Sie kam 1981 in die DDR und wollte die Welt erobern. Stattdessen landete die Jugendliche in einer Großküche. Sie bekam 1988 illegal ein Baby, hatte Angst vor dem rechten Mob, der 1992 in Rostock wütete, war 1994 auf Jobsuche und schloss 2005 mit Bestnoten ihr Studium ab: Phuong Kollath - eine vietnamesische Erfolgsgeschichte. Von Manuela Pfohl

Phuong Kollath bummelt gern mit ihrer Tochter durch Rostock. Die Vietnamesin ist seit 27 Jahren in der nordostdeutschen Hafenstadt zu Hause© Dietmar Lilienthal
Neulich war es wieder da, dieses miese Gefühl. An ihrem 45. Geburtstag wollte Phuong Kollath es sich mit ihrem deutschen Freund bei einem Frühstück in einem noblen Rostocker Hotel so richtig gemütlich machen. Doch als sie mit ihrem schönsten Kleid da stand in der Lobby und die abschätzigen Blicke der anderen Gäste spürte, war es mit der fröhlichen Geburtstagsstimmung vorbei. "Ich lebe seit 27 Jahren in Deutschland, ich habe hier studiert, ich habe einen Job als Sozialarbeiterin, ich zahle Steuern und dennoch - ich bleibe die Vietnamesin, die Fremde. Das tut weh."
Phuong Kollath hat immer wieder gegen dieses Fremdsein gekämpft. "Bis zur Wende 1989 waren wir mit 60.000 Landsleuten in der DDR die zahlenmäßig größte Ausländergruppe. Aber irgendwie hat uns kaum einer als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen. Bis heute hat sich daran wenig geändert", ist ihr Eindruck.
Tatsächlich sind die rund 24.000 Vietnamesen, die derzeit in den fünf neuen Bundesländern leben, immer noch die größte Migrantengruppe. In der öffentlichen Wahrnehmung spielen sie allerdings kaum eine Rolle - und wenn doch, dann meist in den Klischees: still, freundlich, fleißig, aber doch irgendwie suspekt.
Phuong ist 17, als ihre Mutter ihr das erste Mal vom fernen, reichen Bruderland in Europa erzählt, vom Abkommen, das die Entsendung vietnamesischer Arbeitskräfte in die Deutsche Demokratische Republik regelt und von den unendlichen Möglichkeiten, die sich einer jungen Vietnamesin bieten, wenn sie das Angebot annimmt, sich für vier oder fünf Jahre als Vertragsarbeiterin in einem ostdeutschen Betrieb zu verpflichten. Phuong ist begeistert. Vergessen ist die Bewerbung fürs Medizinstudium in Vietnam. Am 28. Juli 1881 steigt sie in Hanoi in den Flieger, der sie nach Ostberlin bringen wird. Ihr Ziel ist Rostock. Sie hat ein paar Fotos ihrer Familie im Koffer, ihre Tagebücher und einen Traum: "Ich war mir sicher, die DDR ist ein Paradies, in dem alle Menschen glücklich sind und ich würde mittendrin sein."
Was genau sie eigentlich in Rostock machen würde, hatte ihr zwar keiner gesagt. "Aber irgendwas im Tourismus sollte es sein. Ich sah mich schon als Managerin in einem Hotel, als Betreuerin für Urlauber oder etwas Ähnliches."
Doch die Arbeitsvermittler haben etwas anderes mit ihr vor. Phuong wird mit den anderen Neuankömmlingen zum Rostocker Hafen gebracht. Sie lernen den Dolmetscher kennen, den Betreuer und den Parteisekretär. Der lobt die Freundschaft beider Völker, die Solidarität und den Aufbau des Sozialismus. Dann zeigt er, wo Phuong arbeiten wird. Es ist eine Großküche für die Hafenarbeiter am Rande der Stadt. Das Mädchen ist geschockt. "Ich habe immer wieder meinen Kopf auf den Tisch geschlagen und fürchterlich geweint", erinnert sie sich. Genutzt hat es nichts. In Phuongs Arbeitsvertrag stand, dass sie als "Herdhilfe" eingestellt wird.
Sie zieht mit fünf anderen Vietnamesinnen in eine Wohnung im elften Stock des Sonnenblumenhauses in Rostock-Lichtenhagen. Jenem Haus, das Jahre später wegen des Brandanschlages auf die dort lebenden Vietnamesen weltweit bekannt wird. Sie arbeitet im Schichtdienst und bekommt dafür monatlich 340 Mark. Außerdem darf sie Pakete in die Heimat schicken. Alle zwei Jahre eine große Holzkiste. Sie spart lange dafür und kauft schließlich, wie die anderen auch, Zucker, Kernseife, eine Strickmaschine und ein Fahrrad.