Noch hoffen die Demonstranten, dass sie die Politiker zum Einlenken bewegen können, dass der Druck der Straße groß genug sein wird. Eine vom Gemeinderat initiierte Bürgerbefragung wäre rechtlich kein Problem, wie Experte Efler bestätigt. Werner Wölfle, der im Gemeinderat die Fraktion der Grünen anführt, dämpft die Erwartungen. "Es war für uns immer unvorstellbar, dass die Befürworter des Projekts keinen Zentimeter von ihren Vorstellungen abweichen", sagt er. "Aber anscheinend hat der Bürgermeister Schuster nichts mehr zu verlieren."
Die Situation in Stuttgart selbst ist also festgefahren. Etwas anders sieht die Lage auf Landesebene aus. Im März 2011 wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag, laut aktuellen Umfragen muss Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) um sein Amt bangen. Der grüne Wölfle glaubt, dass Mappus langsam ins Nachdenken kommt. Unterstützung erhält Wölfle von den Bundesgrünen. "Wir setzen darauf, dass die öffentliche Diskussion die Landesregierung in Baden-Württemberg zwingt, das Projekt fallen zu lassen", sagt Parteichef Cem Özdemir stern.de.
Die Regierung rund um Mappus agiert momentan äußerst zurückhaltend. Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) spricht von einer "starken Emotionalisierung." Es sei schwierig, mit Sachargumenten durchzudringen. Ministerpräsident Mappus selbst befindet sich noch im Urlaub. Nur Innenminister Heribert Rech (CDU) lässt sich zu markigen Worten verleiten: "Die Gegner handeln im höchstem Maße unredlich", sagt er.
Die Gegner sehen seit ein paar Tagen eine neue, wenn auch kleine Chance, Stuttgart 21 doch noch zu stoppen. Einer der Architekten des Projekts, Frei Otto, sprach im stern davon, dass die Notbremse gezogen werden muss. Die Warnung des Architekten besitzt durchaus Gewicht, da er sich jahrelang intensiv mit den Planungen auseinandergesetzt hat. Otto fürchtet, dass der neue Bahnhof überflutet oder aus der Erde hochsteigt. "Ein Bau gefährdet Leib und Leben", sagt der 85-Jährige.
Die Gegner wollen aufgrund dieser Sätze und neu vorliegender Gutachten eventuell ein rechtliches Eilverfahren auf den Weg bringen, dass zu einem Baustopp führt. "Wir prüfen das momentan", sagt Wölfle. So lange die Prüfung läuft, geht der Protest weiter. Die Bürger wollen noch lange nicht aufgeben: Schließlich wird erst im nächsten Jahr damit angefangen, das große Loch für Stuttgart 21 zu buddeln.