Ist Mecklenburg-Vorpommern ein Paradies für die Mafia? Kritiker werfen Ermittlern vor, nicht mit dem nötigen Nachdruck gegen italienische Mafiosi vorzugehen. Nun wirft ein interner Bericht des Landeskriminalamtes, der ein Jahrzehnt lang offenbar verschollen war, Fragen auf. Von Manuela Pfohl

Der Sechsfachmord von Duisburg machte 2007 deutlich, wie gefährlich die italienische Mafia in Deutschland ist© EPA/ Peter Wijnands
Bisweilen bergen alte Dokumente, die plötzlich auftauchen, erhebliche Sprengkraft für die Gegenwart. So auch in diesem Fall: Immer wieder muss sich das Landeskriminalamt (LKA) Mecklenburg-Vorpommern der Kritik stellen, es habe Ermittlungen gegen die apulische Mafia-Organisation Sacra Corona Unita (S.C.U.) in dem Moment gestoppt, in dem Fahnder eindeutige Hinweise auf Geldwäsche-Aktivitäten gefunden hätten. Der Fall gilt all jenen als Paradebeispiel, die behaupten, die deutschen Behörden würden nicht entschieden genug gegen Mafia-Aktivitäten in Deutschland vorgehen. Ein bisher nicht bekannter interner LKA-Bericht aus dem Jahr 1998 wirft nun neue Fragen auf: Glaubt man dem Dokument, das stern.de vorliegt, hatten die Fahnder aus Mecklenburg-Vorpommern seinerzeit tatsächlich heiße Spuren gefunden, dass sich Vertreter der Sacra Corona Unita in Gesellschaft und Wirtschaft des Bundeslandes an der Ostsee eingenistet hatten.
Dass sich verschiedene Mafia-Organisationen - von der kalabrischen 'Ndrangheta über die Camorra bis hin zur Sacra Corona Unita - in Deutschland ausbreiten, gilt nicht erst seit dem Sechsfachmord von Duisburg im August 2007 als unstrittig. Verschiedene Autoren, etwa Petra Reski mit ihrem 2008 erschienenen Buch "Mafia" oder Jürgen Roth mit "Mafialand Deutschland", das dieser Tage erscheint, haben versucht, diese Aktivitäten zu belegen. Umstritten ist jedoch, ob die deutschen Behörden genug gegen die Mafiosi unternehmen.
Kritiker in Deutschland und in Italien behaupten nämlich, die Deutschen - und vor allem einzelne Landeskriminalämter - unterschätzten die Gefahr der Mafia in Deutschland oder ließen sie im schlimmsten Fall sogar wissentlich gewähren. Zu den Kritikern gehören etwa Vertreter des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), aber auch italienische Mafia-Experten wie etwa Francesco Forgione. Der war bis zum vergangenen Jahr Chef der Antimafiakommission des italienischen Parlaments und wetterte erst kürzlich gegenüber stern.de: "Die deutschen Behörden tun nichts. Die Arbeitsplätze und das Geld, das die Mafiosi bringen, sind ihnen wichtiger als die Bekämpfung der organisierten Kriminalität."
Als ein zentrales Beispiel für die vermeintliche Beißhemmung der deutschen Behörden dient Kritikern immer wieder der Fall Mecklenburg-Vorpommern. 1995 war in Rostock das S.C.U.-Mitglied Gerardo Russo in einem Restaurant von einem anderen Italiener erschossen worden. Daraufhin hatte das dortige LKA eine Sonderkommission eingerichtet, die den Mord aufklären und den Gerüchten nachgehen sollte, eine Gruppe von Italienern, die zum Umfeld von Russo gehörte, würde an der Ostseeküste Geld waschen. 1997 wurde die Kommission allerdings vom damaligen und heutigen LKA-Chef Ingmar Weitemeier wieder aufgelöst. Über den Grund der Auflösung wird seit nunmehr fast zehn Jahren gestritten. Weitemeier sagt, man habe damals keine juristisch verwertbaren Hinweise finden können. Deshalb habe auch die Staatsanwaltschaft auf ein Rechtshilfeersuchen an die italienische Regierung verzichtet.
S.C.U. setzt jährlich zweieinhalb Milliarden Euro um Die italienische Mafia setzt mit Drogengeschäften, Prostitution, Waffen- und Menschenhandel jährlich mehr als 130 Milliarden Euro um. Die Sacra Corona Unita (S.C.U.) ist daran, laut einer Studie des italienischen Forschungsinstitutes Eurispes, vom Januar 2009, mit zweieinhalb Milliarden beteiligt. Der jährliche Umsatz der S.C.U. im Drogenhandel liegt demnach bei rund 878 Millionen Euro, 775 Millionen Euro bringt die Prostitution ein, 516 Millionen setzt die S.C.U. mit Waffenhandel um und 351 Millionen Euro werden mit Erpressungen erwirtschaftet. Die Sacra Corona Unita hat nach offiziellen Erkenntnissen etwa 50 Clans mit rund 2000 Mitgliedern. Im Vergleich zu den Mafia-Organisationen 'Ndrangheta oder Cosa Nostra ist die Zahl zwar verhältnismäßig gering und verführt deshalb auch dazu, diese Gruppe zu unterschätzen. Doch die Zahl der S.C.U.-Vertreter in Deutschland sei in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, sagen italienische Ermittler.