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6. November 2009, 08:29 Uhr

Sind die Chinesen Wettergötter?

Vor ein paar Tagen versank Peking im Schnee - angeblich erzeugt vom Wetteränderungsamt der Chinesen. So wurde es weltweit vermeldet. stern.de fragte den Wetterexperten Jörg Kachelmann, ob die Chinesen jetzt Wettergötter sind und in Zukunft auch die Alpen beschneien können.

Kachelmann, China, Peking, Schnessturm, Wetterbeeinflussung, Amt für Wetterbeeinflussung

Der Schweizer Moderator Jörg Kachelmann präsentiert unter anderem das Wetter im Ersten© Picture Alliance

Herr Kachelmann, das Wetteränderungsamt in Peking hat riesige Mengen von Chemikalien in die Wolken geschossen und für ein Schneechaos gesorgt. Was war da los?
Jörg Kachelmann: Es gab einen Wintereinbruch. Es hat geschneit. Mehr nicht.

Aber es soll künstlich erzeugter Schneefall gewesen sein. Das zumindest meldet "China Daily". Agenturen, Zeitungen und Websites haben das berichtet, auch stern.de.

Die Geschichte ist kompletter Schwachsinn. Auch ohne ein staatliches Amt für Wetterbeeinflussung hätte es genauso heftig geschneit.

Haben die Chinesen wirklich ein Amt für besseres Wetter?
Ich weiß nicht, ob es das chinesische Amt für Wetterbeeinflussung überhaupt gibt. Die Behörde ist auf der Website des chinesischen Wetterdienstes nicht verzeichnet. Auch habe ich noch nie erlebt, dass auf einem internationalen Kongress ein chinesischer Vertreter auftrat, der sagt: So geht's, Jungs.

Aber wurde die Kaltfront nicht mit Silberjodid gekitzelt?
Was genau die Chinesen gemacht haben, wissen wir nicht. Man experimentiert schon seit 100 Jahren, streut Silberjodid in Wolken, die noch nicht so weit sind und bringt sie zum Ausregnen oder zum Schneien. Aber jeder Meteorologe weiß, wie kalt und warm es morgen wird. Wenn es unter null Grad ist, dann schneit es eben. Es ist schwer vorstellbar, dass die Chinesen Regen gesät, aber Schnee geerntet haben und darüber auch noch überrascht sein wollen.

Sind die Chinesen jetzt Wettergötter?
Das Ganze ist hanebüchen. In der wissenschaftlichen Welt lacht jeder darüber. Weil man weiß, dass ein Wetter wie am Wochenende, das so viel Schnee mit sich bringt, viel zu groß für eine Beeinflussung ist. Selbst wenn man in die Kaltfront ein paar Atombomben reingeworfen hätte, wäre das Tief nur mittelmäßig beeindruckt gewesen.

Die Chinesen haben also kein Weltpatent aufs Schneemachen?
Nein, das ist Quatsch. Wenn es so wäre, würden die Hersteller von Schneekanonen jetzt kollektiv pleite gehen, weil die Chinesen für uns Winter machen. Ich bin sicher, dass es keine Patentanmeldung geben wird.

Wurde der Schnee von der Propagandamaschine erzeugt?
Jede Diktatur muss das eigene Volk beeindrucken und einen Nachrichtenfluss von Dingen erzeugen, wo die Welt aufmerkt: Hört, hört, wir haben zwar keine Demokratie. Aber wir können etwas, was keine andere Regierung vermag: Es regnen und schneien lassen. Die Behauptung, das Wetter zu beeinflussen, ist eine coole Sache.

Haben die Chinesen während der Olympischen Spiele 2008 in Peking am Wetter gedreht?
Nein, das wurde einfach behauptet. Am Anfang hieß es, wir versuchen, dass es nicht regnet. Aber schon am zweiten Tag hat es heftig geschüttet. Dann war das Thema Wetterbeeinflussung sofort tot.

Die Schneemeldung aus Peking wurde besonders in Deutschland wahrgenommen.
Das Interesse an der Wetterbeeinflussung ist ein typisch deutsches Phänomen, ähnlich wie das Biowetter. Diesen Unsinn gibt es nur in deutschsprachigen Medien, eine der vielen wissenschaftlich fehlgeleiteten Ideen des staatlichen Wetterdienstes DWD. In keiner amerikanischen Zeitung werden sie eine Biowetter-Vorhersage finden. Obwohl die Pharmaindustrie wunderbar werben könnte: links das Biowetter, rechts das Mittelchen dagegen.

