Die Ossis kapieren es nicht? Vermurksen alles? So so. Sehen wir uns mal genauer an, wer den Ruf meiner Heimatstadt Leipzig ruiniert. Von Holger Witzel

Jede Menge Ärger: Möchtegern-Leipziger in Leipzig© Jan Woitas/DPA
Gerade hat man den Geschäftsführer der Leipziger Wasserwerke verhaftet. Auch der Boss der hiesigen Verkehrsbetriebe sieht einer Anklage wegen Bestechlichkeit entgegen. Nachbarn und Golffreunde des langjährigen Sparkassenchefs genossen seltsame Sonderkonditionen, bis sich Staatsanwälte und Bankenaufsicht dafür interessierten. Untreue, Vorteilsnahme, Amigo-Affären - in der ehemaligen Boomstadt Leipzig, so muss das von außen wirken, boomt vor allem die Vetternwirtschaft.
Als Leipziger ist mir das manchmal richtig peinlich, auch wenn ich wie die meisten Eingeborenen wenig dafür kann. Schaut man sich die üblichen Verdächtigen nämlich einmal genauer an, fällt vor allem auf, dass es gar keine Leipziger sind, die unsere Stadt ständig ins Gerede bringen.
Der Mann, für dessen windige Geschäfte mit den Wasserwerken nun ein Schaden von 290 Millionen Euro droht, ist eigentlich Münchner. Sein Kollege von den Verkehrsbetrieben stammt aus Köln. Die Sparkassen-Golffreunde sind ebenso zugezogen wie die Sächsische Landesbank im Wesentlichen von Managern aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zu Grunde gewirtschaftet wurde. Rückblickend muss man sogar die zwei sächsischen Ministerpräsidenten Milbradt und Biedenkopf dazu zählen, die letztlich beide wegen anrüchiger Privat-Geschäfte zurücktreten mussten. Und ich dachte immer, das wäre nur ein blöder Zufall.
Wer konnte das auch ahnen, als die selbstlosen Aufbauhelfer vor 20 Jahren alle Macht und Posten in den damals wirklich noch neuen Ländern übernahmen? Sie schienen alles besser zu wissen und machten daraus keinen Hehl. Wie die klapprigen Gebrauchtwagen ihrer Landsleute fühlten sich gebrauchte Politiker noch einmal gebraucht. Nach jahrelangem Karrierestau zu Hause wuchsen Beamte und Manager mit Buschzulage plötzlich über sich selbst und das natürliche Ende ihrer Laufbahn hinaus. Wer von einer westdeutschen Uni kam und das Wort Staatsexamen richtig schreiben konnte, wurde sofort Richter oder Amtsleiter.
Nach und nach spürte man zwar, dass diese Leute auch nur mit Wasser kochten, wenngleich mit etwas mehr Dampf. Trotzdem wollte sie niemand gleich mit den Glücksrittern, Spekulanten und Versicherungsvertretern in einen Topf werfen, die nach dem ersten Goldrausch wieder verschwanden. Hätten wir stutzig werden müssen, als viele länger blieben als befürchtet? Sich wie zu Hause fühlten, obwohl sie keiner darum bat? Haben wir am Ende nicht nur die Besten bekommen, die man damals im Westen gerade entbehren konnte, sondern vor allem die, die man gern loswerden wollte?
Sicher trieben es nicht alle so schamlos wie der Hesse Jürgen Schneider, der bis heute fälschlicherweise als "Leipziger Baulöwe" bezeichnet wird, oder dieser Potsbote, der nach einer gescheiterten Karriere als Amtsarzt in Schleswig-Holstein ohne jedes Medizinstudium Leitender Oberarzt in einer sächsischen Klapsmühle wurde. Die Chuzpe allerdings, mit der Hochstapler wie Postel oder Schneider psychiatrische Gutachten fertigen oder sich als Immobilien-Mäzen aufspielen durften, steht für viele, die damals über den deutschen Osten herfielen. Sie hatten dort leichtes Spiel, weil sie im Grunde nur mit ihresgleichen zu tun hatten: In Behörden und Ministerien, Gerichten und Banken trafen sie nicht etwa auf ahnungslose Ossis, sondern auf andere Schaumschläger, die auch noch nicht lange auf diesen Posten saßen und sich jede überdimensionierte Kläranlage aufschwatzen ließen.
Die Möchtegern-Leipziger verscherbelten unsere Straßenbahngleise und Wasserwerke per Cross-Border-Leasing an amerikanische Heuschrecken. Für sie privat, so schien es lange, fielen dabei nur ein paar Dubai-Reisen und Luxusuhren ab. Inzwischen sind weitere Millionen in undurchsichtigen Versicherungsgeschäften verschwunden. Muss man noch fragen, woher die Leute in den einschlägigen Aufsichts- und Verwaltungsräten stammen, die nun "die kriminelle Energie" ihrer Landsleute beklagen? Wieso die Manager überhaupt noch bis 2009 im Amt waren, zum Teil mit verlängerten Verträgen, obwohl der Verdacht auf Bestechlichkeit seit 2006 bekannt war? Wundert es einen, dass die Staatsanwälte, die dafür so lange brauchen, meist auch keine Einheimischen sind? Na gut: Wenigstens bezahlen dürfen den Schaden echte Sachsen, unter anderem mit ihrem guten Ruf.
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