Warum man Bayern München auch mögen kann

19. August 2013, 18:52 Uhr

Breno zündete sein Haus an, landete im Knast und fängt nun bei seinem Ex-Club Bayern München neu an. Der Verein ist auffallend oft nett zu seinen Leuten. Wenigstens dafür muss man ihn nicht ablehnen. Geständnis eines Bayern-Hassers.

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Breno (l.) und sein Mentor Hoeneß: Wer in la famiglia Bayern München drin ist, dem wird gerne geholfen.©

Ich mag Bayern München nicht. Habe ich nie getan (na gut, von einer rund einjährigen Ausnahme 1980 einmal abgesehen, woran wahrscheinlich kindlicher Opportunismus Schuld war), und werde es nie tun. Im besten Fall weicht meine Ablehnung irgendwann einer "Was interessiert mich dieser Verein"-Einstellung. Desinteresse ist perfider als Hass. Ich bin guter Dinge, dass Pep Guardiola der richtige Mann für mein Ziel ist. Wenn der Verein unter diesem Übertrainer mutmaßlich doch wieder alles gewinnt, wen kümmert es dann noch, ob die spielen oder Peng?

Gründe die Bayern nicht zu mögen (übrigens auch nicht international) gibt es zu Hauf, meine sind nicht einmal besonders originell: Zum Beispiel bin ich Norddeutscher! Das reicht eigentlich, oder? Na gut, und natürlich weil: ein großkotziger Club, der das Land jahrelang mit zweitklassigen Schmierenkomödien gelangweilt hat. Mit schnödem Ergebnisfußball. Und der aus purer Kraftmeierei die Konkurrenz leerkauft (ja, das machen andere auch, nur eben nicht mit so einer offensichtlichen Häme). Und dann dieses ständige Gewinnen-müssen/wollen/sollen. Frei nach Gary Lineker: 22 Männer spielen Fußball und am Ende gewinnen die Bayern. Kurzum: Dieser Verein ist ein fürchterlicher Streber. Und wer mag schon Streber?

Hat jemand was gegen Nächstenliebe?

Okay, es gibt solche Leute. Unter anderem Profifußballer. Sie verdienen an der Isar mehr als anderswo, sie haben hervorragende sportliche Perspektiven, wer es dort schafft, hat es wirklich geschafft. Und natürlich, weil sich Vereinspatron Uli Hoeneß um seine Leute kümmert. Das muss man ihm neidlos lassen. Wie jetzt etwa um Breno, der vor zwei Jahren seine Villa angezündet hatte, dafür ins Gefängnis musste und nun als Freigänger an der Säbener Straße eine Resozialisierungschance in der Nachwuchsabteilung bekommt. "So ist eben Bayern München. Wenn man auf der Sonnenseite steht wie wir, müssen wir allen helfen, die in Not geraten sind", sagt der Präsident. Auch was das betrifft, ist der Mann ein Streber, aber wer will schon etwas gegen Nächstenliebe haben?

Die Liste der von Uli Hoeneß Geholfenen hat mittlerweile eine beträchtliche Länge angenommen. Ziemlich weit vorne steht zum Beispiel der FC. St. Pauli. Vor genau zehn Jahren absolvierten die am Millerntor eigentlich verhassten Rot-Blauen aus dem Süden ein Benefizspiel für den taumelnden Kiezklub. Bis heute feiern ihn Fans und Nicht-Fans dafür als Retter. Wobei schon damals nicht wenige die Vermutung äußerten, dass es sich bei dieser Wohltat eher um eine PR-Aktion in Sachen Gutmenschentum denn um eine selbstlose Hilfe handelte. Jerzy Hawrylewicz ist da das Gegenbeispiel: Der Stürmer des VfB Oldenburg erlitt 1992 einen Herzinfarkt auf dem Platz und lag fast 20 Jahre im Wachkoma. Es half der FC Bayern. Mit mehreren, nicht an die große Glocke gehängten Geldspenden und einem Wohltätigkeitsspiel. Oder diese Zwei-Millionen-Leihgabe an den BVB 2005, die Hoeneß erst Jahre später aber durchaus stolz bekannt gab.

Am nettesten ist München zu den eigenen Leuten

Noch netter ist der Verein nur noch zu den eignen Leuten. Wie zu Gerd Müller. Als der Ex-Bomber der Nation irgendwann den Alkohol nicht mehr unter Kontrolle hatte, eilten flugs die alten Mannschaftskameraden Hoeneß und Beckenbauer herbei und zogen ihn aus dem Sumpf. Heute ist Müller Co-Trainer der Münchener U23. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass das halbe Führungsteam aus ehemaligen Spielern besteht: Karl-Heinz Rummenigge, Vorstand, Wolfgang Dremmler, Chef des Jugendleistungszentrums, Hansi Pflügler, Merchandising-Beauftragter, um nur ein paar Namen zu nennen. Es ist die nette Form der Spezlwirtschaft. Der FC Bayern München funktioniert in Sachen Handreichung wie eine sizilianische Familie: Bist du drin, dann helfen sie dir ohne zu Fragen. Bist du ein entfernter Verwandter, geben sie sich zumindest noch Mühe. Aber wehe du gehörst nicht dazu - dann kannst du sehen, wo du bleibst.

Aber wie will man glanzvollen Altruismus ernsthaft von beweihräuchernder Selbstbestätigung unterscheiden? Und muss man das überhaupt? Und den Verein dafür mögen? Nein, aber zumindest nicht hassen. Zumindest dafür nicht.

Niels Kruse
 
 
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