"Israels Politik fördert Antisemitismus"

12. Oktober 2007, 01:19 Uhr

Mit dem israelischen Machtanspruch kann und will sich Alfred Grosser nicht abfinden. Ihn anzuprangern gebiete unsere Ethik - auch wenn es heftige Kritik hagelt.

Er war acht, als seine Familie 1933 vor den Nazis nach Frankreich floh. Doch Deutschland ließ ihn nie los: Der Politologe gil als einer der Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung©

Herr Grosser, Sie sind seit einigen Jahren einer der härtesten europäischen Kritiker der Politik Israels. Was treibt Sie an?

Ganz einfach: dass ich unter anderem Jude bin. Als Frankreich in Algerien folterte und Dörfer zerstörte, habe ich mit gleicher Vehemenz dagegen angekämpft, eben weil ich Franzose bin. Überhaupt, wenn Grundrechte verletzt und Menschen entwürdigt werden, dann ist es ein Grundelement unserer aller Ethik, dies anzuprangern. Solange Palästinenser an der Mauer gedemütigt werden, solange ein palästinensischer Staat unmöglich ist, weil die Siedlungen und die Straßen nur für Israelis sind, solange eine territoriale Kontinuität unmöglich ist, wird Israel nicht in Frieden leben. Auf Dauer kann man mit Gewalt allein nicht regieren. Wissen Sie, ich bin in Frankfurt als kleiner Junge verachtet worden, weil ich Jude war. Ich weiß also, wie sich das anfühlt. Und ich will deshalb nicht akzeptieren, dass Juden andere Menschen mit Verachtung behandeln.

Sie haben geschrieben, es brauche die Legitimation jüdischer Herkunft, wenn es um die Kritik an Israel geht. Wie meinen Sie das?

Es ist nach wie vor so, dass sich Deutsche zu allem Möglichen kritisch äußern dürfen, aber nicht zu Israel. Menschenrechtsverletzungen anderswo anprangern - kein Problem! Mit Blick auf Israel aber kommt das nicht infrage. Ich finde das zutiefst schockierend. Ich finde im Gegenteil, dass ein junger Deutscher, der nichts zu tun hat mit der deutschen Vergangenheit - außer der Verantwortung, dass sich so etwas nie wiederholen darf -, dass ein solcher Deutscher überall dafür eintreten muss, wenn Grundrechte verletzt werden.

Aber das kann er doch.

Da bin ich mir nicht so sicher. In diesem Punkt stehe ich hinter Martin Walsers Kritik an der Auschwitz-Keule. Ja, ich sehe diese Keule, die ständig gegen Deutsche geschwungen wird, falls sie etwas gegen Israel sagen. Tun sie es trotzdem, sagt die Keule sofort: "Ich schlage dich mit Auschwitz." Ich finde das unerträglich. Ich habe immer gegen Antisemitismus gekämpft. Und ich werde es immer tun! Aber Israelkritik per se mit Antisemitismus gleichzusetzen - das ist falsch und führt in die Irre.

Wo ziehen Sie die Grenze?

Die Karikaturen in arabischen Medien sind reiner Antisemitismus im Sinne des "Stürmer". Die Anklage des Antisemitismus gegen Rupert Neudeck, der in einem guten Buch das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung beschreibt, ist skandalös. Dazwischen gibt es viele Abstufungen.

Ist Israel heute nicht besonders bedroht durch Hamas, Hisbollah und den Iran?

Die Bedrohung wächst ständig. Das ist sicher richtig. Aber das hat auch damit zu tun, dass Israels Regierung nicht einsehen möchte, dass Israel mit Macht allein niemals sicher wird. Es muss auch die anderen als ebenbürtige Menschen betrachten und behandeln. Israel darf unter den Palästinensern nicht die Versuchung entstehen lassen, dass ein jugendlicher Attentäter sich als Held verstehen kann. Und außerdem: Wie kann man von den Palästinensern offene Wahlen verlangen und deren Ergebnis dann nicht akzeptieren? Das ruiniert die eigene Glaubwürdigkeit.