Ist Wetterbeeinflussung eine Glaubensfrage?
Aus irgendeinem Grund ist Deutschland die weltweite Zentrale des Wetteraberglaubens, abgesehen vom Gaga-Biowetter. Kurz fürs Protokoll: Nein, der Mond hat keinen Einfluss auf das Wetter. Nein, Bäche und Flüsse sind keine Wetterscheiden und haben keinen Einfluss auf das Wetter. Nein, der Hundertjährige Kalender kann das Wetter in keiner Form vorhersagen, weil er nur aus sieben Jahren Wetterbeobachtung eines fränkischen Klosters im Mittelalter besteht und auf der Theorie beruht, dass sich dieses Wetter in einem fränkischen Kloster alle sieben Jahre wiederholt. Und zur wichtigsten Frage: Nein, niemand weiß, wie der Winter wird.

Glaubt man, auch bei uns das Wetter beeinflussen zu können?
Das beobachte ich bei den Hagelfliegern. In zwei deutschen Landkreisen ist man zutiefst überzeugt, dass man mit kleinen Flugzeugen, die angeblich in Gewittern fliegen und Silberjodid ausstreuen, die Hagelbildung steuern kann. Der Rest der Welt weiß aufgrund vieljähriger Experimente, dass das nicht funktioniert. Das Ganze, wofür leider Steuergelder aus dem Fenster geschmissen werden, beruht auch auf der Lüge, dass die Piloten behaupten, dass sie ins Gewitter flögen und dorthin, wo der Hagel gebildet wird. Täten sie das wirklich, würden sie sachgerecht durch das Gewitter zerlegt. Spätestens seit der Diskussion um den Absturz des Air-France-Airbus hat sich herumgesprochen, dass es keine gute Idee ist, in der Nähe von Gewitterwolken zu fliegen.

Sind die Deutschen besonders wetterfühlig?
Man weiß, dass nur eine kleine Minderheit der Menschen wetterfühlig ist. Und von denen sind es leider alle unterschiedlich. Bei der einen Wetterlage geht's den einen schlecht, bei der anderen Wetterlage haben andere Kopfweh. Aber auf die allermeisten hat das Wetter null Einfluss. Es ist eine philosophisch unterschiedliche Welt, die in Deutschland oft dazu tendiert, Verantwortlichkeiten zu delegieren, wenn es einem schlecht geht.

Ist in anderen Ländern auch das Wetter an allem Schuld?
In angelsächsischen Ländern ist das Konzept des Biowetters schon deshalb undenkbar, weil man sich verbitten würde, als willfähriges Opfer eines Barometerstandes angesehen zu werden. Tragisch ist, dass viele Chefredakteure in Deutschland den Biowetterstuss mit der Begründung drucken: "Mag zwar Schwachsinn sein, aber die Leute interessiert es." Beim Horoskop wissen wenigstens alle, dass das reine Unterhaltung ist, aber beim Biowetter wird eine Wissenschaftlichkeit vorgetäuscht, die nicht da ist und auch krank machen kann, wenn man liest, dass heute Koliktag ist. Hypochonder gibt es nämlich wirklich.

Interview: Till Bartels

 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
LaoLu (08.11.2009, 23:59 Uhr)
Immer feste druff!
Bezeichnend, mit welcher Wut Sie auf den Kachelmann einprügeln, Herr Meteorologe.
Nur: zu dem Unsinn, den die Schreiberlinge in der AFP-Meldung von sich gegeben haben, kommt von Ihnen, dem Fachmann, kein Wort.
Die armen Menschen in Beijing sitzen schlotternd in ihren ungeheizten Wohnungen, weil ein paar durchgedrehte Wettermacher den Winter (viel zu früh!) in die Hauptstadt gebracht haben.
Über so einen Sch... sollten Sie sich aufregen, Herr Experte.
Nicht über einen Kollegen, der sich besser verkauft als sie.
Thunderstorm (08.11.2009, 13:10 Uhr)
Kachelmanns Gepolter ist OUT
Ich habe selten ein von vorgeblich "wissenschaftlich" erleuchteter Seite derart platt daher schwadroniertes Glaubensbekenntnis abseits jedes Hauchs von Sachlichkeit oder gar Erkenntnisbereitschaft gelesen, wie in diesem, als "Interview" bezeichneten, exzentrischen Stammtisch-Pamphlet.

Es ist richtig: Viele der wild durcheinander gekachelten "Argumente" dieses wortreich verfochtenen Rundumschlags beschreiben in der Tat in Fachkreisen umstrittene Ansichten oder Sachverhalte, einige Binsenweisheiten zum Mond, Wetterscheiden oder fränkischen Klöstern tun nicht mal das. - So weit (noch) so gut.

