Auch ein Resultat der Wirtschaftskrise: Weil alle Reisenden abwarten, bangen die Urlaubsorte um ihre Gäste - und locken deshalb mit satten Rabatten. Gerade Spätbucher können jetzt ihr Schnäppchen machen. stern.de verrät, wo Sie am meisten Urlaub für Ihr Geld bekommen. Von Wolfgang Röhl

Leere Liegen am Ballermann: Mallorca vermeldet 20 Prozent weniger Buchungen© Ronald Wittek/DPA
Es ist ruhig an Mallorcas
Playa de Palma, einer der
längsten Strandmeilen Europas.
So ruhig, dass man
einen Sangria-Eimer umfallen hören
könnte im "Megapark", der
kathedralenartigen Besäufnisanstalt
unweit des Ballermanns. Gar
nicht erst öffnen wird in diesem
Sommer das Hotel Simar der "Hi!"-Kette im Inselnorden - viel zu
wenige der 121 Zimmer wurden
gebucht. Mallorca beginnt zu husten.
Und wenn Mallorca hustet,
so die Erfahrung, kriegt die ganze
Branche Lungenentzündung.
Für die Reiseindustrie waren
die Aussichten noch nie so trüb,
denn ab März schlug die Krisenstimmung
voll ins Sommerprogramm
ein. Die Veranstalter blieben
auf ihren immer wieder fristverlängerten
Frühbucher-Rabatten
sitzen. Veranstalter, Hoteliers
und Airlines mussten zweistellige
Umsatzeinbrüche für den
Sommer bekannt geben. Auf der
wichtigsten Ferieninsel Mallorca
liegt der Buchungsstand stellenweise
bis zu 20 Prozent unter
Vorjahr. "So eine Verunsicherung
habe ich noch nicht erlebt", sagt
Manny Fontenla-Novoa, Boss der
Thomas-Cook-Gruppe. Nun hofft
man auf der großen Baleare auf
ein brummendes Last-Minute-
Geschäft.
Dabei wollen eigentlich alle
trotz Krise Urlaub wie gewöhnlich
machen. Nur 18 Prozent der
Deutschen, ermittelte die Forschungsgemeinschaft
Urlaub und
Reisen, planen partout keine Ferienreise.
Allerdings werden viele
ihr Budget oder die Urlaubstage
kürzen, sich Schnäppchenangebote,
ein billigeres Reiseziel und
preiswerte Unterkünfte herauspicken.
"2009 wird ein Discounter-Jahr", sagt Reiner Meutsch
vom Internetveranstalter Berge
& Meer. Auch Last Minute liegt
im Trend: Fünf Prozent mehr
"ultrakurzfristige Buchungen"
verzeichnet L'Tur, Deutschlands
größte Reiseresterampe, bereits
jetzt.
Fehlende Stammgäste
Und es gibt jede Menge Platz
an der Sonne. Denn die Krise
bremst nicht nur die Deutschen
aus. Deutlich weniger voll wird es
in diesem Jahr wohl in Spanien
sein, vor allem in den Hochburgen
der Briten, etwa in Benidorm,
Marbella und Torremolinos, sowie
auf Menorca, ihrer Lieblingsinsel.
Das Pfund ist drastisch eingeknickt,
und so fehlen die
Stammgäste aus Großbritannien
wohl auch in Portugal. Wer schon
immer mal die berühmten Felsbuchten
der Algarve bestaunen
wollte: Jetzt ist die Zeit! "Man hat
uns wieder lieb", freut sich das
Fachblatt "Fremdenverkehrswirtschaft",
das ein neues Werben um
den Gast aus Germanien ausgemacht
hat.
Auch in der preisgünstigen
Türkei ist er endlich wieder
wer, der Deutsche. Seit
Jahren leidet er dort unter den
Russen. Deren spendable Trinkgeldvergabe
degradierte ihn bei
den Kellnern zum Urlauber zweiter
Klasse. Doch in dieser Saison
wird der Gästemix anders: Der
Ostblock - Russen, Ukrainer, Osteuropäer
- schrumpft dramatisch.