Haben Sie keine Angst, mit Ihrer Kritik Rechtsradikalen in die Hände zu spielen?

Nach meiner Friedenspreisrede 1975, in der ich die Berufsverbote hart kritisiert habe, hieß es bei manchen Kritikern: "So sprechen auch die Kommunisten." Soll man auf das Wort verzichten, weil es von den Falschen ausgebeutet wird? Wenn Unrecht Unrecht ist, muss man es benennen. Und sagen, dass gerade Israels Politik den Antisemitismus fördert. Das sagen ja auch die israelischen Kritiker dieser Politik.

Es ist schon vorgekommen, dass Ihre jüdischen Kritiker interveniert haben, nachdem Sie sich öffentlich zu Israel geäußert haben. Was passiert da?

Schwer zu sagen. Das sind Verbindungen, es gibt ein paar Telefonanrufe oder Beschwerdebriefe. Ich würde aber das Wort "Lobby" für Deutschland nicht gebrauchen.

Sondern?

Das ist ein mehr oder weniger sanfter Druck zur Selbstzensur, zum Schweigen und zum Verschweigen. Wo sind zum Beispiel die Rezensionen zu Konrad Löws fabelhaftem Buch "Das Volk ist ein Trost"? Viel zu selten wird - wie bei Löw - berichtet, wie viele Juden von mutigen deutschen Nichtjuden vor den Nazis versteckt wurden und so überlebt haben. Bei solchen Themen, die vom Mainstream abweichen, sollen die Journalisten stets denken: "Können wir das so veröffentlichen?"

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 41/2007

KOMMENTARE (10 von 13)
 
