HOME

Stern Logo Bundesliga

Der BVB und sein Hooligan-Problem

Heute marschieren Hooligans demonstrierend durch die Dortmunder Straßen. Der BVB hat mit gewaltbereiten, oft rechten Anhängern schon länger ein Problem - seit ein paar Monaten macht sich eine neue, besonders brutale Gruppe einen Namen.

Die Dortmunder Fans spannen vor Spielbeginn ein Banner mit einem riesigen Totenschädel mit dem BVB-Logo auf

Die weitestgehend friedliche Fanszene von Borussia Dortmund wird seit einigen Monaten von einer neuen, sehr gewaltbereiteten Gruppierung drangsaliert.

In Dortmund veranstalten Hooligans heute eine Kundgebung. Ursprünglich wollten die gewaltbereiten Fußballfans sogar durch die Stadt marschieren, aber das Oberverwaltungsgericht in Münster folgte der Beschwerde der Polizei und verbot den Marsch. Die Behörden rechnen trotz der angekündigten rund 300 Teilnehmer mit bis zu tausend. In einer Pressemitteilung heißt es: "Es besteht ein ausgesprochen hohes, unkalkulierbares Risiko, die unterschiedlichen gewaltsuchenden Gruppierungen durch Dortmund ziehen zu lassen."

Die Gewaltbereitschaft in der Dortmunder Fußball-Szene hat eine lange, traurige Tradition. Bereits in den 80er-Jahren machte die rechte "Borussenfront" mit Gewaltexzessen auf sich aufmerksam. Eines der bekanntesten Gesichter war der mehrfach vorbestrafte Siegfried "SS-Siggi" Borchardt. Der ist seit Jahrzehnten auch in verschiedenen Parteien politisch aktiv und schaffte es 2014 bei den Kommunalwahlen als Spitzenkandidat der Partei "Die Rechte" sogar in den Dortmunder Stadtrat. Nach nur zwei Monaten trat er jedoch bereits zurück. Von Journalisten auf seinen Spitznamen angesprochen sagte er einst, dass er damit unzufrieden sei. Er würde lieber "SA-Siggi" heißen.


Gewaltbereite Hooligans und ihre BVB-Tradition

Kinder eines ähnlichen Geistes gibt es in offenbar nicht wenige. Die BVB-Fanzsene war lange für ihre rechtsradikale Unterwanderung bekannt. Der Verein tat früher  bestenfalls sporadisch etwas gegen die braunen Störer in der schwarz-gelben Wand. Seit einigen Jahren wird das Thema jedoch ernster genommen. Als 2013 ein Fanbeauftragter und ein Mitarbeiter des BVB von rechten Hooligans im Signal-Iduna-Park verprügelt wurden, rollte eine Welle der Solidarität durch das BVB-Heimstadion. Auf Transparenten und Bannern solidarisierte man sich mit den Verprügelten.

Dortmund setzt zuletzt zwar vermehrt auf Anti-Rassismus-Kampagnen, rund um das Pokalfinale Ende Mai dieses Jahres kam er aber erneut zu unschönen Szenen. Im Zug auf dem Weg zum Stadion stimmten mehrere BVB-Fans antisemitische Gesänge an, warfen Böller am Bahnhof und zogen die Notbremse. Darüber hatte unter anderem das Online-Portal "Vice" mit einem Augenzeugen berichtet. Unter anderem "Judenfreunde Nürnberg und der S04" soll gesungen worden sein. Laut "Vice" hätten rund 20 bis 30 Personen mitgesungen, der Rest habe sich im stillen Protest geübt. Wirklich dagegen vorzugehen, habe sich - aus gutem Grund - niemand getraut.

Dem Bericht zufolge soll eine neue Gruppierung unter den BVB-Anhängern hauptsächlich verantwortlich gewesen sein. Die unter dem Namen "0231 Riot" bekannte Gruppe - benannt nach der Vorwahl der Stadt - macht dem BVB seit mehreren Monaten Probleme. Wie die "WAZ" berichtet, soll es sich im Kern um bis zu 80 durchtrainierte Klotzköpfe handeln, die die anderen Ultras und Fans von Borussia Dortmund einschüchtern - mit Drohungen und körperlicher Gewalt. Einen offiziellen Namen haben die Riots laut "WAZ" nicht, wohl um eine Einstufung als kriminelle Vereinigung zu erschweren.

"0231 Riot" aus dem harten Kern anderer BVB-Ultras

Entstanden sind die neuen Hooligans von Dortmund laut Recherchen der "WAZ" aus Teilen des harten Kerns anderer Ultra-Gruppierungen, aber auch aus externen Gewalttätigen. "Spiegel Online" veröffentlichte Ende Mai ein Interview mit einem anonymisierten BVB-Fan. Darin bezeichnete dieser den Cage-Fighter Timo K. als Mittelpunkt der Gruppe. Dieser stand nach einem Vorfall 2012 einige Monate später vor Gericht, weil er im Stadion ein Solidaritäts-Banner mit dem verbotenen "Nationalen Widerstand Dortmund" auf der Südtribüne präsentierte. Weil das Verbot vor Spielbeginn noch nicht an alle 62 Mitglieder der Gruppe ausgehändigt worden war, wurde K. freigesprochen.

Die Taten der Schläger von "0231 Riot" sind nur marginal dokumentiert, vor allem, weil sich Zeugen nicht trauen, gegen sie auszusagen. "WAZ" berichtet unter anderem von Angriffen auf Schalke-Fans am Dortmunder Flughafen, auf des FC Sion in Porto, von einer Massenschlägerei mit Schalkern auf einem Autobahnparkplatz und einer mit Anhängern von Holstein Kiel am Osnabrücker Hauptbahnhof.

Sky-Doku "Ultras unter Druck"

Wie eingeschüchtert viele Stadiongänger in Dortmund sind, zeigt auch die Sky-Doku "Ultras unter Druck" von Ende September 2016, in der sich mehrere Südtribünen-Besucher nur anonymisiert vor der Kamera zeigen und nur mit nachgesprochener Stimme von Vorfällen berichte. Im Sonderzug zum Pokalfinale in Berlin sollen die "aufgepumpten Schränke" die Bar übernommen und kurzerhand das Bier auf eigene Tasche verkauft haben. "Heute muss man sich überlegen, was man so anzieht, wenn man zum Auswärtsspiel geht. Es ist schwierig denen aus dem Weg zu gehen, weil man den selben Anreiseweg hat. (…) Das kannte man vorher so in Dortmund nicht", sagt dort einer.

Laut BVB-Boss Hans Joachim Watzke "haben die Menschen einfach Angst". Diese Leute könnten einem ja am nächsten Tag in Dortmund begegnen, wenn man sich an die wende. "Die versuchen natürlich, einen extrem Einfluss auf die anderen Ultra-Gruppen auszuüben, eine höhere Gewaltbereitschaft zu zeigen. Das hat natürlich, da wollen  wir uns nichts vormachen, auch auf den ein oder anderen Jüngeren eine gewisse Faszination", sagt er in der Sky-Doku.

Vor der aktuellen Demonstration von Hooligans in Dortmund ergreift die Polizei einige Vorbereitungsmaßnahmen: Mehrere Stände in der Stadt informierten bereits am Freitag Anwohner, außerdem war ein Info-Telefon eingerichtet worden. Zusätzlich wurde eine Karte mit der angemeldeten Demo-Strecke veröffentlich. Für 12 Uhr ist zudem eine Gegen-Demo angekündigt.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity

Partner-Tools