Die perfekte First Lady

5. September 2012, 09:57 Uhr

Michelle Obama verleiht dem Parteitag der US-Demokraten Glanz und Glaubwürdigkeit. Mit einer emotionalen Rede über ihren Mann erreicht sie die Herzen der Delegierten - und der gesamten Nation. Von Giuseppe Di Grazia, Charlotte

Den ganzen Abend über hatten die meisten ihrer Vorredner auf Mitt Romney eingedroschen; einige mit dem Hammer, andere mit der Axt. Sie warfen ihm seine Auslandskonten vor, sie warfen ihm vor, seine Steuererklärungen nicht offenzulegen, sie warfen ihm vor, nur für die Reichen da zu sein, sie warfen ihm vor, unpatriotisch zu sein. Je länger der erste Abend des Parteitages der Demokraten dauerte, desto lauter und gröber wurden die Worte gegen den Republikaner, der Präsident Barack Obama stürzen will.

Dann kam sie. Michelle Obama. Sie hielt die letzte Rede, sie erwähnte den Namen Romney kein einziges Mal. Und trotzdem war sie diejenige, die den Rivalen ihres Mannes am empfindlichsten traf und ihrem Mann am meisten half, wiedergewählt zu werden. Michelle Obama hielt vor den Delegierten in der Halle und einem Millionen-Publikum am Fernseher keine mitreißende Rede, sie hielt eine besinnliche Rede. Sie wollte nicht die Köpfe der Menschen erreichen, sondern ihre Herzen. Entlang ihrer eigenen Geschichte und der ihres Mannes zeigte sie auf, wie sie beide aus ärmlichen Verhältnissen nach oben gekommen sind, dank guter Moral und hehren Werten. Ihre Geschichten stehen ganz im Gegensatz zu der von Mitt Romney, der aus wohlhabendem Hause stammt, sich nie um etwas sorgen musste und mit fragwürdigen Geschäftspraktiken noch reicher wurde.

"Barack kennt den amerikanischen Traum"

"Barack weiß, wie es ist, wenn eine Familie verzweifelt ist, weil sie die Rechnungen nicht bezahlen kann. Er weiß, wie es ist, wenn die Eltern möchten, dass es ihren Kindern besser als ihnen ergehen soll. Für Barack sind all diese Themen nicht politisch, er hat all diese Themen persönlich durchgemacht. Er kennt den amerikanischen Traum genau, weil er ihn selbst erlebt hat. Er möchte, dass jeder, wirklich jeder in diesem Land die Chance dazu bekommt."

Michelle Obama sprach ihre Sätze ruhig und klar aus, nie erhob sie ihre Stimme. Manchmal redete sie sogar sehr leise, vor allem dann, wenn sie den Mann meinte, dessen Namen sie nicht aussprechen wollte. "Barack und ich haben viel über Aufrichtigkeit und Integrität gelernt, wir haben gelernt, dass es auf die Wahrheit ankommt. Dass man keine Abkürzungen nimmt, nicht nach den eigenen Regeln spielt. Und dass Erfolg nur dann zählt, wenn er auf ehrliche Weise zustande gekommen ist."

Die Demokraten hatten sich von Michelle Obama viel erwartet an diesem Abend. Die First Lady enttäuschte sie nicht. Michelle Obamas Liebeserklärung an ihren Mann war die beste Attacke gegen den Millionär und Unternehmer Mitt Romney, die bisher aus dem Obama-Lager kam. Michelle Obama wurde vom Publikum in der Halle lautstark und minutenlang gefeiert. Sie zeigte sich sehr berührt von der Zuneigung, die sie erhielt.

Sie ist eine "Herumkriegerin"

Ihr Auftritt in Charlotte ist der letzte Beweis dafür, wie sehr sich die Rolle und das Image von Michelle Obama verändert haben. Vor vier Jahren wurde von ihr bloß erwartet, dass sie Barack Obama als guten Ehemann und fürsorglichen Vater beschreibt. Dieses Mal soll sie die Wähler auch politisch von ihm überzeugen. Sie tritt viel öfter auf als 2008. Sie hat ihren eigenen Terminplan, sie reist durchs Land, um für ihren Mann Spendengelder und Wählerstimmen zu sammeln. Bisher hat sie auf 79 Spendenaktionen und bei 24 Wahlkampfveranstaltungen gesprochen. Sie gilt innerhalb der Obama-Campaign als "Closer", als jemand, der die Wähler zum Schluss wirklich herumkriegt. Meist tritt sie in Orten auf, die ihr Ehemann zuvor besucht hat, sie gibt seinen Reden den menschlicheren, wärmeren Ton, weil sie herzlicher, offener und auch entschlossener ist. Ihr Mann gilt als ein sehr guter Wahlkämpfer, als einer, der immer siegen will. Ihr geht es vielmehr darum perfekt zu sein. Wenn sie mit Leuten spricht, möchte sie so viele wie möglich erreichen und sie überzeugen. Vorher gibt sie keine Ruhe.

