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16. Februar 2010, 21:25 Uhr

Der Eisheilige

Der Präsident der Hamburger Bürgerschaft hatte die Nase voll vom Schnee - und ließ seine Wohnstraße gründlich reinigen. Das bringt ihn nun gehörig ins Schlittern. Szenen einer Winterposse. Von Sönke Wiese

Hamburg, Winter, Winter-Chaos, Berndt Röder, Röder, Bürgerschaftspräsident, Eis, Schnee, Glatteis

Berndt Röder (CDU): 1000 Euro ans DRK gespendet, Rücktritt abgelehnt© Marius Roeer/DDP

Manchmal schneit es im Winter, sogar in Hamburg. Dieses Jahr war es mal wieder so weit, statt Regen und Nebel kamen Frost und Schnee in den Norden, ein bisschen mehr als sonst. Zunächst freuten sich die Hamburger, stürmten die zugefrorene Alster, das gab es das letzte Mal vor zwölf Jahren. Doch dann schlich sich zum Frost immer mehr der Frust in die Stadt. Denn die Stadtreinigung, zuständig für die Räumung der Straßen, scheint pünktlich zum Schneefall in den Winterschlaf gefallen zu sein.

Plötzlich mussten die Hamburger zum Schlittern nicht mehr auf die Alster gehen, sondern einfach nur vor die Haustür treten. Man sollte sich Schleifpapier aus dem Baumarkt auf die Sohlen kleben, empfahl das "Hamburger Abendblatt". Und auch die Stadtreinigung hatte famose Tipps parat: Die Bürger sollten Katzenstreu kaufen und auf den Gehwegen verteilen. Denn das von der Stadt georderte Streusalz war leider noch auf einem Schiff aus Chile unterwegs, auf einem sehr langsamen.

Krankenkassen drohten der Stadt mit Regressforderungen

Turmhohe Schneeberge, sauglatte Bürgersteige: Man hätte die Olympischen Winterspiele von Vancouver spontan in die Hansestadt verlegen können. Doch so sportlich nahmen die Hamburger die Verhältnisse nicht. Bei einer eiligst eingerichteten Eis-Hotline meldeten sich 18.000 erregte Anrufer - am Tag.

Die Hamburger Politik einen Winter-Krisengipfel ein und entwickelte kreative Ideen, um dem Eis-Chaos Herr zu werden. Die Schüler der Stadt sollten zum Winterräumdienst verpflichtet werden, schlug beispielsweise die Schulbehörde vor und beruhigte auch gleich die Eltern mit dem Hinweis, dass die Kinder ja während der Unterrichtszeit alle unfallversichert seien.

Doch ein Politiker der schwarz-grünen Koalition wollte wohl nicht so lange warten, bis sich die Sechsjährigen mit Hammer und Meißel bei ihm zuhause zum Einsatz meldeten. Und deshalb griff Berndt Röder (CDU) zum Telefon. Der Mann ist Präsident der Bürgerschaft und in Hamburg als jemand bekannt, der ein Faible für Sondereinsätze hat: 2004 soll er im Rathaus einen Alarmknopf ausgelöst haben, angeblich um zu testen, wie schnell die Polizei vor Ort ist. Röder bestritt das, zahlte aber eine Geldbuße über 2500 Euro.

Sondereinsatzkommando in der Straße des Politikers

Diesmal rief er nicht die Polizei und wählte auch nicht die Frust-Hotline fürs gemeine Volk, sondern machte bei allen möglichen Bezirksämtern und Behörden Alarm. Am Ende landete Röder bei Herrn Maaß (GAL) von der Stadtentwicklungsbehörde, die für den Winterdienst zuständig ist. Was Wunder: Noch am gleichen Tag räumte ein Sondereinsatzkommando der Stadtreinigung eine winzige Wohnstraße - die von Bürgerschaftspräsident Röder.

Eine unverfrorene Vorteilsnahme im Amt? Gutsherrenmentalität? Wochenlang beherrschte das spezielle Räumkommando die Seiten der lokalen Gazetten. "Glatteis-Röder" taufte ihn die "Hamburger Morgenpost", von einer "Wintergate-Affäre" sprach das "Hamburger Abendblatt", und "Radio Hamburg" fragte seine Hörer, ob der Mann zurücktreten solle - 85 Prozent Befragten sprachen sich dafür aus. Das forderten freilich auch Oppositionspolitiker von SPD und FDP.

Doch der Gescholtene blieb tagelang so still wie die zugefrorene Alster. Erst gestern stellte sich Berndt Röder den Fragen der Journalisten auf einer Pressekonferenz im Hamburger Rathaus. Der Medienrummel war riesig, zu riesig: Nicht alle Journalisten konnten sich Röders Auftritt ansehen.

"Ich wollte keinen persönlichen Vorteil", versicherte der CDU-Mann. Er sei ja auch gar nicht von dem Glatteis vor der Haustür betroffen gewesen, weil er eh jeden Tag zur Arbeit abgeholt werde. Einen Rücktritt lehnt der Bürgerschaftspräsident ab, er habe ja bereits 1000 Euro an das Deutsche Rote Kreuz gespendet, das sich so vorbildlich um die Glatteisverletzten in anderen Hamburger Straßen kümmert. Zurücktreten wollte der Mann nicht.

