Ein Rentner pflegt seine schwerkranke Frau. Was seine Kräfte übersteigt - doch er will sie nicht in ein Heim geben. Deshalb ignoriert er auch die Verletzungen, die sich seine Frau bei ihren Stürzen zuzieht - bis es fast zu spät ist. Von Uta Eisenhardt

Justitia musste entscheiden: Wie geht sie mit einem alten Mann um© Phillip Gülland/DDP
Sie sah schlimm aus, ihr Gesicht war ein einziger blauer Fleck. Die Rechtsmedizinerin, die Helga Berndt* untersuchte, fand kaum eine unverletzte Körperstelle - überall Einblutungen und Abschürfungen. Der Schädel wies eine handtellergroße Schwellung auf, unter der Hirnhaut diagnostizierte die Ärztin eine Blutung. Rippen und Wirbel waren gebrochen, das Schulterblatt abgerissen. Wie konnte sich die demente Parkinson-Patientin so verletzen? Ihr Mann soll Antworten geben und steht nun deshalb vor Gericht.
Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft schlug er seine Frau. Wolfgang Berndt* ist ein massiger, rotgesichtiger Mann. Das weiße Haar ordentlich frisiert, sitzt er kerzengerade auf seinem Stuhl. Vor Gericht bewahrt man Haltung.
Wie geht es Ihrer Frau", fragt ihn die Richterin. "Nicht gut", antwortet der Rentner. "Sie siecht vor sich hin." Auch ihm selbst gehe es schlecht. Er mache sich Sorgen um seine Frau und habe Angst vor der Zukunft. Jeden Tag fahre er zu ihr ins Heim, in dem sie nun seit fast einem Jahr lebt. Manchmal erkenne sie ihn, manchmal aber auch nicht.
Fünf, sechs Jahre ist es her, da fiel ihm erstmals die Vergesslichkeit seiner Gattin auf. Vor einer Urlaubsreise packte sie ihre Sachen ein und wieder aus, weil sie nicht mehr wusste, was sich bereits im Koffer befand. Bald darauf trat der Wirtschaftsingenieur und Bauleiter den Ruhestand an, um die Pflegebedürftige zu betreuen.
Tag für Tag wusch, bekochte und fütterte er die ihm Angetraute, zog sie an und stützte sie auf allen Wegen. Er schlief noch mit ihr, sinnvolle Gespräche aber waren nicht mehr möglich. Vier Jahre lang übte der Rentner diesen 24-Stunden-Job aus, der ihn seelisch und körperlich allmählich überforderte. Immer wieder sprang die kleine, zierliche Frau unvermittelt auf. Einmal fiel sie ihm vor der Abfahrt aus dem Auto, ein anderes Mal beim Schuhe anziehen in den hölzernen Garderobenständer. "Ich kann sie nicht mehr selber halten", sagt der 68-Jährige.
Er habe sie in der Wanne gebadet. Beim Herausheben sei sie ihm aus den nassen Händen gerutscht: "Ich hab sie nicht richtig heraus gekriegt." Die kleine Zierliche sei auf den Badewannenrand gegrätscht. "Wie ein Stück hilfloses Fleisch", sagt der Angeklagte mit weinerlichem Unterton.
Drei Tage später habe er seine Frau eine Treppe mit neun Stufen herunter geführt. "Ich bin rückwärts gegangen, beide Hände an ihr. Dann habe ich irgendwie einen zu langen Schritt gemacht..." Er sei gestürzt und seine Frau über ihn hinweg an die Hauswand gefallen. Dabei hätte sie sich am Schädel verletzt. "Ich habe keinen Arzt geholt, weil ich annahm, dass nichts Wesentliches passiert ist", sagt der Rentner.
Helga Berndt musste sich noch ein weiteres Mal verletzen, bevor er Hilfe holte. In den frühen Morgenstunden des übernächsten Tages sei sie aus dem Bett gefallen. "Die wollte wahrscheinlich aufstehen, was sie nicht mehr konnte", erklärt der Angeklagte. Er habe sie ins Bett legen wollen, es aber nicht mehr geschafft. Darum habe er sie auf dem Teppichboden liegen lassen und zugedeckt. "Dann ging das Grübeln los."