Punito (15.10.2007, 15:32 Uhr)
@Raknarak

Betrachten Sie , falls es Ihre Geschichtsbücher hergeben ,den historischen Hintergrund des arabisch-
zionistischen Konfliktes während der britischen Mandatszeit im Westjordanland , dann dürfte Ihnen nicht entgangen sein , das die
Gewalt in dieser Region über das
antisemitische Gehetze , wie auch noch heute , von den Palästinensern
und anderen arabischen Religiös-
orientierten(Islam) in die Wege
geleitet wurde .
Damit Sie nicht auf "dumme Gedanken "
kommen, verehrter Raknarak : Ich bin
weder ein Zionist noch jüdischen
Ursprunges .
Es liegt auch nicht in meinem Wesen,
gegen Palästinenser noch Araber zu hetzen .
Fakt ist jedoch , das es nicht sein darf , mit antisemitischen Untertönen
gescichtliche Tatsachen zu verfälschen .
Das hilft weder den Israelis noch den Palästinensern .
Wie sagte ERnst Bloch treffend :"Es gibt nichts Richtiges im Falschen !"
Oluja (15.10.2007, 15:06 Uhr)
Nur ein Traum
Das Problem ist, das AIPAC, ZDJ u.ä. jüdische Lobbyorganisationen nur einen Teil aller Juden und deren Ansichten repräsentieren, sich aber als Sprachrohr aller Juden aufspielen und das auf Grund ihres Einflusses bis in die Spitzen der Politik und Finanz- und Medienlandschaft auch propagieren.
Zionismus ist nicht Judentum, viele Juden verurteilen selbst den Zionismus, jedoch schaffen es diese Lobbys dank ihrer MAcht und Einflusses jeden Kritiker mundtot zu machen da sie Antizionismus mit Antisemitismus gleichsetzen, was völliger Blödsinn ist, da man ebenso einen Antifaschisten nicht automatisch als Antideutschen gleichsetzen kann, eher im Gegenteil.
Leider vertreten die zionistischen Lobbygruppen weltweit die Interessen Israels, mit aller Macht und Einfluss, selbst dann, wenn diese wie aktuell gegen grundlegende jüdische Werte und Ansichten massiv verstossen.
sachsenwini (15.10.2007, 10:42 Uhr)
@ Herr waelder - Mit einer Träne im Auge,
habe ich ihre Satire gelesen.
Hoffentlich wird sie nicht von Bejahern der israelischen Machtpolitik wörtlich genommen.
.
Alfred Grosser hat Recht, und ich glaube, dass es auch in Israel ausreichend kluge Menschen gibt, die die Eroberungspläne ihrer Regierung verurteilen. Das gleiche gilt auch für die USA, es kostet aber eben immer erst viele Opfer, bevor ein Volk aus der Geschichte etwas lernt. Das ist ja uns auch nicht anders gegangen.
Raknarak (15.10.2007, 09:36 Uhr)
@Anemone
sie können auch gleich nochmal mit "Punito" die schulbank drücken!
nur weil man ein jude ist, wird unrecht nicht zu recht!
Anemone (15.10.2007, 09:26 Uhr)
@Punito
Sie sind HIER der Einzige, der Durchblick, Wissen und Ehrlichkeit demonstriert hat. Danke für Ihren Mut.
Raknarak (15.10.2007, 08:31 Uhr)
@Punito
sie scheinen von historie keinerlei ahnung zu haben.
schlagen sie sich doch mal ein geschichtsbuch um die ohren, das hilft manchmal beim denken!
israle wurde nach einem terroristischen akt durch juden, von juden ausgerufen.
in palästina, dort haben moslems christen und juden zusammen leben können, dort gab es auch streit, aber keine legetimierten öffentliche menschensrechts verbrechen wie sie heute durch die israel vollzogen werden!
ein volk so weit zu treiben das sich einzelne für ihren kampf selbst in die luft sprechen, zeugt nicht von stärke und intelligenz der israelischen bevölkerung.
sonder eher davon das sie währen der ns-zeit in deutschland sehr gute schüler gewesen sind.
das einzige was dieses volk nicht mit nach palästina genommen hat, sind gaskammern!
Raknarak (15.10.2007, 08:19 Uhr)
@Punito
historisch gesehen, hat israel den modernen terrorismus gegrundet und den palästinenser ihr land und recht genommen.
schlagen sie sich doch mal eine geschichtsbuch um die ohren, das hilft manchmal beim denken!
waelder (15.10.2007, 01:49 Uhr)
Israel und Herr Grosser
Ja, die armen Israelis - ständig planieren die Araber ihre Obstbäume platt, bauen Straßen durch ihre Felder, blockieren die Häfen und den internationalen Flughafen. Tausende von Israelis sitzen ohne Gerichtsurteil in palästinensischen Gefängnissen und wenn sie mal demokratisch wählen, dann blockieren die USA und die EU Israel die Gelder. Nein - die Israelis müssen allein schon deshalb mit Panzern auf Steinewerfer losgehen und Kinder in Erdbeerfeldern erschießen.
Oder hat Herr Grosser doch Recht?
Julian2225 (14.10.2007, 18:05 Uhr)
Warum?
Warum duerfen Deutsche nicht auch so kritisch ueber den Staat Israel reden? Weshalb muss das ein Herr Grosser tun?
Ein deutscher Fussballer bekommt Aerger vom Zentralrat, eine Buchautorin wird niedergemacht von den gleichen Leuten, aber wenn ein Herr Grosser mehr oder minder "antisemitisches" loslaesst ist es ok...hmmm!!! Kritik ja, Kritik nein...man muss nur von der "richtigen" Rasse abstammen! Objektivitaet zaehlt nicht mehr und ist bei diesem Thema sowieso nicht erlaubt.
Punito (14.10.2007, 15:43 Uhr)
Mit allem Respekt

vor Herrn Grosser ; die Politik
der israelischen Regierung ist
kein Willkürakt gegen die Palästinenser und den Rest der arabischen Welt .
Historisch ,seit der Staatsgründung
des heutigen israelitischen Staates,
betrachtet, werden die Bürger Israels
von Hetze und Krieg verfolgt .
Nicht Israel hat die Palästinenser
und Araber bedroht , sondern umgekehrt wird ein Schuh daraus .
Außerdem sollte auch einmal darüber geredet werden , das im Kernland
des Staates Israel den dort lebenden
Menschen , egal welcher Rasse , Hautfarbe und Herkunft , ein Alltag
nach den Spielregeln einer jungen
Demokratie geboten wird .
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