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2. Januar 2012, 13:21 Uhr

Der Krieg des Präsidenten

Lange umschmeichelte die "Bild"-Zeitung Christian Wulff und seine Frau. Nun ist die Zeit des Säuselns vorbei. "Bild" bestätigte Wulffs empörten Anruf bei Chefredakteur Diekmann. Von Dirk Benninghoff

Mit "It's too late to apologize" sang sich One Republic einst ins Herz von Christian Wulff. Der Bundespräsident gab das reichlich seichte Geträller der US-Band 2010 in einem Steckbrief als sein Lieblingslied aus. "Es ist zu spät, sich zu entschuldigen", heißt der Titel wortwörtlich übersetzt. Im Lichte der Affäre um einen Kredit und viele gute Beziehungen bietet die Wulffsche Songauswahl einigen Platz für Interpretationen, Wortspiele, Spott. So sah der Präsident die Zeit für Entschuldigungen bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann wohl noch nicht verstrichen. Wulff ruderte zurück und entschuldigte sich für einen aufgeregten Anruf, mit dem er verhindern wollte, dass über den Geerkens-Kredit berichtet wird. Es half nichts mehr: Erst wurde über das Darlehen berichtet, jetzt über die "Bild"-Anrufe.

Ob das die Beziehung zur größten Tageszeitung im Land wieder kitten wird, ist fraglich. Nachdem die "Bild" zunächst selber zu der "Drohanruf-Affäre" geschwiegen hatte, bestätigte die Zeitung am Montagnachmittag online, dass Wulff am 12. Dezember eine Nachricht auf dem Handy von Diekmann hinterlassen hat. "Der Bundespräsident zeigte sich darin empört über die Recherchen zu dem Hauskredit und drohte u.a. mit strafrechtlichen Konsequenzen für den verantwortlichen Bild-Redakteur", so "Bild.de" in eigener Sache. Zwei Tage nach der Veröffentlichung, also am 15. Dezember, entschuldigte er sich dann für die sehr emotional gefärbten Äußerungen. Selbst bei Springer-Chef Mathias Döpfner hat es Wulff versucht, in seiner Bemühung, die Veröffentlichung zu stoppen - auch dort scheiterte er, der Vorstandsvorsitzende wollte nicht in redaktionelle Belange eingreifen. Entsprechende Informationen von "Spiegel Online" bestätigten Verlagskreise stern.de.

Mit knapp drei Wochen Verzögerung war die neue Wulff-Affäre via "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und "Süddeutsche Zeitung" in der Öffentlichkeit gelandet. So sah sich das Präsidialamt genötigt, zu betonen, dass der Bundespräsident voll hinter der Pressefreiheit stehe. Nichts weniger als ein Eingriff in selbige stellt für viele Beobachter Wulffs Versuch dar, die Veröffentlichung der Causa Geerkens mit dem Diekmann-Anruf zu stoppen.

Jede Menge warme Worte

Lange hat das große Springer-Blatt dem Christdemokraten so treu zur Seite gestanden, wie es bei konservativen Politikern üblich ist, die auch privat etwas her machen. Als Wulff sich von seiner ersten Frau Christiane trennte, war das der "Bild" viel Mitgefühl wert. "Eine Ehe, die zwei Menschen einsam machte", titelte die Zeitung und analysierte die Trennung so wohlwollend, dass kein Leser es mehr für eine gute Idee halten konnte, dass Christian und Christiane noch länger zusammenbleiben.

Wie strahlend dagegen kam Wulffs neue Liebe in der "Bild" daher. Das Präsidentenpaar sei eine "Verjüngungskur", wie sie Schloss Bellevue noch nie erlebt habe, jubelte das Boulevardblatt in seinem Rückblick auf das Jahr 2010 und legte viel Gefühl in die Berichterstattung: "Ihr Lächeln ist echt, ihre Berührungen sind authentisch. Denn das junge Paar musste um sein Glück kämpfen." Es hätte die Herzen der Menschen im Sturm erobert, die First Lady ihre neue Rolle souverän gemeistert. Die Wulffs gehörten damals laut "Bild" zu den "Politiker-Paaren, die Deutschland bewegten". Auch dabei: die Guttenbergs.

Ein Jahr später ist von soviel Empathie keine Spur mehr. Die "Bild" sorgte - dicht gefolgt von stern.de - dafür, dass der Kredit der Unternehmergattin Edith Geerkens öffentlich wurde, und brachte die Affäre ins Rollen. Wulff soll sich bereits auf seiner Dienstreise in den Golfstaaten im kleinen Kreis negativ über die "Bild" geäußert haben. Gerüchte über eine Konfrontation zwischen Präsident und Zeitung machten schon seit Beginn der Affäre Mitte Dezember in Berlin die Runde.

Als Wulff nicht erste Wahl war

Es blieb nicht lange bei Gerüchten. Wie konnten die beiden Zeitungen überhaupt von dem wenig präsidialen Anruf wissen, bei dem er sogar mit einer Strafanzeige gedroht haben soll und der jetzt teilweise gar als "Kriegserklärung" ausgelegt wird? Es riecht nach gezielter Information seitens der "Bild". Die Mailbox des Chefredakteurs ist schließlich selbst für den gewieftesten Rechercheur eher schwer zu knacken. Die "Bild" jedenfalls, so schrieb sie am Montag, hatte zunächst "nach breiter redaktioneller Debatte davon abgesehen, eigens über den Vorfall zu berichten".

Das verstärkt wiederum Wulffs Dilemma - auf die "Bild" kann er sich bei der Krisenbekämpfung nicht verlassen. Und selbst die hatte den Abgang von Karl-Theodor zu Guttenberg nicht verhindern können. Im Fall Wulff kam es bereits zur Präsidentschaftswahl zu ersten Spannungen. Die waren aber eher in der Person des Gegenkandidaten Joachim Gauck zu sehen. Helden der Wiedervereinigung stehen beim Springer-Verlag schließlich traditionell hoch im Kurs. Nach der Wahl schwenkte die "Bild" dann auch schnell auf Wulff-Kurs, siehe "Verjüngskur", siehe "authentische Berührungen".

Von Dirk Benninghoff
 
 
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