Anders als Hillary Clinton, die sich für jeden sichtbar in die politischen Angelegenheiten ihres Mannes einmischte, hält sich Michelle Obama in der Öffentlichkeit zurück. Zu Hause allerdings ist sie seine wichtigste Ratgeberin, achtet sie darauf, dass er politisch seiner Linie treu bleibt. Sie achtet darauf, dass er weniger auf die politischen Berater hört und mehr auf sich selbst. Bei der Gesundheitsreform war es sie, die ihn gegen alle Bedenken aus seinem Umfeld und von Seiten der Medien bestärkte, diese tatsächlich durchzusetzen. Sie möchte auch, dass er sich in seiner zweiten Amtszeit stärker für ein liberales Einwanderungsgesetz engagiert.

Der Präsident schaut vor dem Fernseher zu

Als First Lady kümmert sie sich vor allem um Familien von Soldaten und hat eine Kampagne gegen die Fettleibigkeit von Kindern gestartet. Mit der "Let's move"-Bewegung ist sie zur Vorturnerin der Nation geworden. Die First Lady hüpft, springt, läuft mit Kindern im ganzen Land um die Wette. Sie geht in Talk Shows und fordert die Moderatoren heraus, wer mehr Sit-Ups hinbekommt. Michelle Obama macht dabei immer die beste Figur. Sie ist schlagfertig und fit. David Letterman oder Jay Leno reißen sich um sie. Welche Kleider sie anzieht, wird in eigenen Blogs besprochen und verfolgt. Sie ist die wohl coolste First Lady, die Amerika je hatte. Für viele Frauen und Kinder ist sie ein Vorbild. Als die Obamas ins Weiße Haus zogen, war der Präsident beliebter als sie; nun sind ihre Sympathiewerte höher. Im August hatte sie laut einer Umfrage von AP-GFK eine Zustimmungsrate von 64 Prozent, ihr Mann nur 53 Prozent.

Die Rede seiner Frau in Charlotte schaute sich Barack Obama gemeinsam mit den beiden Töchtern Malia und Sasha im Weißen Haus im Fernsehen an. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in der Norfolk State University hatte er zuvor noch gesagt: "Was auch immer ich sagen werde, es wird nie so gut sein wie die Rede, die ihr heute Abend vom Star der Obama-Familie hören werdet. Ich werde versuchen, nicht vor meinen Töchtern zu weinen, denn wenn Michelle anfängt zu reden, dann wird mir immer ganz anders."

Sie herzt jeden - dafür lieben sie die Amerikaner

Wenn sie beide gemeinsam auftreten, sind sie auf der Bühne ein gut eingespieltes Team. Sie flirten miteinander, sie macht sich lustig über ihn, er schmachtet sie an. Sie ist nicht so eine geschliffene Rednerin wie er. Wenn sie, wie vor einigen Wochen in Iowa, von ihrem ersten Wahlkampf erzählt im Sommer 2007, als sie bei einer Familie im Garten saß und nicht recht wusste, was sie sagen sollte, spüren die Menschen heute noch, wie nervös sie damals gewesen sein muss, die Unsicherheit liegt noch immer in ihrer Stimme. Michelle Obama braucht keine schönen Reden wie ihr Ehemann, um die Leute für sich zu gewinnen.

Wenn sie mit ihm bei einer Wahlkampfveranstaltung die Zuschauerreihen entlang geht, braucht sie immer viel länger als der Präsident. Barack Obama klatscht sich mit den meisten ab, gibt auch mal kurz die Hand, selten umarmt er die Menschen. Michelle dagegen herzt jeden. Auch dafür lieben sie die Amerikaner.

Michelle Obama hat sich lange Zeit sehr schwer getan mit der Aufgabe als First Lady, wie Jodi Kantor in ihrem Buch "Die Obamas" kenntnisreich beschrieb. Michelle Obama hat Washington und der Politik nie so richtig vertraut, sie hatte auch Angst, dass das Leben im Weißen Haus ihre heile Familie zerstören könnte. Sie hatte sogar daran gedacht am Anfang, gar nicht von Chicago nach Washington zu ziehen. Mittlerweile hat sie ihre Rolle gefunden und kämpft leidenschaftlich dafür, dass sie und ihre Familie im Weißen Haus bleiben können. Sie hat eingesehen, wie sehr Amerika ihren Ehemann braucht. Mit brüchiger Stimme sagte Michelle Obama in Charlotte: "Ich dachte nicht, dass das noch möglich ist, aber ich liebe meinen Ehemann heute noch mehr als vor vier Jahren. Sogar mehr als vor 23 Jahren, als ich ihn zum ersten Mal traf. Ich liebe es, dass wir ihm vertrauen können, wenn er sagt, dass er etwas für uns tut. Nun müssen wir etwas für ihn tun, nun müssen wir arbeiten wie nie zuvor, damit er dieses Land weiter nach vorne bringt."

Barack Obama sagt von sich selbst, er sei nicht perfekt, weder als Ehemann noch als Präsident, seine Frau dagegen nennt er die perfekte First Lady.

Zum Thema
Politik
Legen Sie Ihr Geld richtig an! Legen Sie Ihr Geld richtig an! Der Ratgeber Geldanlage gibt Ihnen Tipps, wie Sie mehr aus ihrem Geld machen. Zu den Ratgebern