Ein Täter will erben - darf er das?

11. April 2013, 19:27 Uhr

Ein Mann bringt seine Frau um. Gutachter halten ihn für schuldunfähig. Nun will er das Vermögen seiner Frau erben. Dagegen klagen die gemeinsamen Söhne. Am Freitag beginnt der Prozess. Von Kerstin Herrnkind

Mord, Erbschaft, Kriminalität

Am Nachmittag nach der Tat führen Bremer Polizisten Willi May* ab. Zwischenzeitlich muss er in die geschlossene Psychiatrie. Inzwischen ist er frei - wegen geringer Wiederholungsgefahr.©

Gegen 14 Uhr wacht Paul May* auf. Der 19-jährige Abiturient hat die Nacht zum Sonntag durchgefeiert, ist frühmorgens um 4.30 Uhr nach Hause gekommen. Er geht in die Küche. Dort schläft sein Vater mit dem Kopf auf der Tischplatte. Neben ihm steht eine leere Flasche Grappa.

Paul ruft nach seiner Mutter. Keine Antwort. Der Sohn sieht im Keller und im Büro nach. Nichts. Im Elternschlafzimmer liegt Anke May* im Bett, die Decke über den Kopf gezogen. Als sie nicht antwortet, zieht der Sohn die Decke weg. Seine Mutter ist tot. Er rennt zurück in die Küche, rüttelt seinen Vater wach. "Ihr treibt alle ein Spiel mit mir und wollt mich betrügen", lallt Willi May* und gesteht dem Sohn, dass er die Mutter erwürgt habe.

Als die Polizisten an diesem Sonntag im Juli 2011 wenig später in dem weiß getünchten Haus in dem Bremer Villenviertel eintreffen, versucht Willi May gerade, sich an einem Rohr im Keller zu erhängen. Der 53-Jährige hat einen Abschiedsbrief bei sich. Seine Frau habe ihn "vorgeführt" und "betrogen", hat er geschrieben. Gemeinsam mit den Söhnen habe sie versucht, ihn "für immer in die Kiste", also in die Psychiatrie, zu bringen. "Ihren großen Plan" habe er "mit dieser Tat vereitelt ... So gehen wir denn den letzten Gang gemeinsam, klassischer Liebestod, halt." Als er kurz darauf vernommen wird, behauptet Willi May, dass er seine drei Jahre jüngere Frau spontan im Streit erwürgt habe.

Drei Psychiater halten May für schuldunfähig

Die Staatsanwaltschaft Bremen glaubt ihm nicht und klagt den Werber Ende 2011 wegen Mordes an. An der Leiche von Anke Lang sind keinerlei Abwehrspuren gefunden worden. Die Ermittler gehen deshalb davon aus, dass May seine Frau heimtückisch im Schlaf erwürgt hat. Sein Motiv: Eifersucht und Minderwertigkeitsgefühle gegenüber seiner Frau.

Drei Psychiater halten Willi May jedoch für schuldunfähig. Er habe seine Frau "aus einer hilflosen Wut und Verzweiflung heraus" getötet, "die begründet war in einem depressiven Wahnerleben". Deshalb lehnt das Schwurgericht die Eröffnung des Hauptverfahrens im Oktober 2012 ab. Willi May muss nicht ins Gefängnis. Weil die Gutachter die Wiederholungsgefahr als gering einschätzen, darf der Werber auch die geschlossene Psychiatrie vorerst wieder verlassen, in die er nach der Tat eingewiesen worden war.

Jetzt könnte Willi May vom Tod seiner Frau sogar finanziell profitieren. Anke Lang* gehörte das Wohnhaus mit einem geschätzten Wert von einer halbe Million Euro. Sie besaß außerdem eine Eigentumswohnung und hatte eine fünfstellige Summe auf ihren Konten. Die Chancen des Witwers, sein Opfer zu beerben, stehen gut: Obwohl Willi May seine Frau getötet hat, gilt er nach den Buchstaben des Gesetzes nicht als erbunwürdig, weil er schuldunfähig ist.

Das wollen die Söhne des Paares, Paul und Jens May*, die ebenfalls erbberechtigt sind, nicht hinnehmen. Sie klagen vor der Zivilkammer des Landgerichts Bremen. Am 12. April beginnt die Verhandlung, in der es weniger um eine tragische Familiengeschichte geht, sondern vor allem um die Frage: Darf ein Täter, dem Gutachter eine Schuld absprechen, sein Opfer beerben?

Für die Nachbarn eine "Bilderbuchfamilie"

Willi May und seine Lebensgefährtin Anke Lang ziehen 1994 mit ihren beiden Söhnen, dem fünfjährigen Jens und dem zweijährigen Paul, von Berlin nach Bremen in das Villenviertel. Anke Lang kauft für die Familie ein Altbremerhaus mit Garten. Sie kann sich die Immobilie leisten, weil ihr Vater, ein Bankdirektor, ihr den Erbteil schon zu Lebzeiten ausgezahlt hat. Bald kommt auch Jan* - der Sohn von Willi May aus erster Ehe - in die Familie.

Anke Lang arbeitet in Teilzeit als Bankkauffrau, kümmert sich um die drei Jungs, führt den Haushalt und macht für Willi May, der eine kleine Werbeagentur eröffnet hat, die Buchhaltung. Für die Nachbarn eine "Bilderbuchfamilie", die im Garten grillt und liebevoll miteinander umgeht. Eigentlich sei die Beziehung in all den Jahren ganz harmonisch und ohne große Konflikte verlaufen, wird auch Willi May den Gutachtern später erzählen.

In den ersten Jahren läuft die Agentur von Willi May gut. Die Grünen betrauen ihn 1999 mit der Öffentlichkeitsarbeit für die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Er entwirft Kampagnen für die Arbeiterwohlfahrt und die Deutsche Bank Trust. 2003 gewinnt Willi May einen Wettbewerb und die Deutsche Post als Kunden. Für die Geschäftsleute im Bremer Steintorviertel entwickelt er Kampagnen. Die Kaufleute kennen "den Willi" als bulligen Werbemenschen, der seine Strategien mit lauter Stimme und markigen Sprüchen zu verteidigen weiß. "Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler", wischt er Zweifel gern vom Tisch. Auch privat scheint alles bestens. 2005 heiraten Willi May und Anke Lang nach über 15 Jahren wilder Ehe.

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