Ingenieurnation Deutschland bangt um ihr Image

15. August 2012, 15:36 Uhr

Pleiten und Pannen bei deutschen Prestigeprojekten bringen öffentliche Bauherren in Bedrängnis und ärgern die Steuerzahler. Die Bauindustrie fürchtet schon um den Ruf deutscher Ingenieurskunst.

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Ewige Baustelle und Politikum: Der Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg (BER)©

Wenn alles klappt, drängeln sich die Ehrengäste vor dem herausgeputzten Neubau: Rotes Band, Beifall, goldene Worte vom "Aushängeschild" oder einem "neuen Wahrzeichen". Doch mit stolzen Prestigeprojekten in öffentlicher Regie hat die Ingenieurnation Deutschland derzeit nicht gerade eine Glückssträhne.

Ob Elbphilharmonie in Hamburg oder neuer Hauptstadtflughafen - die Kosten laufen aus dem Ruder, Terminpläne wackeln, Experten kämpfen mit technischen Tücken. Oder Bürgerwiderstand macht den Planern einen Strich durch die Rechnung wie beim Ausbau des Münchner Flughafens. Inzwischen sorgt sich die Baubranche um Image und Geschäftschancen.

"Es ist Gefahr im Verzug", warnt der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrie-Verbands, Michael Knipper. "Wenn wir nicht aufpassen, dann wird auch die deutsche Bauindustrie bei hochkomplexen Projekten Kernkompetenz verlieren." Mit Sorge beobachten die Unternehmen, wie Pannenserien die Zweifel an der Realisierbarkeit von Mega-Projekten nähren und die Akzeptanz in der Bevölkerung vielfach schwindet. Die Folge: Der Fluss neuer Aufträge - wichtig, um Spezialkräfte zu halten - sei schwächer als bei europäischen Nachbarn. Es habe sich ein Stau aus mehr als 70 blockierten Großvorhaben von Schienentrassen bis zur Flussvertiefung gebildet. Investitionsvolumen: 48 Milliarden Euro.

Kosten zu eng berechnet, Zeitpläne zu ehrgeizig

Wo Projekte laufen, werden indes vielfach Hiobsbotschaften laut. Die visionäre Philharmonie im Hamburger Hafen sollte 77 Millionen Euro kosten und schon seit zwei Jahren Besucher empfangen. Doch Ausschreibungen und Planungen liefen auseinander, an Abstimmung auf der Baustelle haperte es. Heute liegen die Kosten bei mindestens 323 Millionen Euro. Eröffnet wird das Konzerthaus wohl erst 2016.

Stuttgart 21, der künftig unterirdische Hauptbahnhof, wurde 1995 auf 2,5 Milliarden Euro kalkuliert. Aktueller Stand nach jahrelangem Planen inklusive Zwangspause wegen eskalierter Bürgerproteste: rund 4,3 Milliarden Euro. So hoch ist die Summe inzwischen auch beim Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg, dessen Eröffnung gerade um ein Dreivierteljahr auf - vielleicht - März 2013 verschoben wurde. Wie die Mehrkosten von 1,17 Milliarden Euro zu stemmen sind, will der Aufsichtsrat an diesem Donnerstag beraten.

Dabei sind die Ursachen für Pleiten, Pech und Pannen unterschiedlich. Großprojekte mit tausenden Bauarbeitern sind komplex zu steuern, diverse Gewerke arbeiten parallel oder greifen teils ineinander. Mal werden Architekten als Schuldige ausgemacht, die Politik schimpft über Planer und Baumängel, mal geben die Architekten und Bauunternehmen den Schwarzen Peter weiter. Politiker schöben Prestigeprojekte gern mit eng berechneten Kosten und überehrgeizigen Zeitplänen über die Startlinie, kritisiert der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine. "Gelingt es, diese Rahmenbedingungen einzuhalten, sind alle froh, und der Erfolg hat bekanntlich viele Väter", konstatiert Verbandspräsident Christian Baumgart.

Öffentliche Bauherren manchmal überfordert

Die Bauindustrie dringt auf eine gründlichere Steuerung, in die die Auftraggeber auch mehr investieren sollten. "Das rechnet sich im Vergleich zu den Gesamtkosten allemal", sagt Hauptgeschäftsführer Knipper. Außerdem gelte: "Lieber etwas länger und sorgfältiger planen als nachher Fehler ausbaden."

Teils seien öffentliche Bauherren auch überfordert, meint Baumgart. Große Projekte bilden ein von außen kaum durchschaubares Dickicht an Verantwortlichkeiten - der eine macht die Ausschreibung, der andere die Bauüberwachung, wieder ein anderer die Kostenkontrolle. Und auch die Bauleitung liegt in anderen Händen. Problematisch sei, dass manche Bauherrenvertreter bei kurzfristig nötigen Änderungen nicht genug "Entscheidungskompetenz" hätten, klagt die Baubranche.

Dabei kann es gerade bei Mega-Vorhaben, die sich über Jahre hinziehen, zu Nachjustierungen kommen. Schwer erkämpft war dies etwa beim Berliner Hauptbahnhof (Kosten: gut eine Milliarde Euro), dessen spektakuläres Glasdach von 450 auf 320 Meter gekappt wurde. Nur so klappte die Eröffnung zur Fußball-WM 2006. "Stellen Sie sich vor, wir wären mit dem Bahnhof nicht fertig geworden", meinte der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn. "Ich glaube, dann hätte man mir die Haut in Streifen vom Körper gezogen."

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