Und tschüss, Jahrhunderttrainer

16. Dezember 2012, 16:56 Uhr

Huub Stevens ist der Held aller Schalker. Jetzt hat der Club seinen "Jahrhunderttrainer" vor die Tür gesetzt. Der Rauswurf zeigt vor allem eines: Schalke hat keinen Plan. Von Tim Schulze

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Der "Knurrer aus Kerkrade" geht: Huub Stevens muss sich von seiner großen Liebe Schalke verabschieden.©

Die Bilder, die die TV-Kameras am Samstag von der Schalker Bank zeigten, sprachen Bände. Das saß ein in sich zusammengesunkener Huub Stevens, stützte sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab und hatte die Hände vor dem Gesicht gefaltet. So eine Körperhaltung nimmt man ein, wenn man über ein ernsthaftes Problem nachdenkt. Im Fall von Stevens trat das Problem direkt vor seinen Augen auf. Seine Mannschaft bot im Heimspiel gegen Freiburg eine erschreckende Vorstellung. "Schalke ist tot. Da kommt nichts", urteilte TV-Co-Kommentator Jens Lehmann auf "Sky", als die Schalker eine Führung verspielten und zielsicher auf die 1:3-Niederlage zusteuerten. Stevens war spätestens in diesem Moment klar, dass seine zweite Amtszeit bei den Königsblauen auf unrühmliche Weise zu Ende gehen würde.

Der Rauswurf kam schnell. Gleich am Sonntagmorgen meldeten die Nachrichtenagenturen Stevens Entlassung. Club-Boss Clemens Tönnies begründete die Entscheidung mit der branchenüblichen Floskel, er "hätte die Mannschaft nicht mehr erreicht". Manager Horst Heldt verteidigte die Maßnahme damit, dass die Mannschaft unter Stevens in der Bundesliga-Hinrunde "komplett hinter den Erwartungen" geblieben sei. Auch Co-Trainer Markus Gisdol wurde gefeuert, obwohl er unter vielen Experten als heißester Kandidat für die Nachfolge galt. Bis zum Saisonende soll der bisherige U17-Trainer Jens Keller die Mannschaft übernehmen. Er erhielt dafür eine Garantie von Club-Boss Tönnies. Mehr als diese dürren Worte sagten die Club-Bosse nicht - das sagt viel über den Zustand des Vereins.

Warum bricht die Leistung so ein?

Vor 15 Monaten hatten sie auf schnelle Hilfe gesetzt, als sie Stevens zum Nachfolger des erkrankten Ralf Rangnick machten. Stevens war damals auf dem Markt und verkörperte die letzte ruhmreiche Phase des Traditionsclubs. In den Jahren von 1996 bis 2002 gewann der Verein mit ihm den Uefa-Pokal und zweimal den DFB-Pokal. Unvergessen bleibt das Saisonfinale 2001, als ganz Gelsenkirchen nach dem Schlusspfiff vier Minuten lang glaubte, endlich den heiß ersehnten Meistertitel gewonnen zu haben. Doch die Bayern zerstörten diesen Traum aller Schalker Träume in der sprichwörtlich allerletzten Sekunde. Viele haben damals Tränen vergossen, der knurrige Niederländer gehörte zu ihnen. Das haben sie auf Schalke nicht vergessen. 2004 wählten die Anhänger ihn zum Jahrhunderttrainer.

Auch seine zweite Amtszeit war, so muss man es sagen, erfolgreich. Stevens führte das Team aus dem Tabellenmittelfeld über den dritten Platz direkt in die Champions League, wo der Club jetzt im Achtelfinale steht. Und Stevens legte in dieser Saison den erfolgreichsten Start der Vereinsgeschichte hin. Am 11. Spieltag stand Schalke auf dem 2. Tabellenplatz und hatte nur sieben Punkte Rückstand auf die Bayern. Warum also brach die Leistung des Teams plötzlich so ein? Es folgten sechs Spiele ohne Sieg, Schalke rutschte aus den internationalen Plätzen und steht im Moment auf Rang sieben. Die Mannschaft ist verunsichert und spielt weit unter ihrem Leistungslimit.

