Ludwigshafen, Winnenden, Erfurt - fast immer sind Lehrer Opfer bei Amokläufen. Wie gefährlich ist der Lehrerberuf? Im stern.de-Interview spricht der Chef der Erziehungsgewerkschaft GEW über Leistungsdruck, Eingangskontrollen und Respekt.
Für einzelne Kollegen ganz sicher. Allerdings sind Angriffe wie der in Ludwigshafen immer noch Einzelfälle.
Es gibt auch andere Berufsgruppen wie Polizisten oder Busfahrer, die ebenso Opfer von Gewaltausbrüchen werden. Das sind Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und - zu Unrecht - für Missstände in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden.
Es mag sicher Kollegen geben, die von Sorgen geplagt werden. Aber die Auseinandersetzung mit Schülern über Noten gehört schon immer zum Lehrergeschäft. Die meisten Lehrer wissen damit vernünftig umzugehen und wissen auch, wie sie mit den Schülern darüber sprechen müssen. Wer sich unsicher ist, sollte sich an erfahrene Kollegen wenden.
Natürlich gibt es psychologische Anhaltspunkte. Oft sind gerade die weniger Auffälligen die Gefährdeten. Aber nehmen wir doch mal eine Berufsschule wie die, an der die Tat geschehen ist. Da unterrichtet ein Lehrer teilweise 200 Schüler. Wie will man denn da psychische Veränderungen eines jeden Jugendlichen erkennen?
Die Schulpsychologie in Thüringen wurde nach dem Amoklauf in Erfurt gestärkt und auch in Baden-Württemberg wurde nach Winnenden mehr getan als vorher. Aber nach wie vor kämpft Deutschland mit Malta um den letzten Platz in Europa, wenn es um die Zahl der Schulpsychologen geht.
Das ist sehr unterschiedlich. Manche Bundesländer haben verantwortlich reagiert, andere setzen ihre Streichpolitik fort. In manchen Städten gibt es eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei, in manchen nicht. Deutschland ist in dieser Hinsicht ein Flickenteppich. Die Notfallpläne, die schon nach dem Amoklauf von Erfurt erarbeitet wurden, sind nur in einem Teil der Schulen umgesetzt worden. Aber wenn Schulen schon zu wenig Personal haben, ihren Pflichtunterricht abzudecken, dann ist klar, dass kaum Zeit ist, sich um die Umsetzung eines Notfallplanes zu kümmern.
Ja. Denn so macht man aus der Schule einen Sicherheitstrakt, anstatt die Kinder morgens willkommen zu heißen und ihnen zu zeigen, dass sie erwünscht sind.
In unserer Gesellschaft geht der Respekt des Menschen vor dem Mitmenschen immer mehr verloren. Wie man in den Wald rein ruft, so schallt es heraus. Man muss allen die Sicherheit geben, dass sie gebraucht werden, und darf sie nicht aussortieren.
Ich weigere mich, die Ursache für solche Gewalttaten nur in der Schule zu sehen. Man muss es grundsätzlicher fassen: Auch wenn die Kriminalität insgesamt zurückgegangen ist, hat die Brutalität zugenommen. Das trifft auf die ganze Gesellschaft zu, nicht nur auf die Schule. Schule ist dabei in vielerlei Hinsicht das Spiegelbild der Gesellschaft - auch ihrer Fehlentwicklungen.
Keine Frage. Natürlich ist Schule für sie ein zentraler Ort, ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben. Aber man kann nicht sagen: Nur weil bei einem Jugendlichen in der Schule möglicherweise etwas schief gelaufen ist, ist es zu einer solchen Gewalttat gekommen.
Wir müssen unser Bildungssystem so umorganisieren, dass in der Schule erheblich mehr Zeit für Gespräche, -Diskussionen und Verständigungsprozesse bleibt. Wir dürfen nicht alles unter dem Wettbewerb- und Leistungsaspekt betrachten. Denn logischerweise gibt es bei diesem Wettbewerb neben Gewinnern auch Verlierer. Das verursacht bei diesen Menschen Verletzungen. Wir müssen in der Schule alle zu Gewinnern machen.
Schule muss für die Kinder und Jugendlichen zu einem Lebensraum werden, in dem alle individuell gefördert und unterstützt werden. Dafür muss das derzeitige Schulsystem, das auf Auslese und das Einsortieren der Schüler in Schubladen ausgerichtet ist, weiter entwickelt und überwunden werden. Die Jugendlichen brauchen ihren Platz in der Gesellschaft. Die Gesellschaft entlässt zigtausende junge Menschen auf -den Arbeitsmarkt, ohne dass sie eine Chance haben, dort anzukommen. Ich will nicht sagen, dass dies die potenziellen Amokläufer sind. Aber hier sammeln sich Frust und Gewaltbereitschaft. Die Politik muss alle unterstützen und zwar nicht nach der Maßgabe, wie diese Förderung am billigsten zu machen ist.