360 / 64 / 65 - so lauten die Traummaße für einen Schiffsbauer: Die "Oasis of the Seas" ist das größte Kreuzfahrtschiff, das jemals gebaut wurde. Noch vor seiner Taufe wird der Vergnügungskahn vor der Küste Floridas auf Herz und Nieren getestet. stern.de ist mit an Bord. Von Swantje Dake, auf See

Die "Oasis of the Seas" kreuzt ab Dezember durch die Karibik© sbw-photo
Schön ist sie nicht. Blässlich an der Nase, kühl, geradezu abweisend, weil spiegelglatt und kantig an der Taille. Und das Hinterteil? Statt knackiger Rundung ein großes Loch. Von der Kaikante nach oben geschaut ist die "Oasis of the Seas" ein uncharmanter Klotz, erinnert mehr an einen anonymen Hochhauskomplex als an einen eleganten Ozeanriesen
Aber die "Oasis" protzt mit Traummaßen für ein Schiffsquartett, denn jede Kategorie ist ein Stich. 360 Meter lang - das gab es noch nie bei einem Kreuzfahrtschiff. Das ist länger als der Eiffelturm oder das Hotel Burj Al Arab hoch sind. 342 Meter misst die "Queen Mary 2". Die 64 Meter Breite sind imposant ausladend und 65 Meter in der Höhe schließen so manche Brückendurchfahrt aus. 6296 Passagiere können in den 2706 Kabinen untergebracht werden - umsorgt von 2165 Crewmitgliedern aus 71 Ländern.
Die US-Reederei Royal Caribbean war angetreten, das größte Schiff der Welt zu bauen. "Größer bedeutet nicht automatisch besser", so Adam Goldstein, Präsident von Royal Caribbean International. "Wir wollen unseren Kunden aber mehr Auswahl und mehr Möglichkeiten geben." Vor wenigen Wochen ist es in einer finnischen Werft fertig geworden. Die 225.282 Bruttoregistertonnen haben es unbeschadet trotz heftiger Herbststürme über den Atlantik bis in den Heimathafen Fort Lauderdale in Florida geschafft. Kommenden Montag wird der 1,4-Milliarden-Dollar-Koloss im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu Gunsten lebensbedrohlich erkrankter Kinder getauft. Und die "Oasis" gibt sich nicht mit einer Taufpatin zufrieden, sieben US-Schauspielerinnen und Sportlerinnen werden es sein.
Aber erstmal wird der ganze Stolz der Reederei herumgereicht wie ein Neugeborenes. Und wie beim Nachwuchs tönen Offizielle und Lautsprecherdurchsagen bei jeder Gelegenheit von "our beautiful ship". Mehrere Kurztripps vor der Küste Floridas mit Reederei-Mitarbeitern und ihren Familien, loyalen Reisebüromitarbeitern und superlativhungrigen Journalisten aus aller Welt sollen die frohe Kunde verbreiten: Dieses Schiff übertrifft alles bislang Dagewesene. Das kann man ohne mit der Wimper zu zucken auch genau so zugeben - entscheidend ist, ob der Kreuzfahrtgast danach sucht.
Nicht verheimlichen kann die "Oasis", dass sie ein amerikanisches Schiff ist. Strategisch clever platziert: das Kasino. Auf Deck 4 liegt es zwischen dem Opus-Restaurant, in dem abends bis zu 3065 Passagiere ihr Drei-Gang-Menü speisen, und dem Opal-Theater, in dem Broadway-Musicals vor mehr als 1000 Menschen gezeigt werden. Dem Blinken und Blitzen, dem Klingeln und Scheppern der unzähligen Automaten entkommt man am Abend nicht.
Auf der "Mein Schiff", einem alten Royal-Caribbean-Schiff, wurde das Kasino beim Umbau stark verkleinert, weil es im deutschen Markt keine große Rolle spielt. Für Kreuzfahrten mit amerikanischen Gästen ist die Spielhölle eine nicht zu unterschätzende Geldquelle. Donuts, Cupcakes und Icecream von amerikanischen Gastroketten flankieren den Boardwalk auf Deck 6. Wer auf der Royal Promenade auf Deck 5 das Schiff betritt, findet sich in einer amerikanischen Shopping-Mall wieder. Im Spa-Bereich gibt es ganz selbstverständlich Botox-Behandlungen und Zahnbleichungen.