Protokoll einer Folter

8. April 2013, 20:08 Uhr

Laya-Alama Conde starb im Polizeigewahrsam, nachdem ihm der Arzt Igor V. Brechmittel eingeflößt hatte. Zwei Mal kassierte der BGH den Freispruch. Nun steht der Mediziner ein drittes Mal vor Gericht. Von Kerstin Herrnkind und Bettina Sengling

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Laya-Alama Conde, Brechmittel, Folter, Bremen, Prozess, Igor V., Polizei

Igor V. während des Prozess im Landgericht Bremen vor gut einem Jahr. Weil der BGH den Freispruch erneut kassierte, muss sich der Arzt zum dritten Mal vor Gericht verantworten.©

70 Zentimeter lang ist der Plastikschlauch, den der Arzt Igor V. Laya-Alama Conde durch die Nase in den Magen schiebt. Der 35-jährige Mann aus Sierra Leone sitzt auf einem Untersuchungsstuhl im Bremer Polizeipräsidium. Ein kalter Raum mit gekachelten Wänden. Seine Füße sind mit Kabelbindern fixiert. Die Arme mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Der Schwarzafrikaner wimmert und stöhnt, wirft seinen Kopf hin- und her. Ein Polizeibeamter drückt seinen Hinterkopf gegen die Rückenlehne des Stuhls. Eine Stunde und 26 Minuten lang flößt Igor V. dem Afrikaner Brechmittel und Wasser ein. Conde fällt ins Koma. Und stirbt elf Tage später.

Zwei Mal musste sich der Arzt Igor V. wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Landgericht Bremen verantworten. Zwei Mal sprachen ihn die Richter frei. Beide Male hob der Bundesgerichtshof die Freisprüche auf. Ab diesem Dienstag sitzt Igor V. zum dritten Mal auf der Anklagebank.

Der Brechmitteleinsatz sei "menschenunwürdig" und "ganz und gar unerträglich gelaufen", urteilten die BGH-Richter. Tatsächlich liest sich das, was in jener Nacht zum 27. Dezember 2004 im Bremer Polizeipräsidium geschah, wie das Protokoll einer Folter.

Wenige Minuten nach Mitternacht hatte sich Conde an der Sielwallkreuzung, einem bekannten Drogenumschlagplatz, vor den Augen zweier Polizisten mehrmals hastig etwas in den Mund gesteckt und es hintergewürgt. Die Beamten vermuten, dass Conde ein Dealer ist, der in Plastik eingeschweißtes Kokain verschluckt hat. Sie nehmen ihn fest, bringen ihn ins Polizeipräsidium. Um 1.20 Uhr spült Igor V. vom "ärztlichen Beweissicherungsdienst" Conde das Brechmittel "Ipecacuanha" in den Magen.

Weißer Schaum tritt aus seinem Mund

Nach zehn Minuten erbricht sich der Afrikaner. Er beißt die Zähne zusammen. Ein Kokain-Kügelchen rutscht durch eine Zahnlücke. Laya-Alama Conde ist des Drogenbesitzes überführt. Um ihm allerdings auch den Handel mit Drogen nachweisen zu können, brauchen die Polizisten mehr Kügelchen. Igor V. flößt dem Gefesselten noch mehr Wasser ein.

Plötzlich, um 1.50 Uhr, sackt der Afrikaner zusammen, wirkt apathisch. Weißer Schaum tritt aus seinem Mund. Das Messgerät, das die Sauerstoffsättigung seines Bluts überwacht, zeigt keine Werte mehr an. Um 1.54 Uhr geht der Notruf bei der Feuerwehr ein.

Um kurz nach zwei Uhr kommt ein Notarzt mit zwei Sanitätern. Conde gibt unverständliche Laute von sich, atmet schwer. Seine Pupillen sind klein wie Stecknadelköpfe. Doch als der Notarzt den Sauerstoffgehalt in seinem Blut misst, zeigt das Gerät normale Werte. "Schwarzafrikaner" würden "häufig simulieren und sich tot stellen", sagt Igor V. laut Zeugenaussagen. Er vergewissert sich beim Notarzt, ob er weitermachen könnte. Der Notarzt bejaht. Igor V. bittet ihn zu bleiben. Für alle Fälle. Der Notarzt setzt sich auf einen Stuhl und füllt seinen Einsatzbericht aus.

Um 2.10 Uhr flößt Igor V. Conde wieder Wasser ein. Der Schwarzafrikaner erbricht zwei weitere Kügelchen. Trotzdem kippt Igor V. Conde noch mehr Wasser in den Rachen. Als der Brechreiz langsam verebbt, nimmt der Arzt einen kleinen Spatel. Polizeibeamte reißen Condes Ober- und Unterkiefer auseinander. Abwechselnd steckt Igor V. dem Schwarzafrikaner nun den Spatel und eine Pinzette tief in den Rachen.

Im Rachen steht das Wasser

Plötzlich, um 2.36 Uhr, nur wenige Minuten, nachdem Igor V. zum Holzspatel gegriffen hat, hängt Conde schlaff im Stuhl und atmet kaum noch. Drei Atemzüge pro Minute, misst das Gerät. Sein Herz schlägt 34 Mal in der Minute. Normal sind 60 bis 80 Herzschläge. Conde ist bewusstlos, seine Pupillen sind lichtstarr.

Jetzt springt der Notarzt auf, versucht, Conde künstlich zu beatmen. Doch im Rachen des Afrikaners steht das Wasser. Mit einer Elektropumpe muss der Notarzt das Wasser absaugen. Er pumpt etwa einen Liter ab, bevor er Conde um 2.40 Uhr intubieren kann. Der Notarzt legt dem Bewusstlosen eine Magensonde, über die ein weiterer Liter Wasser abläuft.

Gegen 3.12 Uhr wird der Afrikaner in die Klinik abtransportiert. Das Röntgenbild zeigt ein Lungenödem, also eine Wasserlunge. Am nächsten Tag ist eine schwere Hirnschädigung zu erkennen. Am 7. Januar 2005 – elf Tage nach seiner Festnahme - wird Laya-Alama Conde für tot erklärt. "Schwerstkriminelle" hätten halt mit "körperlichen Nachteilen zu rechnen", sagt Innensenator Thomas Röwekamp (CDU) nach dem Tod des Afrikaners.

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