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22. März 2008, 09:00 Uhr

Kleines Schiff auf großer Fahrt

Auf der 48 Meter langen "Hanse Explorer" werden Seeleute ausgebildet. Und dann ist auf dem Expeditionsschiff noch bequem Platz für zwölf Passagiere, die dem Kapitän und dem Koch über die Schulter schauen und sich in Routenplanung, Navigation und Küchenarbeit einmischen dürfen. Wie bei dieser Island-Reise. Von Peter Pursche

Mitternacht vor Islands Nordküste: Im Sommer verschwindet die Sonne nachts nur ganz kurz hinterm Horizont© Gunnar Knechtel

"Hab ich euch eigentlich schon erzählt, wie ich mal 3500 Tonnen Dosenmilch nach Bengasi geschippert hab?" Käpt’n Ewald schaut in die Runde. Mit dem schneeweißen Vollbart, der aus dem Nebel der Doggerbank gewebt worden sein muss, und dem marineblauen Pullover gibt er einen Bilderbuchkapitän ab. Hände in den Taschen, Nase im Wind. Nein, die Geschichte mit dem Milchtransport nach Libyen, die hatten wir noch nicht. Aber sie passt in die Reihe seiner anderen Storys: etwa die von der Blinddarmnotoperation, die Ewald wegen Zivilisationsferne und mangels Arzt an Bord nach Funkanweisung selbst vornahm ("ist nicht so schwer, man muss nur so lange am Darm zuppeln, bis man den Übeltäter gefunden hat, und dann - zack - abschneiden") oder die von seinem kleinen Ausflug auf dem Surfbrett zwischen antarktischen Eisbergen ("kann sein, dass ich der südlichste Surfer der Welt bin").

Wie die Enkel von TV-Käpt’n Blaubär, die gerade von den Westwindpocken erzählt bekommen, sitzen wir am großen Teakholztisch, süchtig nach der nächsten Geschichte, aber nie ganz sicher, ob Fahrensmann Ewald Brune die Wahrheit erzählt oder Seemannsgarn spinnt. Die Runde an der Tafel ist überschaubar: Zehn Passagiere sind wir, nur insgesamt zwölf haben Platz in den sechs Gästekabinen der "Hanse Explorer". Der auf anderen Kreuzfahrtschiffen schwer begehrte Captain’s Table steht hier jeden Tag auf dem Programm, morgens, mittags und abends. Das weiss-blaue Stahlschiff "Hanse Explorer", das wie eine Mischung aus geschrumpfter Oligarchenyacht und dem Expeditionsdampfer "Calypso" des Meeresforschers Jacques Cousteau wirkt, ist 48 Meter lang, 10 Meter breit, 13 Knoten schnell - und äußerst stabil. Der Germanische Lloyd hat ihm die Eisklasse E3 bestätigt, damit kann das Schiff noch durch 80 Zentimeter dickes Eis pflügen und ist für die Polarregionen und die Nordwestpassage bestens gerüstet.

Passagiere entscheiden wohin die Reise geht

Wir zehn Passagiere sind im isländischen Keflavík an Bord gegangen, eine Stadt, die niemand beachten würde, wäre hier nicht Islands internationaler Flughafen - ein idealer Ort zum zügigen Wegfahren. Gleich beim Begrüßungssekt im Salon haben wir das förmliche Sie über Bord geworfen, wohl ahnend, dass auf so einem übersichtlichen Schiff Nachnamen und Titel albern wären. "Herr Dr. Ypsilon, darf ich Sie auf einen Zwergwal an Backbord aufmerksam machen?" Nee, nee. Also befährt man zusammen mit den frischen Bekannten Friedrich, Elisabeth, Heimo, Astrid, Bernd, Renate, Ute, Manfred und Gunnar Islands Küste, und dass man zum Ende der Reise erfährt, dass sich hinter den Namen unter anderem ein Vorstandsvorsitzender, die Präsidentin eines Rechnungshofes, eine ehemalige Landtagsabgeordnete und ein sehr adliger Agrarunternehmer verbergen - geschenkt. An Bord herrscht eine angenehme Hemdsärmeligkeit, die auf Titel, Dresscode und festgefügte Tagesprogramme verzichtet. Genauso wenig gibt es Pianisten, Animateure oder Cruise Directors, ja, es weht sogar eine gewisse Basisdemokratie durch das Schiff. Abends, beim Dinner, können die Gäste ihre Wünsche äußern, wohin die Reise am nächsten Tag gehen soll. Wenn Ewald Brune entscheidet, dass die Tour navigatorisch möglich ist, und das Wetter mitmacht, dann bestimmen die Passagiere tatsächlich, wohin die Reise geht.

