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So gnadenlos vernichtet die russische Walze die Rebellen in Syrien

Der Vormarsch der syrischen Armee bei Aleppo ist nicht aufzuhalten. Assads Truppen und seine russischen Verbündeten bereiten die Eroberung der Stadt vor. Das wäre nicht das Ende des Krieges - aber der Wendepunkt. Der Bevölkerung droht eine humanitäre Katastrophe.

Eine Analyse von Gernot Kramper

Dieser Vorstoß durchtrennte die Lebensader des von Rebellen gehaltenen Teils von Aleppo.

Pro-Assad Kämpfer feiern, nachdem sie eine assadtreue Enklave frei gekämpft hatten. Dieser Vorstoß durchtrennte die Lebensader des von Rebellen gehaltenen Teils von Aleppo.

Dreieinhalb Monate ist es her, dass Russland in Syrien intervenierte. Vom Westen wurde der Versuch Putins, mit einer Handvoll Flugzeugen eine Wende zugunsten Assads herbeizuführen, scharf kritisiert - und auch belächelt. Zu unwahrscheinlich schien es, dass das russische Militär und der klamme russische Staat den Bürgerkrieg entscheiden könnten. Nun ist der Widerstandskraft der Rebellen in weiten Teilen des Landes gebrochen und Putin steht vor einem Wendepunkt des Krieges, seinem großen Triumph, der Wiedereroberung von Aleppo.  Und das bei offiziellen russischen Verlusten von nur drei Mann. Wie konnte das geschehen?

  In der Enklave nördlich von Aleppo fliehen die Zivilisten vor den Kämpfen in Richtung türkische Grenze.

In der Enklave nördlich von Aleppo fliehen die Zivilisten vor den Kämpfen in Richtung türkische Grenze.


Übereilte erste Offensive

Die ersten Wochen nach der russischen Intervention liefen nicht so wie gedacht für die Assad-Truppen und ihre russischen Unterstützer. Kaum waren die Russen im Land, setzten die Regierungstruppen an mehreren Stellen zu Offensiven an und erreichten dabei aber nur sehr bescheidende Geländegewinne. Und das, obwohl ihre russischen Verbündeten sie mit aller Kraft unterstützten. Videos zeigten damals energische Angriffe der russischen Kampfhubschrauber auch im dichten Abwehrfeuer. Aber am Ende nützte es nur wenig. Einige eroberte Dörfer gingen bei Gegenangriffen sogar wieder verloren. Entscheidend war aber, dass Assads Truppen reihenweise Panzer und Fahrzeuge durch die Lenkwaffen der Rebellen verloren. Die Aufständischen hatten verschiedene Panzerabwehrraketen im Einsatz – darunter auch alte Systeme sowjetischer Bauart, Am tödlichsten aber war die TOW. Ein Leistungsfähiges System aus den USA, welches die Rebellen auf verschlungenen Wegen und in großer Zahl erreichte. Nach dem enttäuschenden Verlauf wurde die erste Offensive aufgegeben.

Abschneiden der Versorgungswege 

Heute sieht man, dass die Russen sich nicht entmutigen ließen, sondern sehr schnell aus ihren Fehlern lernten. Sie erkannten, dass die abgekämpften Truppen Assads nicht aus dem Stand heraus zu Offensiven fähig sind. In den den folgenden Wochen konzentrierte sich die russische Luftwaffe darauf, die Versorgungswege der Rebellen auf den wenigen Routen anzugreifen. Kaum ein Tag verging, an dem nicht neue Videos von detonierenden Lkw-Konvois veröffentlicht wurden. Parallel verbesserte man Ausbildung und Ausrüstung von Assads Kämpfern, die heute mit nagelneuen Uniformen und Body-Armor zum Angriff antreten.

  Übersichtliche Darstellung der Lage um Aleppo.

Übersichtliche Darstellung der Lage um Aleppo.


Vorhang aus Feuer

Gleichzeitig entwickelte das russische Militär ein Offensiv-Konzept, das man als Feuerwalze im Kleinformat bezeichnen kann. Die Offensivspitzen im Syrienkrieg richten sich jeweils nur auf einzelne Dörfer oder Städtchen - und nicht wie im Zweiten Weltkrieg auf Frontabschnitte von 100 Kilometern. Das Rezept ist aber gleich: Jeder Vormarsch wird mit massiver Feuerkraft vorbereitet und begleitet.

Die weltweite Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Einsätze der Luftwaffe, das Rückgrat dieser Taktik ist aber die Artillerie – der ohnehin in der russischen Militärdoktrin weit mehr Bedeutung zukommt als im Westen. Russland hat die schiere Menge der eingesetzten Artillerie massiv erhöht und für eine frontnahe Stationierung der Batterien gesorgt. Kombiniert mit moderner Drohnenaufklärung wurde daraus eine tödliche Waffe, auch wenn die Waffen selbst häufig noch aus der Sowjet-Ära stammen. Teils sind sogar Haubitzen im Einsatz, die schon während des Zweiten Weltkrieges gebaut wurden.

