Die Kachelmann-Thesen im Faktencheck

30. Oktober 2012, 12:10 Uhr

Falschbeschuldigungen als "Massenphänomen", Frauen haben ein "Opfer-Abo", die Justiz verurteilt "lieber mal einen Unschuldigen". Was ist dran an Kachelmanns Behauptungen? stern.de erläutert es. Von Malte Arnsperger und Wiebke Ramm

Jörg Kachelmann, Buch, Prozess, Claudia D., Recht und Gerechtigkeit

Jörg Kachelmann kritisiert die Medien und das deutsche Justizsystem. Mit welchen Behauptungen hat er Recht? Wo liegt er falsch?©

Jörg Kachelmann hat mit seinem Buch "Recht und Gerechtigkeit - Ein Märchen aus der Provinz" und einem Interview im "Spiegel" für großes Aufsehen gesorgt. Zusammen mit seiner Frau Miriam rechnete er dort mit seiner Ex-Freundin Claudia D. ab, die ihn der Vergewaltigung bezichtigt hatte. Kachelmann nutzt Buch und Interview auch zu einer umfassenden Medienkritik. Vor allem aber arbeitet er sich am deutschen Justizsystem ab und erhebt schwere Vorwürfe. Von Claudia D. fordert Kachelmann 13.352,69 Euro Schadenersatz - Kosten für Gutachten, die er zu seiner Verteidigung erstellen ließ. Am Mittwoch verhandelt das Landgericht Frankfurt über die Klage.

stern.de hat sich vier der Kachelmann-Thesen herausgegriffen und versucht, ihren Wahrheitsgehalt mithilfe von Statistiken und der Meinung von Experten zu überprüfen.

1. Falschbeschuldigungen von Männern durch Frauen sind ein "Massenphänomen"

Diese These ist die wohl provokanteste, die Jörg Kachelmann und seine Frau Miriam aufstellen. Die beiden suggerieren, dass sehr viele Frauen Vorwürfe sexueller Natur erfinden und ganz bewusst einsetzen, um Männern zu schaden. Von einer "beliebten" und "effektiven" Waffe, deren Einsatz "praktisch risikolos" sei, spricht Jörg Kachelmann. Seine Frau ergänzt, vor allem im Arbeits- und Familienrecht könne man sich mit Missbrauchsvorwürfen "sehr einfach an Chefs und Lebenspartnern rächen".

Es gab in den vergangenen Jahren tatsächlich immer wieder spektakuläre Fälle, in denen Männer zunächst wegen sexueller Gewalttaten verurteilt und erst nach Jahren freigesprochen wurden, weil klar geworden war, dass das vermeintliche Opfer gelogen hatte. Belastbare Zahlen zu diesem Thema gibt es jedoch kaum. Eine der ganz wenigen einschlägigen Studien entstand 2005 für das bayerische Landeskriminalamt. Demnach ist für die Ermittler etwa jede fünfte angezeigte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung "sehr zweifelhaft". In 7,4 Prozent der untersuchten Fälle hat die Polizei hinterher Anzeige erstattet wegen falscher Verdächtigung oder Vortäuschens einer Straftat. Die Studie ergab jedoch, dass eine gezielte falsche Beschuldigung, etwa um sich an einem Mann zu rächen, "die absolute Ausnahme" ist.

Kachelmanns dagegen berufen sich auf Professor Klaus Püschel, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dort gibt es die größte deutsche Ambulanz für Gewaltopfer. Laut Püschel stellt sich bei rund einem Drittel der angeblich Vergewaltigten heraus, dass sie sich ihre Verletzungen selbst beigefügt haben. Bei einem weiteren Drittel gebe es Zweifel. Und nur beim restlichen Drittel habe es sich um echte Opfer gehandelt. Allerdings: Das Angebot richtet sich ausdrücklich auch an Frauen, die keine Anzeige erstattet haben. Zu einer offiziellen Falschbeschuldigung muss es also nicht gekommen sein.

Siegfried Willutzki, ehemaliger Familienrichter, hat sich vor einigen Jahren mit dem Thema Falschbeschuldigungen im Familienrecht beschäftigt. Er schrieb in einem Aufsatz, in 40 Prozent aller Sorgerechtsstreitigkeiten würde der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erhoben, 95 Prozent der Anschuldigungen würden sich jedoch als falsch erweisen. Diese Zahlen unterstützen Kachelmanns These. "Es hat sicher Zeiten gegeben, wo es mehr oder weniger modern war, solche Vorwürfe zu erheben", bestätigt Isabell Götz vom Familiengerichtstag. "Und natürlich gibt es solche Anschuldigungen immer noch. Etwa, wenn es um das Umgangsrecht mit Kindern geht. Aber das ist erfreulicherweise stark zurückgegangen, und es wäre völlig falsch zu sagen, dass viele Umgangsverfahren von solchen Vorwürfen belastet wären." Ähnlich schätzt der Kriminologe und Gerichtsgutachter Helmut Kury die Situation ein: "Es ist sicher kein Massenphänomen." Und Kury widerspricht auch der Kachelmann-These, diese Vorwürfe seien risikolos und einfach vorzubringen. "Die Frauen werden ja mehrfach von Polizei, Staatsanwälten, Gutachtern und Richtern befragt. Dabei fliegen falsche Behauptungen fast immer auf. Zudem müssen die Frauen mehrfach zu intimsten Dingen aussagen. Das wird sich jede Frau dreimal überlegen, bevor sie sich das antut."

Zum Thema
Panorama
Spende sucht soziale Helden
Aktion Deutschlands Herzschlag: Hier können Sie sich bewerben! Aktion Deutschlands Herzschlag Hier können Sie sich bewerben!
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von dorfdepp: Soll sich die westliche Welt Kuba gegenüber öffnen?

 

  von dorfdepp: Gibt es noch Vorbehalte gegen Online-Banking?

 

  von JennyJay: Heißt es "mittels Mobilkrane" oder "mittels Mobilkränen"?

 

  von bh_roth: Vorsätzliche Tötung

 

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.

 

  von Bananabender: Der Mythos Megapixel

 

  von Amos: Warum müssen verunglückte Reitpferde immer eingeschläfert werden?

 

  von Amos: Haus mit 5 Wohneinheiten. Jetzt steht eine Wohnung längere Zeit leer. Wie verhält es sich dann mit...

 

  von Amos: Smartphones zu Weihnachten: Kaufentscheidung abhängig von der Fotoauflösung? Telefonieren wäre doch...

 

  von StechusKaktus: Wie kann die kalte Progression abgeschafft werden?

 

  von bh_roth: Gastherme versetzen

 

  von Bananabender: Drucker Patronen

 

  von bh_roth: Lichterführung bei speziellen LKW

 

  von Amos: Wenn ich einen Karton Sekt aus Bequemlichkeit im Kofferraum "vergesse": wie hoch ist die...

 

  von Musca: Vogelschwarm filmen

 

  von Amos: Da ich als Arzt nicht mehr tätig bin, habe ich meine Berufshaftplicht gekündigt.

 

  von Amos: Eine Fondsgesellschaft schickt mir am 2..12.2014 die Steuerbescheinigung für 2013. Obwohl ich meine...

 

  von Gast: Ist der Nahme "Haircouture" geschützt

 

  von Gast: ich habe eine rente in höhe von 760 ?,wie viel kann ich dazu beantragen?