kindheit versagt wurde und müsste eigentlich dringenst frühzeitig aufgearbeitet werden.Ich möchte das keinesfalls generalisieren,jedoch durch viele verschiedene Faktoren in unserer heutigen leistungsorientierten Ellenbogengesellschaft,müsste der, meiner Meinung nach, entstandene Teufelskreis durchbrochen werden.
Kindesmisshandlung,-vernachlässigung und-missbrauch wird man leider nie ganz verhindern können.Jedoch glaube ich,eine frühzeitig angesetzte Präventionarbeit,die sich durch verschiedene Maßnahmen gestalten könnte(ich denke da z.B. an das soziale Frühwarnsystem der Stadt Gütersloh),könnte wenigstens etwas dafür getan werden,dass viele Kinder in unserem Land nicht so unendlich leiden müssen.
binausgold (22.07.2009, 15:25 Uhr)
@eric111
nu tun sie doch nicht so, als würde nur den frauen alles erlaubt werden! bei männlichen kinderschändern oder vergewaltigern sieht es doch keinen deut besser aus! wenn ich sehe wie schnell kinderschänder im allgemeinen zu schnell wieder frei kommen und wie viel an deren verhalten psychisch und in der kindheit begründet wird, dann wird mir im allgemeinen schlecht!
das sind alles erwachsene leute. man kann doch nicht immer für alles die schlechte kindheit verantworlich machen.
es wird in den meißten fällen viel zu milde geurteilt, viel zu oft laufen gelassen und viel zu sehr auf den armen täter eingegangen!
schluß damit! egal ob mann oder frau!
manesse (22.07.2009, 11:55 Uhr)
@Benedetta
Ihre Empathie sollte besser dem Opfer gelten. Es gibt genügend Menschen, die eine schlimme Kindheit hatten und sexuelle Übergriffe ertragen mussten, die aber Kindern keinen Kot in die Adern spritzen.
Wer solche widerlichen Gelüste verspürt, muss von sich aus schleunigst den Seelenklempner aufsuchen und zwar noch, bevor es überhaupt zur Tatausführung kommt.
Die Hauptschuld an diesem Verbrechen trifft selbstverständlich diese Frau selbst - egal welche Vorgeschichte sie hat. Das Gericht hat diese Vorgeschichte ja berücksichtigt, mehr aber auch nicht. Und das ist auch gut so.
Ich glaube nicht, dass Sie einem Kinderschänder mit ähnlich gelagerter Biographie gleiches Verständnis entgegenbrächten, wenn er sich für sein schändliches Tun auf seine schlimme Kindheit berufen würde. Und was diese Frau ihrem Kind angetan hat, ist durchaus als eine andere Form der Schändung zu bezeichnen.
Man muss nicht für alles Verständnis haben.
Benedetta (22.07.2009, 11:32 Uhr)
@manesse
Unreflektiert, dumm, empathielos, das ist Ihr Kommentar. Der, den hier die Hauptschuld trifft, ist erstens der Vergewaltiger der Frau und zweitens deren Eltern(haus). Die Frau ist psychisch schwerkrank. Das ist zwar keine Entschuldigung für diese furchtbare Tat, sollte aber nicht als "Sparren" abgetan werden. Oder würden Sie so über Ihre Tochter (falls Sie eine hätten) schreiben, der genau dasselbe passieren KÖNNTE (falls sie vergewaltigt würde etc pp??)? Keiner ist davor gefeit, jeden kann es treffen!
vita (22.07.2009, 10:17 Uhr)
Lesen des Artikels vor Kommentieren...
wäre doch nicht zu viel verlangt. Oder macht man das nicht mehr?
.
Die Frau kann dem Kind seit Entdeckung des gefährlichen Verhaltens nichts mehr tun und wird es auch nie wieder können, denn sie hat keinen Umgang mehr. Das Kind wächst beim Vater auf, der die Scheidung einreichte. Vater und Großmutter sind wohl die Bezugspersonen des Kindes und die Mutter spielt damit keine Rolle mehr.
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Hinzu kommt eine Strafe, die den Möglichkeiten des Strafrechts gerecht wird und kaum vernünftiger hätte ausfallen können.
Huxley_82 (22.07.2009, 09:08 Uhr)
Verrückt
Das ist wirklich verrückt. Okay die Frau hatte es nicht einfach in ihrem Leben. Aber seine eigene Schei**e dem Kind in die Vehnen zu spritzen... Man MUSS man davon ausgehen, dass das Kind dabei stirbt. Ich wäre jedenfalls davon ausgegangen. So jemand gehört lebenslänglich in eine geschlossene Psychatrische Klinik und damit meine ich lebenslänglich. Auch wenn sie eine Krankheit hat und vielleicht wenig dafür kann ist sie doch eine bedrohung für die Gesellschaft, vor allem für ihr Kind. Wer sagt denn, dass die wenn sie dann aus dem Knast rauskommt nicht wieder direkt zu ihrem Kind geht und das Mitnimmt/umbringt/sonstwas damit macht.
ambio (22.07.2009, 06:54 Uhr)
Tja...
dieses Syndron entschuldigt natürlich ALLES oder ?
Man muss sich wirklich allen Ernstes fragen was für geistesgestörte Evolutionsmutanten noch aus dieser degenerierten Gesellschaft entspringen.
DasBertl (22.07.2009, 03:18 Uhr)
@Hostie
Absolut Richtig!
bytfisch (22.07.2009, 02:06 Uhr)
Aeusserst seltsam
Es ist schon verwunderlich wenn Frauen in Deutschland Ihre Kinder in Kinderklappen legen. Der Staat, also wir die Gesellschaft hilt. Noch verwunderlicher ist es wenn Frauen nichts für ihr Neugeborenes tun, seltsam. Wenn dann noch eine psychisch kranke Frau so etwas abwegiges tut, dann ist unsere Leistungsgesellschaft überfordert.
MfG
bytfisch
waldfrucht (22.07.2009, 01:55 Uhr)
Es ist eine Tatsache
Zeuginnen: "Eine liebevolle, überbesorgte Mutter"
Eine "liebevolle" Mutter (allen psychischen Beeinträchtigungen zum Trotz) würde ihrem Kind niemals den eigenen Kot spritzen. Auch wenn ich das nur vermuten kann gebietet das der Verstand.
Aber die Tat in Folge des Münchhausen-Stellvertretersyndroms kann in diesem Fall als schwere Kindesmisshandlung gehandelt werden und demnach sollte sie auch für diesen Tatbestand belangt werden.
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