Mit zehn Knoten Reisegeschwindigkeit schippert die "Hanse Explorer" durch den Atlantik, am ersten Tag zu den Westmännerinseln vor der Südküste. Ziel ist die Insel Heimaey mit der gleichnamigen Hafenstadt. Die See ist nur mäßig bewegt, im Schiffsbauch gleicht eine Antirolling-Anlage das Schlingern aus, indem sie große Wassermengen zwischen zwei Tanks hin und her pumpt. Der 100-Seemeilen-Törn bietet gute Gelegenheit, das Schiff zu inspizieren. Die sechs Außenkabinen sind komfortabel und zweckmäßig, jede verfügt über Flachbildschirm und CD-Spieler. In wenigen Sekunden ist man von hier aus an der frischen Luft. Auf dem Sonnendeck stehen Liegestühle, auf dem Passagierdeck befinden sich der gemütliche Salon mit Sofaecke und Bar und das Restaurant. Dort wird am großen Teaktisch gegessen. Unten im Mannschaftsdeck kann man sich jederzeit eine Sauna mit Blick durchs Bullauge aufs offene Meer anheizen oder auf einem Hometrainer schwitzen. Schilder, auf denen "Eintritt verboten" steht, gibt es auf dem ganzen Schiff nicht.

Viel Auto für sehr wenig Straße

Nachmittags um zwei Uhr tauchen die Westmännerinseln am Horizont auf. Als im Januar 1973 auf der einzig bewohnten Insel Heimaey völlig unerwartet ein Vulkan ausbrach, wurden alle 5300 Bewohner der gleichnamigen Hauptstadt evakuiert. Ein riesiger Lavastrom zerstörte 400 Häuser, ein Drittel der Stadt. Die komplette Insel wurde meterhoch mit Asche bedeckt. Ein halbes Jahr nach dem Ausbruch kehrten die ersten Bewohner wieder zurück und begannen mit den Aufräumungsarbeiten. Heute hat Heimaey wieder 4000 Einwohner. Mit einem geliehenen Motorroller ist die drei Kilometer lange Ringstraße schnell abgefahren. In der schroffen Lavalandschaft, über die sich nur stellenweise ein gnädiger grüner Schleier gelegt hat, findet das Auge wenig Trost. Am Ortsrand hat man begonnen, zehn verschüttete Häuser aus Lava und Asche freizukratzen. Hier soll als Gedenkstätte und Freilichtmuseum ein "Pompeji des Nordens" entstehen. Überraschend die vielen Porsche Cayennes und anderen teuren SUVs, denen man begegnet - sehr viel Auto für sehr wenig Straße. Die dicken Karren belegen, dass der Fischfang - einzige Einnahmequelle der Insel - immer noch kräftig Geld bringt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 09/2008

Kreuzfahrttipps

Kreuzfahrttipps Von Pol zu Pol

Die Hanse Explorer ist das ganze Jahr auf Reisen. Bis Mitte Mai wird sie drei Fahrten auf dem Amazonas unternehmen, bis Ende September sieben Fahrten an der grönländischen und kanadischen Küste, dann zweimal Karibik, um anschließend entlang der südamerikanischen Atlantikküste zum Südpol zu fahren. Preisbeispiel: Die 7-Tage-Tour von Curaçao nach Barbados vom 26. 10. bis 2. 11. kostet pro Kabine 6300 Euro (egal, ob mit einem Passagier oder zweien belegt). Der Preis deckt sämtliche Kosten bis auf die Anreise. Die im Text beschriebene Island-Reise kostete 5600 Euro und wird erst 2009 wieder angeboten. Kontakt/Infos: Oceanstar GmbH Hermann-Hollerith-Str. 10 28355 Bremen Tel.: 0421/46 86-5 70 Fax: 0421/21 25 16 www.oceanstar.de

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