Stevens muss man zu Gute halten, dass er immer vor so einer Entwicklung gewarnt hat. Die Mannschaft sei jung und unerfahren. Der Trainer hat wohl geahnt, dass sein Erfolg bis dahin nicht nachhaltig ist. Offensichtlich war zum Schluss, dass das Team erschöpft wirkte. Die vielen Spiele in der Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League forderten ihren Tribut. Sein Fehler war es vielleicht, dass er den Ersatzspielern nicht viel zutraute und deshalb seinen Stammkräften keine Pause gönnte. Auch der Schlingerkurs in der Torwartfrage zeigte, dass es ihm zuletzt an einer dringend notwendigen Entschlossenheit mangelte.

Die wahren Gründe liegen tiefer

Was Stevens immer noch auszeichnete, war seine Knurrigkeit gegenüber Journalisten und Spielern. Vor vier Wochen, während des Spiels gegen Leverkusen, stauchte Stevens Lewis Holtby und Jefferson Farfan nach allen Regeln der Kunst und in aller Öffentlichkeit zusammen. Die beiden hatten es sich erlaubt, nach ihrer Auswechslung ohne wärmende Trainingsanzüge auf der Bank Platz zu nehmen. Da war er, der harte Hund und Disziplinfanatiker, der absolute Professionalität von seinen Profis verlangt. Genauso ist der Niederländer aber auch ein Kumpeltyp, der jeden Geburtstag der Spielerfrauen und deren Kinder in seinem Laptop speichert. Vielleicht war dieses Spiel gegen Leverkusen der Wendepunkt. Hätte Schalke gewonnen, wären sie bis auf fünf Punkte an die Bayern herangerückt. Stattdessen sah Verteidiger Kyriakos Papadopolous Gelb-Rot, Schalke verlor.

Die Disziplinlosigkeit seiner Spieler und sein Umgang damit haben jedoch nicht zum Scheitern von Stevens allein beigetragen. Wer nach den wahren Gründen sucht, muss tiefer gehen. Schon in seiner erneuten Verpflichtung lag ein gravierender Konstruktionsfehler. Stevens galt von Beginn an als Zwischenlösung, nicht als der große Wurf für die Zukunft. Das stand gewissermaßen zwischen den Zeilen seines Vertrages, und das ist das Tragische an seiner Demission. Kaum war die Krise da, zeigte sich, wie brüchig die Beziehung war. Mit einem Trainer, an dem man glaubt, übersteht man solche Phasen, weil sie notwendigerweise dazu gehören, wenn man längerfristigen Erfolg will. Das Versagen der Club-Führung, insbesondere von Manager Horst Heldt, besteht darin, nicht an Stevens geglaubt zu haben.

So lange der Erfolg da war, war das kein Problem. Doch nach den ersten Niederlagen fehlte ein klares Bekenntnis zum Coach. Das hat den Niedergang befeuert. Hinzu kommen die stockenden Vertragsverhandlungen mit Leistungsträgern wie Klaas-Jan Huntelaar und Lewis Holtby. Das sorgt für Unruhe. Genau das hat Kapitän Benedikt Höwedes beklagt. So etwas kann eine Mannschaft lähmen.

Schalke steht - wieder einmal - vor einem Neuanfang

Jetzt steht Schalke - wieder einmal - vor einem Neuanfang. Den soll Jens Keller garantieren. Keller ist auf seiner bisher einzigen Trainerstation in der Bundesliga beim VfB Stuttgart gescheitert. Aber er kennt Horst Heldt sehr gut aus geneinsamen Stuttgarter Tagen, Heldt holte ihn auch als Nachwuchscoach nach Gelsenkirchen. Ob es eine gute Idee ist, dem Stevens-Nachfolger gleich eine Job-Garantie bis zum Saisonende zu geben, darf bezweifelt werden. Schalke und die Champions League könnten eine Nummer zu groß sein für den unerfahrenen Coach. Aber es scheint so, dass sie auf Schalke ohnehin keinen Plan haben. Huub Stevens hat das den Job gekostet.

 
 
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