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Khaleds Tod, Dresdens GAU

Wer auch immer für den Tod von Khaled I. verantwortlich ist - schon der Umgang der Polizei mit dem Fall ist ein übler Skandal. Er ruiniert Dresdens Ruf komplett.

Von Silke Müller

Hier starb Khaled I: Weiße Tulpen neben einer getrockneten Blutlache vor dem Plattenbau an der Johannes-Paul-Thilman-Straße im Stadtteil Dresden-Leubnitz-Neuostra

Hier starb Khaled I: Weiße Tulpen neben einer getrockneten Blutlache vor dem Plattenbau an der Johannes-Paul-Thilman-Straße im Stadtteil Dresden-Leubnitz-Neuostra

Egal, zu welchem Ergebnis die Ermittler im Mordfall des getöteten Eritreers in Dresden kommen: Der Tod des 20-jährigen Asylbewerbers Khaled I. ist ein Super-GAU.

Ganz abgesehen davon, dass ein Menschenleben zu beklagen ist, hat die Stadt nun, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ihren ersten Pegida-Toten. Und es waren nicht die etablierten Medien, die diesen Verdacht zuerst publizierten, Stichwort Lügenpresse, sondern Beobachter des Geschehens in Dresden, die meinten, eins und eins zusammen zählen zu können und dies in sozialen Medien und Leserbriefkommentaren äußerten.

Dieser Reflex, den Tod sofort Rassisten in die Schuhe zu schieben, ist nicht nur eine Folge der aufgeheizten Stimmung in der Stadt. Ganz wesentlich dazu bei trägt das eklatante Versagen der Dresdner Polizei.

Das rechte Auge

Denn wenn am Tatort nicht komplett Unfähige am Werk waren, muss man zu dem Ergebnis kommen, dass die Polizei auf dem rechten Auge blind ist. Da liegt im Hinterhof einer öden Platte in Dresden ein toter Mensch mit dunkler Hautfarbe in einer Blutlache. Tage zuvor war die Tür des Toten mit Hakenkreuzen beschmiert worden. Und am selben Abend, als der Mann verschwand, zogen nach offiziellen Angaben 25.000 Menschen mit ausländerfeindlichen Parolen durch die Innenstadt.

Wer in dieser Situation eine gewaltsame Todesursache kategorisch ausschließt, muss sich seiner Sache sehr sicher sein.

Wer in dieser Situation den gesellschaftlichen, politischen und lokalen Kontext bei seinen Ermittlungen ausblendet, ist entweder für den Beruf des Polizisten ungeeignet, oder er missbraucht sein Amt.

Aber auch: Wer in dieser Situation Urteile fällt, bevor sie mit größtmöglicher Sicherheit begründet werden können, sät Angst, Hass, Gewalt.

Der Wert des Zweifels

Nur ein Hauch von Zweifel hätte dazu führen müssen, die Leiche sofort obduzieren und am Tatort Spuren sichern zu lassen. Nur ein Hauch. Von Zweifel.

Diese vornehmste Kriminalisten-Tugend, den Zweifel, haben die Polizisten missachtet.

Den Zweifel äußerten diesmal, einmal mehr, die Medien. Es war die Dresdner Morgenpost 24, die nachhakte. Wie es denn sein könne, dass ein 20-Jähriger plötzlich blutend tot umfallen könne, fragten die Journalisten die Polizei. Später räumte der Polizeipräsident Pannen ein. Erst 30 Stunden nach dem Leichenfund wurde der Tatort nach Spuren untersucht. Aufklärungswille äußert sich anders.

Kontrollpflicht der Instanzen

Das Vertrauen in die Objektivität der Dresdner Polizei geht Stück für Stück verloren. Am Rand der Pegida-Märsche äußerten Einsatzkräfte gegenüber dem stern unverblümt ihre Sympathie für die ausländerfeindlichen Parolen der Bewegung. In einem Bus der Polizisten lag eine Deutschlandfahne über das Armaturenbrett drapiert. Und die Teilnehmerzahlen, die jeweils für Pegida- und Anti-Pegida-Märsche von der Polizei bekannt gegeben werden, gehen unverhältnismäßig weit auseinander. Viele Beobachter zweifeln seit Wochen an der Glaubwürdigkeit dieser Schätzungen.

Doch man kann seine Unschuld nicht scheibchenweise verlieren. Mit dem Fall Khaled I. ist der Punkt erreicht, an dem nicht nur die Polizei sich selbst gründlich prüfen muss, sondern auch die Instanzen der Staatsgewalt ihre gegenseitige Kontrollpflicht ausüben sollten.

Die Gräben der Stadt

Die Anzeige des grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck gegen Unbekannt wegen möglicher Strafvereitelung im Amt ist folgerichtig und im besten Sinne eine demokratische Pflicht. Es muss lückenlos aufgeklärt werden, wie Khaled I. starb. Und wie es zu solch eklatanten Ermittlungspannen kommen konnte.

Eines aber ist nicht wieder gut zu machen. Der junge Mann ist tot. Und egal, ob am Ende Ausländerfeinde, sein eigenes Umfeld oder sonstwer den Tod zu verantworten hat, die Gräben in der Stadt sind noch tiefer, das Misstrauen größer, der Imageverlust in der Welt unermesslich geworden.

Auch stern-Reporterin Silke Müller erlebte, wie Pegida-Anhänger Pressevertreter drangsalierten und ließ öfters mal den Block in der Tasche, um den Hass nicht auf sich zu ziehen. Dennoch plädiert sie für einen offenen Dialog und die Auseinandersetzung mit den Motiven der Pegida-Bewegung. Sie können ihr auf Twitter folgen unter @silkeundmueller

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