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17. Juni 2007, 14:38 Uhr

Sex, first Class

Amelie, 21, Studentin, gibt als Specials an: Toy-Spiele, Girlfriend-Erotik© Andreas H. Bitesnich

Der erste Kunde ist verständnisvoll

Sie beugt sich nach vorn, ihre Hände gleiten über den Tisch. "Weißt du, ich glaube, er findet diesen Job hier viel aufregender als ich." Sie macht eine Pause und sagt: "Er weiß auch, dass wir uns jetzt treffen." Und dort, wo jetzt Tränen sein müssten in ihren Augen, ist nur noch Leere. Vielleicht ist das der schwierigste Teil am Job einer Prostituierten: mit dem Identitätskonflikt klarzukommen. Sich innerlich nicht zu spalten. Wie es Franziska offenbar nicht gelingt. Escort-Service, das ist ja eine freiwillige Sache; die Frauen müssen sich auf die Männer einlassen können, für sie da sein, ihnen zuhören. Diesen ganzen Psychowahnsinn. Sie müssen es wollen. Sie werden nicht von irgendeinem Mistkerl an die Straßenecke gestellt, sondern suchen sich im Internet gezielt eine Agentur aus und bewerben sich. Schriftlich. Wie für einen normalen Job. Und entsprechend werden sie auch vorbereitet: Für das erste Date wird meist ein verständnisvoller Stammkunde vermittelt, das geht dann leichter. "Die Frau muss hinter dem stehen, was sie tut", sagt Agenturchefin Jacobs. Anders funktioniert das Geschäftsmodell nicht: Es geht nur auf Augenhöhe.

"Wie ein Wellness-Urlaub"

Früher gab es den Begriff vom "Freudenmädchen", und der hat schon eine Menge transportiert vom Wesen des gekauften Sex. Jedenfalls wenn man es aus männlicher Sicht betrachtet. Hedonismus ist die Urmotivation in diesem Gewerbe, und Druck und Gewalt sind so ziemlich das Gegenteil von Spaß und Genuss. Je teurer eine Prostituierte ist, umso mehr beruhigt es das Gewissen des Freiers - das Risiko der Zwangsprostitution ist geringer. Geld hat ja oft etwas Beruhigendes. Prostitution ist ein Tauschgeschäft. Die Frauen bieten Schönheit und Jugend, die Männer die Kohle. Eine paradoxe Situation: Es ist eine gegenseitige Erniedrigung und eine gegenseitige Bestätigung zugleich. Wahrscheinlich lässt sich gerade deshalb mit dem Escort-Service für alle Beteiligten so viel besser leben. Weil der Flirt, diese Illusion, dazu verhilft, die kommerzielle Ausgangslage zu überwinden. "Eine Nacht mit einer Begleitdame ist im Idealfall wie ein Wellnessurlaub", sagt Monique. Wobei so eine Nacht ja auch in etwa so viel kostet wie eine Woche im Robinsonclub.

Monique, 41, hat lange als Model gearbeitet und als Chefeinkäuferin für große deutsche Modehäuser. Jetzt ist sie das Gesicht und die Stimme von Elite Escorts in München. Sie betreibt die Agentur mit einem Geschäftspartner, der eigentlich in der IT-Branche arbeitet und seinen Namen deshalb lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Klare Rollenverteilung: Er ist fürs Geld zuständig, sie in jeder Hinsicht für die Human Resources. Und wenn man je eine Klischeevorstellung von einer Edelhure hatte: Hier ist Monique im schwarzen Prada-Kleid; und selbst die Schienen, die sie nach ihrem Bänderriss tragen muss, passen sehr hübsch zu ihrem Outfit. Im Prinzip lässt sich in der Prostitution auch die Klassengesellschaft abbilden. Und ganz oben stehen die Mädels vom Escort- Service. Wenn es stimmt, dass der Konsum vom Streben nach Distinktion geprägt wird, dann sind Edelhuren die Statussymbole des Sexgewerbes.