"Eine schwere Niederlage für die politische Kultur in der Hansestadt", nennt Hamburgs FDP-Chef Rolf Salo den ausgebliebenen Rücktritt. Die SPD will nun näher die Rolle des grünen Staatsrats Christian Maaß beleuchten, ob und welche Anweisungen zur Räumung von Röders Straße er gegeben habe. In Hamburg treibt das schwarz-grüne Biotop inzwischen gar wunderliche Blüten - selbst im Winter.

Von Sönke Wiese
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
mid63 (18.02.2010, 14:43 Uhr)
Es gibt sicher größere Probleme ...
.. in dieser Republik zu lösen, als einem weiteren Mitglied der selbstgerechten Politischen Nomenklatura auf die Füße zu treten. Überraschend an der Angelegenheit ist für mich nur, mit welcher lockeren Hand ein Amtsträger nach Gutsherrenart öffentliche Stellen für sich arbeiten lässt und dann so tut, als wäre nichts gewesen. Ist er bei diesem Geisteszustand eigentlich in der Lage, ein anspruchsvolles, öffentliches Amt auszuüben? Wohl kaum, also weg mit ihm!

Herr Röder hat den Spruch aus dem Amerikanischen Geschäftsleben "Ask for forgiveness, not for permission" reichlich falsch verstanden. Aber da ist er ja nicht allein unter unseren Berufspolitikern!
flightdata (17.02.2010, 19:44 Uhr)
? 1000 Spende......
wird Herr RÖDER sicherlich per Spendenquittung von der Steuer absetzen....
Acco21 (17.02.2010, 18:00 Uhr)
Und dann muß man sowas lesen..
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,678544,00.html

Hier wird eine Schwerstbehinderte wegen 50 Cent entlassen.
und der verballert mal schnell das 1000endfache

Und was passiert NIX
Hochbahnopfer.de (17.02.2010, 15:33 Uhr)
Hamburg hat nun wahrlich mehr zu bieten!
Politische Gefälligkeiten für Röder anprangern ist ja ganz nett, liebe GJ Meinungsmaschinerie. Lenkt ebenso wie Schuldebatten vorzüglich von HSH, Hapag, HGV Seilschaften und den selbst geschaffenen Milliardenproblemen der Hansestadt ab! Die Kollusion der Verantwortlichen der Hansestadt aus Wirtschaft, Presse und Politik wird weiter ausgeblendet. Scheint ja eher ein Baumwallgate Problem zu geben!
Maeus (17.02.2010, 12:14 Uhr)
Mal ehrlich Journalisten
WinterGATE - also eine Anspielung auf den Watergate-Skandal, das ist lächerlich. Nicht, dass dieser Fall hier nicht berichtenswert und zu verurteilen ist. Aber der dämliche Zwang offenbar aller Journalisten aus allem ein -Gate zu machen, zeigt, dass Sie keine Ahnung haben. Sie verkennen damit tatsächliche Skandale.
laketahoe (17.02.2010, 11:49 Uhr)
Hamburg ist rechtlich ein schrilles Pflaster......
....dort werden neben solchen Auswüchsen der Vorteilsnahme auch ganz andere Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt. In meiner Strasse in Uhlenhorst, in der es wegen vieler Garagen immer legale Parkplätze gibt, bleiben alle denen das Einparken des Geländewagens anscheinend zu mühsam ist sorglos auf der Straße im Halteverbot stehen, parken die legal parkenden Fahrzeuge schon mal tagelang zu.... und man bekommt von der Polizei zu hören... fahren sie doch über den Bürgersteig zur nächsten Ausfahrt. Wenn man in den alsternahen Innenstadtbezirken wohnt, dann merkt man bald, dass dort, wo einflußreiche Bürger wohnen, nichts gilt, das anderswo Gesetzt ist.
widder1 (17.02.2010, 11:33 Uhr)
Röder
ist ein christlicher Volks ? Vertreter. Einer von der so genannten politischen Elite. Der darf das. Diese Abstammung hat Narrenfreiheit.
Salzsteuer (17.02.2010, 10:36 Uhr)
Und es gibt immer wieder Idioten...
die solche Männer wählen !!!
shine (17.02.2010, 10:26 Uhr)
1000 Euro an DRK gespendet
... das hätte der doch billiger haben können :) Es gibt überall Schwarze Bretter, wo viele Menschen Ihre Arbeit anbiten, Hausmeisterdienst, Schnee räumen etc :)
budbundy69 (17.02.2010, 10:21 Uhr)
Todesstrafe fordern !
wäre noch spektakulärer und dämlicher gewesen ! ...und hätte noch mehr NON-Publicity gebracht ! wie blöd müssen oppositionsparteien eigentlich sein um selbst auf diese petitesse zu springen ?
 
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