Vorgehen im Schutz von Feuerkraft

In der Schlacht nördlich von Aleppo sollen die Assad-Truppen nach Angaben der Rebellen zur Vorbereitung eines Angriffes in einer Stunde mehr als 4000 Geschosse auf ein Dorf abgefeuert haben. Der eigentliche Vormarsch der Soldaten wird zusätzlich von einem Artillerievorhang abgeschirmt, damit das eigentliche Angriffsziel nicht von anderen Positionen der Verteidiger unterstützt werden kann. Auch ein geordneter Rückzug der bedrängten Verteidiger ist dann kaum möglich. Hinzu kommen die Angriffe aus der Luft. Um die Assad-Truppen bei ihrem Vormarsch nördlich von Aleppo zu unterstützen, haben die Russen nach eigenen Angaben 300 Angriffe am Tag geflogen. Nur um die Eroberung von zwei Städtchen zu ermöglichen. Als die Truppen die eingeschlossenen Assad-treuen Städte Nubl und Zahra erreichten, trennten sie zugleich die Lebensader der Rebellen in Aleppo in die Türkei.

Ausschalten der TOW-Bedrohung

Den Rebellen auf der anderen Seite mangelt es inzwischen an Waffen und Munition, vor allem die tödliche TOW kommt nur noch vereinzelt zum Einsatz. Ob sie keine neuen Waffen aus dem Ausland erhalten oder ob die russische Luftwaffe Lieferungen auf dem Transportweg zerstört, ist unklar. Sicher scheint aber, dass der Nachschub nicht mehr an der Front auftaucht.

Und selbst dort, wo noch Abwehrraketen zum Einsatz kommen, hat das russische Militär Gegenmaßnahmen ergriffen. Die Angriffe der mit Assad verbündeten Hisbollah-Miliz nördlich von Aleppo werden von etwa zehn modernen T-90 Panzern unterstützt. Diese Panzer sind vor Anti-Tank-Raketen geschützt. Das Shtora-System wehrt Waffen wie die TOW wirksam ab. Gegen diese Panzer haben die Kräfte der Rebellen keinerlei Gegenwehr.


Improvisierte Lösungen 

Während die Bundeswehr in Afghanistan Jahre brauchte, um weitreichende Sturmgewehre anzuschaffen, sind die Entscheidungswege in Moskau kürzer. Probleme mit alter Ausrüstung lösen die Russen mit abenteuerlichen Improvisationen. In den letzten Tagen wurden Bilder veröffentlicht, die Uralt-Panzer vom Typ-55 mit einem Anbau in Form eines Mülleimers auf der Kanzel zeigen. Militärexperten gehen davon aus, dass es sich bei dem Topf ebenfalls um ein System zur Abwehr von Raketen handelt. Der Eimer wurde einfach roh auf den Turm geschweißt.

Aleppo vor dem Fall 

Diese Veränderungen im Vorgehen von Assad und seinen russischen Verbündeten führen zu einem bis jetzt unaufhaltsamen Vormarsch, der vor der Aleppo-Offensive von der breiten Öffentlichkeit kaum bemerkt wurde. Den Assad-Anhängern gelang es, alle befestigten Stützpunkte der Rebellen in den Turkmenen-Bergen einzunehmen, der koordinierte Widerstand in der Bergregion ist praktisch erloschen. Der Angriff auf die anliegende Provinz Idlib steht bevor. Ebenfalls unbeachtet blieb der Vormarsch auf die jahrelang vom IS eingeschlossene Luftwaffenbasis östlich von Aleppo.


Kein Ausweg für Flüchtlinge

Nun stehen Assads-Soldaten vor zwei Durchbrüchen. Östlich von Aleppo werden sie versuchen, die verbliebenen IS-Kämpfer in einem Kessel einzuschließen. Westlich von Aleppo werden sie die letzte Zufahrt zu dem von Rebellen gehaltenen Teil der Stadt kappen. Danach wäre der Fall der Stadt nur eine Frage der Zeit. Aleppo ist die zweitgrößte Stadt in Syrien, ihre Wiedereroberung hätte eine enorme Signalwirkung. Für die Zivilsten in der Stadt bahnt sich allerdings eine Katastrophe an. Wann der Angriff genau bevorsteht, lässt sich kaum vorhersehen. Aufhalten kann die Assad-Truppen derzeit allerdings niemand. Ihre Offensive scheint nicht zu ermatten, in den letzten Tagen haben sich Geschwindigkeit und Stoßkraft eher gesteigert.

Derzeit sieht es so aus, als würden Assads Truppen zunächst die verbleibenden Rebellen, die in der Enklave nördlich von Aleppo gefangen sind, auf die türkische Grenze zutreiben. Dort ereignet sich derzeit eine humanitäre Katastrophe. Die Türkei, die die Aufständischen jahrelang unterstützte, verweigert den geschlagenen Milizen und den fliehenden Zivilsten derzeit den Grenzübergang. Die Menschen sind zwischen den vorrückenden Truppen Assads und der Grenze gefangen.

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