Auch die vielen Israelis bleiben
aus, nach israelfeindlichen Sprüchen
türkischer Politiker. Zum
Sparen verdammte Westler rücken
nach. Da die Türkei also der
große Krisengewinner des Sommers
wird, ist es trotz Russenflaute
also unwahrscheinlich, dass
Pauschalreisen dorthin verschleudert
werden.
Auch in Kerneuropa lassen sich
kaum Schnäppchen machen. Da
alle Europäer sparen müssen,
machen noch mehr von ihnen
Urlaub im eigenen Land. Die Feriengebiete
von Frankreich, Irland,
Italien, Österreich und
Deutschland werden im Sommer
dicht bevölkert sein. "Der
Deutschland-Tourismus wird von
der Wirtschaftskrise voraussichtlich
weniger stark betroffen sein
als viele andere Destinationen in
Europa", glaubt die Deutsche
Zentrale für Tourismus.
Fernreisen-Discounts
Anders Ägypten. Auch dort
bleiben wegen Krise und Rubelschwäche
Russen aus, die größte
Besuchergruppe. Hotelauslastungen
von nur 40 bis 60 Prozent
ließen die Preise purzeln. Die
Suche nach dem Superschnäppchen
lohnt sich. Da der Ägyptenurlaub
gewöhnlich in einer
der komfortablen, austauschbaren
Bettenburgen am Roten
Meer stattfindet, ist der Urlaubsort
drittrangig. Clevere buchen, was in der gewünschten
Kategorie gerade am billigsten angeboten
wird.
Reiseträume werden auch in
den USA wahr. Zu billigem
Dollar und günstigen Flügen
kommen sinkende Hotelpreise,
denn viele US-Firmen haben ihre
Geschäftsreisen gedeckelt. Pauschalreisen
nach Nordamerika
seien bis zu 61 Prozent günstiger
als im Vorjahr, vermeldet Neckermann.
Flach am Wüstenboden liegen
die Hoteltarife in Dubai. Da das
noch vor Kurzem euphorisch gepriesene
"Übermorgenland" auf
einmal ziemlich abgebrannt dasteht,
lohnt sich der Mittelstreckentrip
ins Emirat mehr denn je.
Halb so teuer wie im vergangenen
Jahr seien viele noble Unterkünfte
jetzt, jubeln die Veranstalter.
Auch Otto-normal-Touristen können
im spektakulären 1539-Zimmer-Komplex Atlantis logieren,
den ein Hotelmogul auf die künstliche
Insel The Palm Jumeirah gepflanzt
hat. Eine Woche inklusive
Flug ab 1189 Euro, das ist Discount
vom Feinsten.
Und da ist er, der Haken beim
großen Rabattfeuerwerk. Der allgemeine
Preisverfall führt zu einer
sozialen Durchmischung, die
nicht jeder Reisende schätzen
dürfte. Im Kreuzfahrtbereich etwa
sinken die Preise auf breiter
Front. Gelegentlich werden Fahrten
zum Tagespreis von unter 50
Euro verditscht - Durchschnitt
sind 200 Euro. Da geht leicht mal
die Etikette über Bord. Das mussten
die Passagiere des britischen
Kreuzfahrers "Ventura" leidvoll
erfahren. Da eine Reihe von Gästen
ihre bereits angezahlten Törns
storniert hatten, füllte die Reederei
die Lücken mit Last-Minute-
Publikum, das teilweise weniger
als die Hälfte des regulären Preises
zahlte. Auf dem schicken Dampfer
hielten rohe Sitten Einzug. Familienklans
lieferten sich Massenschlägereien,
Kids bewarfen
Stewards mit Essen oder versuchten
Feuer zu legen. "Es war",
so ein geschockter Seetourist,
"wie in den schlimmsten Tagen
von Benidorm."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009