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29. Oktober 2009, 19:16 Uhr

Das neue deutsche Oberhaus

Im neuen deutschen Bundestag ist jeder vierte Abgeordnete Jurist. Arbeiter, Handwerker und einfache Angestellte sind dagegen kaum mehr vertreten. Wenn aber fast nur noch Akademiker im Bundestag sitzen: Wer versteht dann noch die Probleme der einfachen Menschen? Ein Kommentar von Sebastian Christ

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Die Juristen Thomas de Maizìere, Guido Westerwelle und Karl-Theodor zu Guttenberg rahmen die promovierte Physikerin Angela Merkel ein - im Hintergrund: die beiden Mediziner Philipp Rösler und Ursula von der Leyen© Andreas Rentz/Getty Images

Deutschland wird von Juristen regiert. Und das ist nicht sonderlich beruhigend. Würden sich alle Rechtswissenschaftler im Bundestag zu einer Fraktion zusammenschließen, stellten sie zusammen beinahe so viele Abgeordnete wie die SPD. Insgesamt 143 der 622 Abgeordneten haben ein Jura-Studium absolviert. Sie sind die mit 22 Prozent die größte Berufsgruppe im neuen Bundestag.

Noch drei Fakten: 124 Abgeordnete haben einen Doktortitel. In den vergangenen 15 Jahren ist der Anteil von Abgeordneten ohne Abitur um etwa 50 Prozent gesunken. Und nur noch zwölf Arbeiter und Handwerker sitzen im neuen Bundestag. Das deutsche Parlament ist auf dem Weg, ein bundesrepublikanisches Oberhaus zu werden. Es ist so offensichtlich wie noch nie: Formelle Schulbildung entscheidet auch über den politischen Erfolg. Und das in einem Land, in dem die sozialen Aufstiegschancen immer geringer werden.

Man sollte sich nicht davon täuschen lassen, dass Deutschland jetzt eine ostdeutsche Kanzlerin und einen schwulen Außenminister hat - an der Spitze der Gesellschaft herrscht immer mehr Eintönigkeit. Der Trend geht zur Selbstreproduktion der Eliten. Und genau deshalb fehlen dem Land auch die so oft von Nachwuchspolitikern zitierten "frischen Ideen". Wenn man Sohn eines Juristen ist und Jura studiert, und dann nach noch in einem Parteivorstand voller Juristen Karriere macht, ist es eher unwahrscheinlich, dass man dieses Land von einem anderen Blickwinkel als dem eines Juristen aus sehen lernt.

Den Volksparteien bröckelt die Basis weg

Das ist besonders fatal für die Volksparteien. Als erstes hat es die SPD erwischt, die ehemalige Arbeiterpartei, in die Anfang der 70er Jahre hunderttausende junge Akademiker eingetreten sind - während die Wählerbasis noch in den 90er Jahren mehrheitlich aus Angestellten und Malochern bestand. SPD und Sympathisanten sind sich unter anderem auch deswegen fremd geworden, weil die zur Studenten - und Beamtenpartei mutierte Sozialdemokratie keinen Zugang mehr zum Proletariat des 21. Jahrhunderts gefunden hat. Die Welt des Lehrers ist zu weit von der des Hartz-IV-Empfängers entfernt.

Ähnlich könnte es bald der Union ergehen. In den vergangenen 20 Jahren haben liberal denkende Kräfte die Wirtschaftspolitik der Partei übernommen. Zwar wurden sie in der vergangenen Legislaturperiode durch eine pragmatisch und machtpolitisch agierende Kanzlerin gebremst. Doch besonders in der jüngsten Generation von CDU-Politikern gibt es kaum mehr engagierte Sozialpolitiker. Die Rufe nach dem freien Markt gehören zu Veranstaltungen der Jungen Union genauso dazu wie die BMW-Schlüssel auf dem Tagungstisch. Und das in einer Partei, die in weiten Teilen der Republik noch von Bauern und einfachen Angestellten gewählt wird.

