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Die Bürokratie im Reich des Terrors

Beschlagnahmte IS-Dokumente zeigen, wie der Alltag im Islamischen Staat minutiös geregelt wird - vom Ausfüllen eines Kontaktformulars bis zur Vergewaltigung. Die von den USA beschlagnahmten Schreiben deuten sogar auf Organhandel hin.

IS-Kämpfer mit Presslufthammer

Dokumente des IS zeigen, wie die Terrormiliz das Leben im Kalifat regelt - auch den Umgang mit Kriegsbeute. Viele der alten Skulpturen und Bauwerke in eingenommenen Städten zerstören die Dschihadisten, wie auf diesem Bild aus dem irakischen Nimrud.

Die Terrormiliz IS schafft es immer wieder in die Schlagzeilen - besonders durch barbarische Hinrichtungen und Anschläge. Doch die Bürokratie, die die Regeln im selbstdeklarierten Kalifat festschreibt, gilt als komplex und hochentwickelt. Die Nachrichtenagentur Reuters hat nun Einblicke in Dokumente des IS erhalten, die unter anderem zeigen, wie der Umgang mit Kriegsbeute im Reich der Dschihadisten geregelt ist. Die besagten Schreiben sollen bereits im Mai bei einem Einsatz von US-Spezialeinheiten sichergestellt worden sein, bei dem das hochrangige IS-Mitglied Abu Sayyaf getötet wurde. Nun durfte die Nachrichtenagentur die Papiere sichten.

Um in den großen vom IS kontrollierten Gebieten im Irak und in Syrien den Anschein von Rechtsstaatlichkeit zu vermitteln, setzt die Terrormiliz auf klare Strukturen - sowie auf Symbole wie eine gemeinsame Fahne und Währung. Solche Symbole werden seit jeher auch im Westen verwendet, um kollektive Identitäten zu stärken. Bei den beschlagnahmten Dokumenten handelt es sich zum Teil um Fatwas, also islamische Rechtsauskünfte, die sowohl rechtliche als auch religiöse Fragen klären sollen. Zudem scheint der IS über Abteilungen zu verfügen, die unter anderem die Aufteilung von Kriegsbeute regeln. Dies beinhaltet auch den Umgang mit Sklaven und die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen wie Erdöl.

Hohes Maß an Bürokratisierung

Die Dokumente zeichnen ein Bild von der Führungsebene des IS, sowie den Strukturen, die den Alltag in den besetzten Gebieten regeln. Sogenannte "Diwans", vergleichbar mit nationalen Regierungsministerien, sind jeweils auf eigene Fachbereiche spezialisiert. Ein "Diwan" regelt den Umgang mit Bodenschätzen, sowie den Verkauf von antiken Kulturschätzen - beides wichtige Einnahmequellen für den IS. Ein anderer "Diwan" legt hingegen die Regeln für den Umgang mit "Kriegsbeute" fest - und wie im Kalifat mit Sklaven umzugehen ist. Laut US-Beamten haben die sichergestellten Festplatten, USB-Sticks, CDs, DVDs und Papiere wertvolle Einblicke geliefert, wie die Rebellengruppe komplexe bürokratische Strukturen entwickelt hat.

"Sie (die Dokumente) betonen es stark - das Maß an Bürokratisierung, Organisation, die 'Diwans', die Komitees", bestätigte der Sonderbeauftragte von US-Präsident Barack Obama für die Bekämpfung des IS, Brett McGurk, gegenüber Reuters. Laut Amos Hochstein, Energiebeauftragter des US-Außenministeriums, zeigen die Dokumente auch, wie "akribisch und datenorientiert" der IS seinen Öl- und Gassektor verwaltet.

Die IS-Unterlagen zeichnen aber auch ein Bild von Machtkämpfen und Rivalitäten innerhalb des Kalifats - ein Brief, verfasst vom "Diwan" für Bodenschätze betont, Abu Sayyaf sei zuständig für den Umgang mit Antiquitäten. "Der Grund dafür ist, dass er sich in diesem Bereich sehr gut auskennt - und das Abu Jihad al-Tunisi (ein anderer hochrangiger Islamist Anm. d. Red.) ein Dummkopf ist, der nicht in der nicht im Stande ist, die Aufteilung zu verwalten."

Organhandel im Islamischen Staat?

Die beschlagnahmten Fatwas belegen auch, wie sogar die Vergewaltigung von weiblichen Gefangenen oder die Behandlung von Sklaven mit Kleinkindern im Kalifat geregelt ist. Demnach dürfen versklavte Frauen nicht von ihren Kindern getrennt werden, jedoch ist des IS-Kämpfern offiziell gestattet, Sex mit weiblichen Sklaven zu haben.

Ein sichergestelltes Heft mit dem Titel "Vom Erschaffer festgelegte Regeln für das Festnehmen von Gefangenen und Versklavung" vom letzten Jahr, legt die Regeln für die Versklavung von Frauen fest, die zu besiegten "Ungläubigen" gehörten. Auch wird in den Dokumenten geklärt, wann ein Sohn von seinem Vater stehlen darf, um sich eine Reise in den Jihad zu finanzieren. Die Regeln gelten nicht nur für das IS-Kerngebiet im Irak und in Syrien sondern auch für die selbstdeklarierten Provinzen in Afrika, der Sinai-Halbinsel oder Südostasien.

Erst kürzlich hatte Reuters über einen Erlass des "Komitees Für Forschung und Fatwas" berichtet, die den Handel mit menschlichen Organen billigt. Die beschlagnahmte Fatwa führt bei US-Behörden zur Sorge, dass der IS den Handel mit menschlichen Organen als zusätzliche Einnahmequelle für sich entdeckt hat. Doch zeigen die Dokumente auch, wie sogar Banalitäten im Islamischen Staat geregelt sind - beispielsweise, wie Dschihadisten-Anwärter ihr Kontaktformular auszufüllen haben: Dort sollen sie Name, Geschlecht und ihre Bevorzugte Kommunikationsmethode angeben - Kontakt über Skype oder Whatsapp scheinen demnach kein Problem zu sein.

amt
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