Milchgesicht mit dunkler Seite

25. November 2012, 20:32 Uhr

Sebastian Vettel ist mit 25 Jahren zum dritten Mal Weltmeister geworden - viel früher als sein Vorbild Michael Schumacher. Was macht den Champion aus? Eine Würdigung von Tim Schulze

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Jung und erfolgreich: Vettel genießt nach seinem dritten WM-Erfolg den ausgelassenen Jubel mit seinem Red-Bull-Team.©

Sebastian Vettel zeigte das, was er immer zeigt, wenn er gewinnt: den ausgestreckten Zeigefinger. Nur diesmal war es nicht nur ein einfacher Grand-Prix-Sieg, den Vettel mit seinem Finger feierte. Diesmal war es ein rauschender Triumph. Mit gerade mal 25 Jahren ist Vettel zum dritten Mal in Folge Formel-1-Weltmeister geworden. Diesen Hattrick schafften vor ihm nur zwei der größten Legendes dieses Sports: Juan Manuel Fangio in den fünfziger Jahren und Michael Schumacher. Man kann also mit Recht behaupten: Vettel hat in Sao Paulo den Sprung vom Wunderknaben zur lebenden Legende geschafft.

Das furiose Finale in Sao Paulo bot noch einmal ein Spiegelbild der ganzen Saison, die für Vettel so wechselhaft verlief. Im letzten Rennen startete Vettel als Vierter, fiel nach einem Crash ans Ende des Feldes zurück und raste mit großer Nervenstärke und Können trotz Regens auf den sechsten Platz. Das reichte für den historischen Erfolg. Dass es tatsächlich so gekommen ist, war am Beginn der Saison nicht unbedingt abzusehen. Vettel und seine Abbey, wie er sein Auto zu Ehren seiner Lieblingsband, den Beatles, nannte, hatten die Dominanz des vergangenen Jahres zunächst eingebüßt. Erst allmählich fanden er und sein Team die richtige Abstimmung. Im letzten Drittel der Saison, seit seinem Sieg in Singapur, war Vettel zurück in der Spur, die Harmonie zwischen Fahrer und Auto passte wieder – und Vettel fand zu alter Stärke.

Seine gößte Stärke: Unbändiger Ehrgeiz

Zu einer Legende gehört es meist, dass sie früh ganz oben ankommt. Mit 25 fing Rekordweltmeister Michael Schumacher gerade erst an, seine sieben Titel zu sammeln. Vettel hat jetzt schon drei. Er hat in 101 Rennen 36 Pole Positions geholt und steht damit im Ranking als Dritter hinter Schumacher und einem anderem ganz Großen: Ayrton Senna. Dabei war 2012 erst seine fünfte Vollsaison. Er hat – selbstverständlich – als jüngster Fahrer eine Pole Position geholt und ein Grand-Prix-Rennen gewonnen, sowie einen WM-Punkt eingefahren. Das war im Jahr 2007 in Indianapolis, als Vettel für den verunglückten Robert Kubica im BMW-Sauber zum Einsatz kam.

Vettel ist und bleibt ein Wunderknabe. Seine größte Fähigkeit ist es, mit schier unermesslichem Ehrgeiz seine Fähigkeiten kontinuierlich zu verbessern. Sein Teamchef bei Red Bull, Christian Horner, sagte über Vettels Kernkompetenz: "Sebastian ist wie ein Schwamm. Er kann nie genug Input bekommen. Das ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse." Adrian Newey, der geniale Konstrukteur der Red-Bull-Autos, betont Vettels Hang zur Perfektion: "Er ist oft noch spät am Abend in der Box, schaut sich die Daten an und arbeitet mit den Ingenieuren. Er sieht sich auch oft seine eigenen On-Board-Aufnahmen und vergleicht seinen Fahrstil mit dem der anderen Fahrer. Er versucht, jede noch so kleine Information für sich zu nutzen."

Früher überspielte Vettel seinen Ehrgeiz und seine Ernsthaftigkeit, mit der er seine Ziele verfolgt, gerne mal mit pubertären Witzen und lockeren Sprüchen. Doch die Zeit, als er dem 82-jährigen Bernie Ecclestone zum Geburtstag eine Gehhilfe mit installierter Viagra-Packung schenkte, ist vorbei. Vettel tritt gereifter auf, auch wenn man ihn äußerlich betrachtet genauso gut auf dem Campus einer deutschen Universität antreffen könnte.

