Sie freue sich über die Tötung bin Ladens, sagt die Kanzlerin. Geht das? Oder verrät sie so Partei und Republik und führt uns zurück ins Mittelalter? Hier streiten zwei stern.de-Redakteure.
Hat sie das eben wirklich gesagt? Als Angela Merkel am frühen Montagnachmittag vor die Presse trat, hab ich mich gefragt, ob ich richtig gehört habe: "Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten", kommentierte die Kanzlerin das blutige Ende des Al-Kaida-Chefs. Eine Aussage, die der CDU-Chefin jetzt nicht nur von politischen Gegnern um die Ohren gehauen wird - zu recht.
Mit ihrer Äußerung hat die Kanzlerin eine Tür aufgestoßen, die niemals geöffnet werden darf: Der Tod eines Menschen darf in keinem Fall ein Grund zur Freude sein, weil die Würde des Menschen und damit auch sein Leben unantastbar sind. Das ist ein Grundsatz unseres Zusammenlebens, steht deshalb auch in unserem wichtigsten Gesetz und gilt für JEDEN. Wenn wir anfangen, dieses Prinzip aufzuweichen, überschreiten wir die Grenzen, die unseren Rechtsstaat und unsere Demokratie ausmachen.
Über wessen Tod darf man sich denn dann noch freuen? Der Massenmörder bin Laden hat mindestens 3000 Menschenleben auf dem Gewissen. Wie steht es mit einem Serienkiller, der 20 Menschen umgebracht hat? Wie mit einem Kinderschänder oder Vergewaltiger? Wer bestimmt, wo die Grenze liegt? Es gibt keine Todesstrafe in Deutschland und Angela Merkel würde sich niemals vor die Presse stellen und für ihre Einführung werben. Dennoch freut sie sich über die "Todesstrafe" für bin Laden, die noch dazu ohne Prozess verhängt wurde.
Es hat zehn Stunden gedauert von der Nachricht über bin Ladens Ende bis zu Merkels persönlicher Stellungnahme. Der Auftritt der Kanzlerin war also alles andere als spontan, ihre Wortwahl genau überlegt. Das Signal, das sie damit aussendet, hat sie daher entweder bewusst gewählt oder übersehen - beides wäre fatal.
Um eines klarzustellen: Auch ich freue mich darüber, dass der Massenmörder bin Laden für die Welt keine Gefahr mehr darstellt. Aber ich bedaure, dass der Weg dahin über den Tod von fünf Menschen führte.