Mitnichten steht jedoch im Umkehrschluss etwa der vermeintliche Unsinn medizinmeteorologischer Forschungsarbeit fest, nur weil sich der Sinn komplexer wissenschaftlicher Zusammenhänge nicht jedem erschließt und sich auch nach jahrelangem, redlichen Mühen jeder Deutung mittels flapsigen Worthülsen beharrlich entzieht.

Ebenso wenig waren oder sind es die Hagelflieger, welche die "Lüge" in die Welt gesetzt haben, sie flögen ins Innenleben von Gewitterwolken HINEIN. Jedes Kind weiß, dass sie in Wirklichkeit nur unterhalb der Wolkenbasis an die Aufwindschlote heran fliegen, um das Silberjodid von diesen ins Innere der Wolken befördern zu lassen.

Aber anstatt die selbst interessierten Laien durchaus zugänglichen Fakten sauber aus dem medialen Konglomerat von Aberglaube und Halbwissen heraus zu lösen und zu differenzieren, wird lieber zu Lasten der Aufklärung über die wahren Sachzusammenhänge auf Kosten engagierter Dritter Selbstinszenierung bis zum Erbrechen betrieben.

Es mag ja womöglich (noch) gut sein fürs Business, für die Außendarstellung wissenschaftlicher Seriosität ist es verheerend, wenn sich der Bock als Gärtner feiern lässt.

Die heillose Polemik, die da in ihrer feinpürierten Gesamthaftigkeit einmal mehr vom klugschweizerischen Sockel herunter in die Niederungen der bildungsbefreiten Wetterwelt des dummen Nachbarlandes gekübelt wird, entbehrt in ihrer manipulativen Hau-Den-Lukas-Mentalität ihrerseits jeder Spur eines auch nur im Ansatz wissenschaftlich unterfütterten Argumentationsfundaments.

Gut, dass die schillernde Magie derart narzisstischer Selbstinszenierungen ihren Zenit inzwischen längst überschritten hat. - Kachelmanns Gepolter ist "out".

Jürgen Vollmer
- Meteorologe -
LaoLu (06.11.2009, 00:32 Uhr)
Hinweis für AFP (und dpa):
gestern abend hat CCTV1 mit einer sehr schönen Graphik den nächsten Kaltlufteinbruch vorhergesagt.
Die Luftmassen ziehen von Sibirien aus innerhalb der nächsten 14 Tage über China nach Süden und werden einen erheblichen Temperaturabsturz mit sich bringen.
LaoLu (06.11.2009, 00:02 Uhr)
Und, klabautermann,
zu einer solchen Entenzüchterei kommt es, wenn Agenturmeldungen kritiklos übernommen und verbreitet werden.
In diesem Fall war es AFP, sonst nimmt man für Horrormeldungen über China gerne dpa.
Übrigens, wie geht's der Sucht?
LaoLu (05.11.2009, 23:58 Uhr)
Ja Donnerwetter!
Lieber Stern, wie jetzt?
Man hat einen Fachmann befragt!
Das ich das noch erleben durfte!
rudern1 (05.11.2009, 22:29 Uhr)
Komisch
Dann frage ich mich, warum es täglich bei den Olympischen Spielen nach Raketendonner für 2-3 Minuten sturzbachartig geregnet hat und danach die Sonne schien !!!!!
klabautermann79 (05.11.2009, 21:23 Uhr)
Da muß
auch Kritik am Stern erlaubt sein, der gestern ebenso genau das schrieb, was die Chinesen bwzwecken wollten. Da hätte man sich auch vorher mal schlau machen können bei Leuten, die Ahnung haben, anstatt in BILD-Manier den Unsinn erst mal zu veröffentlichen.
Aquarius2 (05.11.2009, 21:20 Uhr)
Andere Länder, andere Sitten
Wir lassen Geld über die Banken und Banker regnen und China lässt Schnee auf alle fallen.
Ist eben nur ein armes Land.
zappuser (05.11.2009, 21:14 Uhr)
Sehr erfrischend Herr Kachelmann,
Sie bringen einige Dinge schön auf den Punkt. Die Journaille in Deutschland macht eben durch die Bank nur noch Boulevard, mit der Begründung, die Leute würde es interessieren. Praktisch jedes Thema in Deutschland wird, mit Ausnahme von einigen sehr wenigen Print-Zeitungen, unseriös dargestellt. Eigene Recherche findet nicht mehr statt, manchmal denkt man sogar, daß den Journalisten auch der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen sein muß.
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