Vettel kann das Team pushen

Manchmal zeigt sich auch die dunkle Seite seines Ehrgeizes. Kommt ihm ein zweitklassiger Fahrer in einem drittklassigen Auto in die Quere, ist es vorbei mit der Coolness: Vettel kann dann sehr unangenehm werden. Zweimal ätzte er über den indischen Rennfahrer Narain Karthikeyan, weil der ihm unschuldig in die Quere kam. Das kommt nicht gut an im Fahrerlager. Auch darin ist er seinem Vorbild Schumacher ähnlich, dem es nie darum ging, unter den Kollegen beliebt zu sein. Die Formel-1 ist und bleibt ein Ego-Sport.

Vettel ist trotz allem ein Teamplayer, einer, der seine Leute pusht so wie er sein Auto pusht. Sein Mentor und Motorsportchef von Red Bull, Helmut Marko, beschreibt ein besonderes Ereignis in Vettels Zusammenarbeit mit dem Team in der Garage: "Ich glaube, ein Schlüsselereignis war das Rennen in Südkorea 2010, als er in Führung lag und mit einem Motorschaden ausschied. Er kam dann zu Fuß und positiv motiviert in die Box und sagte: Lasst nicht die Köpfe hängen, wir schaffen das. Da war er derjenige, der das Team eigentlich aufgerichtet hat."

Diese Fähigkeit war in dieser Saison schon früh gefragt. 2011 flog Vettel in einem über die gesamte Saison hoch überlegenem Auto Richtung Titel. In diesem Jahr war die Ausgangslage anders. Das Red-Bull-Auto hatte anfangs viel von seiner Dominanz eingebüßt. Die Enttäuschung über die mageren Ergebnisse setzten Vettel sichtlich zu, seine Enttäuschung in den Interviews war mit Händen zu greifen. Ferrari, McLaren, auch die Mittelklasseteams von Lotus, Mercedes und Williams standen auf dem Treppchen ganz oben. Doch Red Bull war das einzige Team, das ab Sommer ein konstant schnelles und stabiles Auto auf die Piste brachte, mit dem Teamkollege Mark Webber zunächst besser klar kam. Bis zum Rennen in Spa-Francorchamps Anfang September lag der Australier in der WM-Wertung vor dem Deutschen.

Rechtzeitig zu alter Stärke gefunden

Was folgte, war eine Rückeroberung der Dominanz durch Vettel mit dem Red Bull. Vier Rennen in Folge gewann er überlegen: "Je mehr Druck er hat, umso besser wird Sebastian", beschreibt Marko die Fähigkeit seines Fahrers, zum richtigen Zeitpunkt durchzustarten. Die Konkurrenz versuchte, Nadelstiche zu setzen. Hamilton lästerte, Vettel habe nur Glück, im richtigen Auto zu sitzen. Alonso sprach gar nicht von Vettel als eigentlichem Konkurrenten, sondern vom Konstrukteur Newey, der eben ein geniales Auto baue.

Doch Vettel konterte – und wie: Im drittletzten Rennen in Abu Dhabi musste er nach einer Strafe als Letzter aus der Boxengasse starten – am Ende eines denkwürdigen Rennens wurde er Dritter und verteidigte den ersten Platz in der Fahrerwertung vor Alonso. Der Spanier muss verzweifelt gewesen sein. Alonso trieb danach seine Psycho-Spielchen bis ins Absurde, sogar mit einem Paintball-Gewehr grüßte er martialisch via Twitter. Doch auch in diesem letzten Akt des WM-Kampfes blieb Vettel ruhig, schon gar nicht ließ er sich auf verbale Scharmützel ein.

Jetzt wandelt der Heppenheimer endgültig auf den Spuren seines Freundes Michael Schumacher, dessen Poster einst über dem Bett in seinem Jugendzimmer hing. Schumacher hat in Sao Paulo endgültig seine Rennkarriere an den Nagel gehängt. Sein würdiger Nachfolger ist längst gefunden.

 
 
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