Keine Parteikarriere ohne höhere Bildung

Das Auseinanderdriften der sozialen Schichten in Deutschland ist daher längst in den Mitgliederstatistiken der Volksparteien angekommen. Eher praktisch begabte Menschen kommen nicht mehr mit den Verhaltensregeln klar, die in einer Partei von rhetorisch geschulten Akademikern gemacht werden. Anders gesagt: Ein Herbert Wehner hätte mit seinem schnodderigen Tonfall auch deswegen heute keine Chance mehr, weil ihn die geschliffen argumentierenden Jungsozialisten schon ab der ersten Parteiversammlung ausgelacht hätten.

Doch gerade die Volksparteien leben von der Illusion, dass unter ihrem Dach jeder ein Zuhause finden kann - egal ob arm oder reich. Dass Union und SPD kaum mehr in der Lage sind, auch Menschen ohne höhere Bildung eine Karriere zu ermöglichen, ist besorgniserregend. Der Prozess ist jedoch nicht unumkehrbar. Vielleicht würde es schon reichen, Parteihierarchien flacher zu gestalten. Basisdemokratische Elemente helfen auch jenen, die nicht schon mit 20 beim RCDS gelernt haben, Mehrheiten zu organisieren.

Und dass jetzt fast jeder vierte Abgeordnete Jurist ist, bedeutet noch nicht zwangsläufig Kommunikationsprobleme mit der einfachen Bevölkerung. Und dennoch stehen die ins Parlament gewählten Eliten in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen den Menschen zuhören, den Kontakt halten. Verstehen wollen, statt alles schon verstanden haben zu meinen. Denn sonst war die historisch niedrige Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009 nur der Anfang eines sehr schmerzhaften Umbruchs.

Ein Kommentar von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
knilch_59 (30.10.2009, 15:29 Uhr)
@Tempelhofer - im Gegenteil!
Nicht Abgeordnete besser bezahlen, sondern alle bezahlten Nebeneinkünfte verbieten! Für Anwälte ist doch gerade die Verbindung zur Abgeordnetentätigkeit ideal: Die Kanzlei weiter laufen lassen, nur noch ausgewählte (lukrative oder das Renommee steigernde) Mandanten betreuen und dazu noch Diäten kassieren. Schauen Sie sich doch die unverschämte Abzocke an, die ein Herr Merz in den vergangenen 4 Jahren vorgelebt hat. Zu seinen über 100.000 als Parlamentarier hat der locker nebenher noch mal 150.000 aus Aufsichtsratstätigkeiten + Anwaltshonoraren gemacht. Und inwieweit sein zusätzlich bezahltes Abgeordnetenbüro dabei geholfen hat, werden wir nie erfahren.
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?Wer die Noten liebt, der mache Musik, wer die Banknoten liebt mache Politik?
Tempelhofer (30.10.2009, 06:35 Uhr)
Abgeordnete besser bezahlen
Es ist schon widersinnig, wenn sich hier Leute ständig über die angeblich zu üppigen Diäten und Beihilfen für die Abgeordneten beklagen, und dann sich beschweren, dass zu wenig Vertreter aus dem einfachen Volk im Parlament sind.

Es sind gerade diese Diäten, die es auch wirtschaftlich nicht selbstständigen Menschen ermöglicht, als Abgeordnete tätig zu sein. In dem man die Diäten massiv einschränkt, und Diätenbezieher pauschal als Abzocker verunglimpft, fördert man gerade den Trend einer zu einseitigen sozialen Ausrichtung des Parlaments.