Agentur mit Kunden gegründet

Monique kennt sich aus mit Statussymbolen. Sie sagt: "Ich bin früher viel durch die Gegend gereist, Paris, Mailand, Florenz, und seitdem fasziniert mich diese Welt der Luxushotels." Und in so einem Hotel hat sie auch ihre zweite Karriere begonnen. Mit einem unmoralischen Angebot. Sie saß auf ein paar Drinks an der Bar, und als ein Mann sie abschleppen wollte, sagte sie: "Sehe ich so aus?" Er hat ihr einen Tausender angeboten. 2000. Es war ein Spiel. "Ich fand das wahnsinnig erotisch. Bei 10.000 hab ich Ja gesagt. Es war super." Sie sagt: "Es war der Reiz des Unerhörten." Und es fing an, ihr Spaß zu machen. Vor dreieinhalb Jahren dann hat ein Stammkunde ihr vorgeschlagen, gemeinsam die Agentur zu gründen.

Seit November ist Alexa bei Elite gelistet, eine Assistenzärztin aus Düsseldorf, die vor allem den Umstand sehr amüsant findet, dass man ihr das niemals zutrauen würde. Und um das zu unterstreichen, trägt sie eine züchtige rosa Karobluse; den Kragen natürlich aufgestellt, wie man das so macht als höhere Tochter. Alexa sagt: "Ich bin erzkatholisch erzogen, und wenn meine Eltern wüssten, was ich hier mache - die würden mich nicht enterben. Die würden mich umbringen."

Es fing alles damit an, dass sie sich immer über die teuren Klamotten einer Kommilitonin gewundert hat. "Die hat mir dann den Tipp gegeben, mich bei Monique zu bewerben." Inzwischen sammelt Alexa ihre Einkünfte in einer alten Kaffeedose - "wie meine Oma früher". Und allein im März, erzählt sie, habe sie 8000 Euro in die Dose gesteckt. "Und dazu kommen noch diese wunderbaren Momente, wenn ein Kunde mit mir in den Hermès-Laden geht und sagt: ‚Such dir das Beste aus.‘"

Irgenwann Häuschen und Kinder

Alexa, 27, hatte ihren ersten Sex erst nach dem Abitur, war also ziemlich spät dran. Jetzt kostet sie das Verbotene aus. Und wenn sie von ihren Erlebnissen berichtet, merkt man, dass sie mit einer gesunden Distanz an ihren Job geht. "Neulich hatte ich so einen kleinen Bankangestellten als Kunden", erzählt sie, der drückte ihr ein Skript in die Hand, das sie im Hotelbadezimmer auswendig lernen sollte. "Na ja, und dann habe ich seine Untergebene gespielt, die ein Geschäft verbockt hat und jetzt versucht, das wiedergutzumachen. Und man kann sich wohl vorstellen, wie die brave Bankerin ihren Chef am Ende beruhigt, oder?"

Dies hier sei eine Übergangsphase im Leben, behauptet Alexa. "Natürlich will ich irgendwann meine eigene Praxis haben, einen Mann, Kinder. Ich glaube ja wirklich an diese alten Werte."

Man hat in den vergangenen Jahren öfter im Zusammenhang mit Edelprostituierten von Luxusorgien gehört. Immendorff, Friedman. Das war immer die Mischung aus scharfen Weibern und einer Menge Koks. Monique sagt: "Sie machen sich da falsche Vorstellungen. Natürlich bewegen wir uns auch mal in einer Glamourwelt. Es gibt Männer, die lassen dich im Privatjet einfliegen, und ich habe auch ein paar Kunden, die verbringen jedes Jahr eine Woche auf einer Yacht in Cannes, die rufen mich an und sagen, 'Monique, kannst du uns nicht ein paar Damen runterschicken?' Aber das ist einmal im Jahr."

Es sind erstaunlich viele Frauen, die inzwischen für Elite arbeiten. Und die, die aufgehört haben, haben sich meistens privat verknallt und wollen eine bürgerliche Existenz aufbauen. Mit Kindern und Häuschen in der Vorstadt. So ähnlich wie Alexa sich das vorstellt. Monique sagt: "Es gibt natürlich ein paar Romantikerinnen, die wirklich glauben, in diesem Job den Ritter auf dem weißen Pferd zu finden." Der alte "Pretty Woman"-Mythos. Sie schmunzelt jetzt sehr nett. Es ist eben ein Geschäft mit Illusionen. Warum sollte gerade sie die zerstören?

* Name geändert

Von Markus Götting
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