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4. März 2010, 18:59 Uhr

Die Angst vor der Einsamkeit

Ein Rentner pflegt seine schwerkranke Frau. Was seine Kräfte übersteigt - doch er will sie nicht in ein Heim geben. Deshalb ignoriert er auch die Verletzungen, die sich seine Frau bei ihren Stürzen zuzieht - bis es fast zu spät ist. Von Uta Eisenhardt

 
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Justitia musste entscheiden: Wie geht sie mit einem alten Mann um© Phillip Gülland/DDP

Sie sah schlimm aus, ihr Gesicht war ein einziger blauer Fleck. Die Rechtsmedizinerin, die Helga Berndt* untersuchte, fand kaum eine unverletzte Körperstelle - überall Einblutungen und Abschürfungen. Der Schädel wies eine handtellergroße Schwellung auf, unter der Hirnhaut diagnostizierte die Ärztin eine Blutung. Rippen und Wirbel waren gebrochen, das Schulterblatt abgerissen. Wie konnte sich die demente Parkinson-Patientin so verletzen? Ihr Mann soll Antworten geben und steht nun deshalb vor Gericht.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft schlug er seine Frau. Wolfgang Berndt* ist ein massiger, rotgesichtiger Mann. Das weiße Haar ordentlich frisiert, sitzt er kerzengerade auf seinem Stuhl. Vor Gericht bewahrt man Haltung.

Angst vor der Zukunft

Wie geht es Ihrer Frau", fragt ihn die Richterin. "Nicht gut", antwortet der Rentner. "Sie siecht vor sich hin." Auch ihm selbst gehe es schlecht. Er mache sich Sorgen um seine Frau und habe Angst vor der Zukunft. Jeden Tag fahre er zu ihr ins Heim, in dem sie nun seit fast einem Jahr lebt. Manchmal erkenne sie ihn, manchmal aber auch nicht.

Fünf, sechs Jahre ist es her, da fiel ihm erstmals die Vergesslichkeit seiner Gattin auf. Vor einer Urlaubsreise packte sie ihre Sachen ein und wieder aus, weil sie nicht mehr wusste, was sich bereits im Koffer befand. Bald darauf trat der Wirtschaftsingenieur und Bauleiter den Ruhestand an, um die Pflegebedürftige zu betreuen.

Tag für Tag wusch, bekochte und fütterte er die ihm Angetraute, zog sie an und stützte sie auf allen Wegen. Er schlief noch mit ihr, sinnvolle Gespräche aber waren nicht mehr möglich. Vier Jahre lang übte der Rentner diesen 24-Stunden-Job aus, der ihn seelisch und körperlich allmählich überforderte. Immer wieder sprang die kleine, zierliche Frau unvermittelt auf. Einmal fiel sie ihm vor der Abfahrt aus dem Auto, ein anderes Mal beim Schuhe anziehen in den hölzernen Garderobenständer. "Ich kann sie nicht mehr selber halten", sagt der 68-Jährige.

"Wie ein Stück hilfloses Fleisch"

Er habe sie in der Wanne gebadet. Beim Herausheben sei sie ihm aus den nassen Händen gerutscht: "Ich hab sie nicht richtig heraus gekriegt." Die kleine Zierliche sei auf den Badewannenrand gegrätscht. "Wie ein Stück hilfloses Fleisch", sagt der Angeklagte mit weinerlichem Unterton.

Drei Tage später habe er seine Frau eine Treppe mit neun Stufen herunter geführt. "Ich bin rückwärts gegangen, beide Hände an ihr. Dann habe ich irgendwie einen zu langen Schritt gemacht..." Er sei gestürzt und seine Frau über ihn hinweg an die Hauswand gefallen. Dabei hätte sie sich am Schädel verletzt. "Ich habe keinen Arzt geholt, weil ich annahm, dass nichts Wesentliches passiert ist", sagt der Rentner.

Helga Berndt musste sich noch ein weiteres Mal verletzen, bevor er Hilfe holte. In den frühen Morgenstunden des übernächsten Tages sei sie aus dem Bett gefallen. "Die wollte wahrscheinlich aufstehen, was sie nicht mehr konnte", erklärt der Angeklagte. Er habe sie ins Bett legen wollen, es aber nicht mehr geschafft. Darum habe er sie auf dem Teppichboden liegen lassen und zugedeckt. "Dann ging das Grübeln los."

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
Jazebel (05.03.2010, 10:41 Uhr)
ob das Heim wirklich die bessere Wahl ist?
Utopisch anzunehmen das in Krankenhäusern oder Heimen nie Stürze der zu Pflegenden geschehen. Für so etwas gibt es sogar Standardformulare. Das einzige Mittel dem vorzubeugen und die Unversehrtheit der Patienten zu garantieren, wäre sie rund um die Uhr ans Bett zu fesseln, aber wo bleiben da die Menschenrechte?
MarthaMuse (04.03.2010, 21:02 Uhr)
gerade recht
Da kommen doch die absurden Ideen der Familienministerin zur Pflege von Angehörigen gerade recht... dieses Mädelchen hat keine Ahnung, was sowohl Pflegende als auch Gepflegte in solchen Abhängigkeitsverhältnissen mitmachen, ohne dass jemand ihr Leid sieht oder sehen will.

Was daherkommt wie eine familienfreundliche Idee ist doch in Wahrheit nichts anderes als schlecht ummantelter eiserner Sparwille. Denjenigen, die die Flucht in die Arbeit genutzt haben, um die schwerste Pflege nicht leisten zu müssen, aus welchen Gründen auch immer, soll ein Argument weggenommen werden und gleichzeitig wird ein Arbeitsplatz eingespart, nämlich der eines qualifizierten Pflegers. Und indem man die Pflege der schwerstpflegebedürftigen Angehörigen in die alleinige Verantwortung der Verwandten legt, spart man Geld, das für die Einrichtung von Tagesstätten für zum Beispiel Demenzkranke aufgebracht werden müsste. Mit erhöhter Perfidie wird Verwandten Schuld eingeredet, wenn sie die Pflege nicht zu leisten im Stande sind.

Die Verzweiflung der Pflegenden wird gegen sie gewendet, indem man ihnen Versagen und Egoismus vorhält, wenn sie das, was ihnen abverlangt wird, nicht leisten können.

Aber woher soll eine 32-Jährige in den Flitterwochen denn so etwas auch wissen?
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