Wer mit der "Bunten" redet und 50.000 Euro dafür nimmt, der kann auch öffentlich befragt werden - so zumindest sah es das Gericht in Mannheim und ließ zum ersten Mal eine Ex-Geliebte von Jörg Kachelmann in öffentlicher Verhandlung aussagen. Dessen Anwalt Schwenn nutzte die Chance und führte die Zeugin vor. Von Malte Arnsperger, Mannheim

Jörg Kachelmann auf dem Weg zum 35. Prozesstag: Wie immer klappt er die Sonnenblende im Auto herunter© Kai Pfaffenbach/Reuters
Flirtversuche", sagt Anwalt Johann Schwenn scharf zu der jungen Frau, die vor ihm auf dem Zeugenstuhl sitzt und ihm gerade eine Frage beantwortet hat, "die wirken bei mir nicht". Und dann belehrt er Viola S., die ihn selbstbewusst anschaut: "Sie müssen keinen Augenaufschlag machen. Sagen Sie nur ja oder nein." Neben Schwenn sitzt sein Mandant Jörg Kachelmann, starrt auf den Tisch, er zeigt keine Regung. Kachelmann war jahrelang mit Viola S. liiert. Nun treffen sie sich im Gerichtssaal in Mannheim wieder. Denn die 30-Jährige soll vor versammelter Presse und zahlreichen Zuschauern genau berichten, wie und warum sie ihr früheres Leben mit dem Wettermoderator im April 2010 in einem großen Interview ausgebreitet hat. Der seit Wochen tobende Kampf von Kachelmanns Verteidigung gegen die angebliche "Pressekampagne" erreicht damit am 35. Verhandlungstag des Vergewaltigungsprozesses seinen vorläufigen Höhepunkt.
Viola S. ist eine schlanke Frau mit dunklen langen Haaren, die sie im Gericht zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden hat. Vor rund einem Jahr sah die Hamburgerin noch etwas anders aus. Umrahmt von offenen, lockigen, hellen Haaren prangte ihr Gesicht auf dem Titelblatt der Illustrierten "Bunte". Daneben die Schlagzeile: "Jetzt spricht die Ex-Freundin." In dem so angepriesenen Interview berichtete die Diplom-Kauffrau auf zehn Seiten - inklusive Hochglanzfotos - über ihr Verhältnis mit dem TV-Journalisten, mit dem sie seit 2003 liiert gewesen sei. Sie habe seine Mutter kennengelernt, sei regelmäßig mit ihm bei seinen Söhnen in Kanada gewesen. Von seinen vielen Affären und Nebenbuhlerinnen will sie bis zu seiner Verhaftung nichts gewusst haben: "Ich habe den wahren Jörg nie wirklich gekannt. Er hat jahrelang mit meinen Gefühlen gespielt, gelogen und betrogen", sagte Viola S. dem Burda-Blatt. Mit ihrem Interview wolle sie andere Frauen vor Kachelmann schützen, schrieb die "Bunte" damals. "Es geht mir nicht darum, ob er im strafrechtlichen Sinn schuldig ist, oder nicht. Das muss ein Gericht entscheiden. Jedoch seelisch missbraucht hat er uns alle."
Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass es Viola S. keineswegs nur um eine selbstlose Warnung ging. 50.000 Euro hat sie für das Interview bekommen. Ein Umstand, den Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn wütend macht. Er beantragt deshalb, Viola S. auch in öffentlicher Verhandlung zu hören, nachdem die Frau bereits im Oktober in nicht-öffentlicher Sitzung vernommen worden war. "Ich finde es indiskutabel, den Burda-Verlag Regie über diese Verhandlung führen zu lassen", wettert Schwenn. Er wolle keine Frage stellen, die den unmittelbaren Persönlichkeitsbereich von Viola S. betreffe. Zudem müsse man auf diese Zeugin keine Rücksicht mehr nehmen. "Sie will, dass der Angeklagte im Knast verreckt. Das hat sie der Polizei gesagt und deshalb ist die öffentliche Verhandlung der richtige Ort."
So kommt es dann auch. Rund eineinhalb Stunden muss sich Viola S. den Fragen der Prozessbeteiligten stellen, insbesondere über ihre Medienkontakte Auskunft geben. Wie es denn zu dem Honorar gekommen sei, will das Gericht wissen. "Die 'Bunte' kam auf mich zu, ob ich mir vorstellen könnte, ein Interview zu geben", sagt Viola S. "Eigentlich will man das ja nicht machen." Doch nachdem sie einige Tage darüber nachgedacht habe und das anfängliche Angebot von 30.000 Euro erhöht worden sei, habe sie sich dazu entschlossen, das Interview zu geben. Das genügt den Richtern nicht. Was denn letztlich ausschlaggebend gewesen sei? "Damals sind viele Gefühle zusammengekommen. Ich habe Jörg vertraut, er war meine Familie", sagt die Frau. Bislang hat sie ruhig und konzertiert geantwortet, nun stockt ihre Stimme. "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Es war für mich ein Weg, damit klarzukommen. Ich wusste: Wenn ich das Interview gebe, dann wird er mich nie wieder kontaktieren. Es war also auch Selbstschutz." Außerdem, so gibt Viola S., zu bedenken, seien 50.000 Euro ja auch nicht so viel nach Abzug von Steuern und man müsse "mit den Folgen leben können".
Während Kachelmann weiterhin keine Regung zeigt, lächelt sein Anwalt süffisant. Ihm wird es auch gefallen haben, was Viola S. über die Verwendung des Geldes zu sagen hatte. "Ich war frauentypisch einkaufen, ich habe Urlaub gemacht, einen kleinen Teil gespendet. Der Rest ist noch da, 45.000 Euro."