Harte Strafen für Alex-Schläger

15. August 2013, 13:42 Uhr

Was genau geschah, als Jonny K. bei einer Prügelei am Alexanderplatz starb konnte auch ein Berliner Gericht nicht klären. Sechs junge Schläger wurden dennoch zu hohen Haftstrafen verurteilt. Von Werner Mathes

Wegen Körperverletzung mit Todesfolge wurde der 20-jährige Onur U. zu einer Jugendhaft von viereinhalb Jahren verurteilt – der ehemalige Amateurboxer soll die Schlägerei am Berliner Alexanderplatz angefangen haben, bei der der Schüler Jonny K. so schwer verletzt wurde, dass er am nächsten Tag an einer Gehirnblutung starb. Die fünf Mitangeklagten erhielten Haftstrafen bis zu zwei Jahren und acht Monaten. Der Vorsitzende Richter sprach in der Urteilsbegründung von einer "Mischung aus Dummheit, Arroganz, Unverschämtheit und Aggressivität".

Jonny K. und Gerhardt C., der Lebensgefährte von Jonnys Schwester Tina, hatten in der Nacht zum 14. Oktober 2012 im Club "Mio" unter dem Berliner Fernsehturm in ihrer Clique zwei Geburtstage gefeiert und dabei vor allem Wodka getrunken. Gegen 3.45 Uhr beschlossen sie, ihren volltrunkenen vietnamesischen Freund Ngoc endlich nach Hause zu bringen. Gerhardt C. nahm Ngoc auf den Rücken, Jonny K. hielt ihn fest, während ein weiterer Kumpel schon losgelaufen war, um ein Taxi am benachbarten Roten Rathaus zu organisieren.

Vor einem Eiscafé an der Rathausstraße trafen sie dann auf die andere Gruppe, die aus dem "Cancun" nebenan kam: sechs junge Männer türkischer und griechischer Herkunft im Alter von 19 bis 24 Jahren. Als Gerhardt C. den bezechten Ngoc auf einen Stuhl setzen wollte, soll Onur U. die Stuhllehne weggezogen haben, sodass C. strauchelte und mit Ngoc zu Boden ging. Daraufhin soll sich Jonny K. mit erhobenen Armen vor Onur U. gestellt, "Ey" gerufen und dessen Schulter ergriffen haben.

Am Ende lag Jonny K. bewusstlos am Boden, er musste reanimiert werden und erwachte nicht mehr aus dem Koma. Am nächsten Tag starb der 20-jährige Thai-Deutsche an einer Hirnblutung.

Gericht konnte Geschehen nicht lückenlos aufklären

Was in jener Nacht genau passierte, wer wen schlug und trat und wie Jonny K. zu Tode kam, sollte vor der 9. Jugendstrafkammer des Berliner Landgerichts geklärt werden. Der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck sagte nun: "Es hat sich eine Tragödie abgespielt, bei der ein hilfsbereiter junger Mann ohne Anlass sein Leben verlor." Das Geschehen habe aber nicht lückenlos geklärt werden können. Die Angeklagten hätten nicht alles zu ihrer Tatbeteiligung gesagt. Doch Onur U. habe den ersten Schlag gesetzt - einen wuchtigen Faustschlag ins Gesicht - und damit das Signal für die Gruppe zum Zuschlagen gegeben. Es habe mindestens drei Fußtritte gegeben, als Jonny schon am Boden gelegen habe.

Auch nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat der Amateurboxer Onur U. die Schlägerei angefangen. Die anderen Mitangeklagten gaben zwar zu, auch geschlagen und getreten zu haben, aber für Jonnys Tod seien sie nicht verantwortlich. Keiner will auf den bereits am Boden liegenden Jonny eingetreten haben.

Weil es zunächst danach ausgesehen hatte, dass Jonny K. mit entsetzlicher Brutalität totgeschlagen und -getreten worden war, begann die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Mordes. Eine Anklage wegen Mordes oder Totschlags aber erhob sie nicht, weil sich der dafür erforderliche Tötungsvorsatz aufgrund der gerichtsmedizinischen Untersuchungen und der übrigen Ermittlungen nicht bestätigen ließ. Den Männern aus dem "Cancun" wurde Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei vorgeworfen.

Bei der Obduktion des Toten fanden sich laut Protokoll im Kopfbereich "Zeichen stattgehabter stumpfer Gewalteinwirkung" – und zwar "in der Kopfschwarte im Hinterhaupt links und in der rechten hinteren Scheitelregion". Das rechtsmedizinische Gutachten lässt allerdings offen, welche dieser Verletzungen durch Schläge oder durch Sturz entstanden sind. Denn im Lauf der gewalttätigen Auseinandersetzungen hatte Jonny, in dessen Blut eine Alkoholkonzentration von 1,57 Promille festgestellt worden war, laut Anklage den sicheren Stand verloren, war mit dem Hinterkopf wuchtig auf dem Straßenpflaster aufgeschlagen und besinnungslos liegen geblieben. Auch vor Gericht konnte nicht mit Sicherheit geklärt werden, was die Hirnblutung verursachte.

Vorgespielte Reue?

Oberstaatsanwalt Michael von Hagen hatte in seinem Plädoyer für Onur U. höhere Haftstrafen gefordert: für Onur U. fünfeinhalb Jahre, für die übrigen Angeklagten Haftstrafen zwischen zweieinhalb und drei Jahren. Er berief sich vor allem auf die Aussage von Gerhardt C., der ausgesagt hatte, Onur U. habe zuerst Jonny K. geschlagen. Dessen Verteidiger Axel Weimann widersprach dem Oberstaatsanwalt: Gerhardt C. habe kurz nach der Tat keine genaue Täterbeschreibung abgeben können, erst später, nach der Veröffentlichung von Fotos von Onur U. in der Presse, habe er seine ersten Aussagen ergänzt. Das sei nicht glaubhaft. Gerhardt C. fühle sich schuldig, weil er den kleinen Bruder seiner Freundin, die damals zu Hause blieb, nicht habe beschützen können – jetzt suche er in Onur U. einen Hauptschuldigen. Ähnlich soll sich auch Jonnys Schwester Tina geäußert haben: "Er wirft sich bis heute vor, dass er nicht genug getan hat, um Jonnys Tod zu verhindern." Wenn sie in dieser Nacht dabei gewesen wäre, hat sie mal gesagt, "dann würde Jonny heute mit Sicherheitnoch leben".

Onur U. hatte sich, wie die anderen Mitangeklagten, am vorletzten Prozesstag bei Jonnys Schwester entschuldigt: "Ich wollte dir, Tina, und deiner Familie mein Beileid aussprechen und bekunden, wie leid mir das alles tut." Tina K. nahm die Entschuldigungen allerdings nicht an: "Die sagen das nur, um ihren eigenen Arsch zu retten."

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