Normale Bürger, die keine gut gehende Rechtsanwaltspraxis oder Beamtenposition haben, müssen sich ihre Abgeordnetentätigkeit auch leisten können.
knilch_59 (29.10.2009, 22:00 Uhr)
An alle, die sich jetzt beschweren
Vielleicht hat das ja auch etwas damit zu tun, dass der Willen zur Mitarbeit in Gremien auch etwas mit Bildung zu tun hat: Jeder Parlamentarier wurde von Partei-Delegiertenkonferenzen auf Landes- oder Ortsebene nominiert. Wer hat dort die Akademiker auf den Schild gehoben? Gab es auch schon dort keine Arbeiter, Angestellten, Selbständige mehr? Wenn ja, warum nicht und wenn nein, warum wurden diese nicht aufgestellt?
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These: Es hat etwas mit Bildung zu tun, sich auf den Marsch durch die Gremien einlassen zu wollen. Einfache Gemüter wollen gar nicht mitarbeiten, sondern die Demokratie nur konsumieren: nicht mitmachen, sondern einfach nur am Wahltag entscheiden, ob man zu Hause bleibt oder kauft, und wenn man kauft, wen. Wer für sich entscheidet, dass Demokratie wie ebay funktioniert und Wahlkampf nur die Produktinformationsseite ist, macht sich sich abhängig von denjenigen, die die Plattform liefern.
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Das kann man aber den Juristen und Lehrern, die kandidieren, nicht vorwerfen, sondern das fällt auf uns zurück.
Margrit1 (29.10.2009, 21:45 Uhr)
noch schlimmer
viel schlimmer ist noch, dass die Mehrheit von denen noch nie im richtigen Berufsleben standen und dass wir dabei sind ein Kindergartenparlament zu bekommen.
Die Jungen, wie Spahn, Mißfelder, Bahr und nun dieser FDP Bubi usw. studieren oder haben satte 10!!! Jahre rumstudiert, nochnie ne Schippe in der Hand gehabt und meinen, sie müßten uns sagen wo es lang geht. Dieser Spahn hat 2 Jahre Banklehre und sonst nichts und betitelt sich als gesundheitspolit. Sprecher. Der Kerl hat noch nie eine Krankenkasse von innen gesehen geschweige weiß er über das System Bescheid. Diese Rotznase Mißfelder, ein Studium in den Sand gesettz dann ein zweites, ist bereits im Wirtschaftsausschuss. Woher hat er denn seine Ahnung?
Eins haben sie allerdings alle gemeinsam: eine strotzende Überheblichkeit.
Ich sehe darin eine große Gefahr und das müßte auch verboten werden.
Eine Volksvertretung ist der Bundestag schon lange nicht mehr. Es ist ein abgeschotteter Verein. Der Reichstag - die Politik sind zum Staat im Staat geworden und das halte ich für höchst gefährlich
Sonja1985 (29.10.2009, 20:10 Uhr)
Abschottung
Ich denke der Kritikansatz ist richtig, aber zu kurz gegriffen. Ein Arbeiter, der 10 Jahre im Politikbetrieb ist, freigestellt von seinem Arbeitgeber, der die Fahrbreitschaft des Bundetag in Anspruch nimmt, der im Rgeierungsviertel wohnt, der Lufthansa und Bahn erste Klasse fliegt/fährt - ist meistens genauso weit weg von der Wirklichkeit, das auch er nicht mehr Teil der gesellschaftlichen Gruppe ist die er zu vertreten meint. Ich denke es gibt Juristen die unkorrumpiert sind vom angenehmen Machtbetrieb und durchaus gute Vertretungsarbeit machen. Die meisten im Bundestag sind halt abgehoben - egal ob Akademiker oder Nicht-Akademiker. Viel schlimmer finde ich dass fast keine einziger Fremdsprachen kann und kaum einer die Welt kennt.
Henny_Jimdrix (29.10.2009, 19:46 Uhr)
Das ist eine Diskussion wert:
Kann man bei den Mitgliedern des Bundestags tatsächlich noch von ?Volksvertretern? sprechen, wenn das Volk dort nicht mehr repräsentativ vertreten ist?
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