Sportchef Sammer keilt gegen das eigene Team

30. September 2012, 15:05 Uhr

Sechs Spiele, sechs Siege - bei den meisten Bundesligisten würde da höchste Zufriedenheit herrschen. Nicht so beim FC Bayern München, wo Sportchef Matthias Sammer vor allem eines nicht gefällt.

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Rief in Erinnerung, warum sein Spitzname "Motzki" lautet: Bayerns Sportchef Matthias Sammer©

Franck Ribéry stieß auf dem Weg in die Kabine einen markerschütternden Schrei aus. Der Jubel in den Katakomben des Weserstadions klang indes mehr nach Erleichterung als nach Begeisterung. Der sechste Sieg in der sechsten Partie des FC Bayern München war das Ergebnis eines zähen Geduldsspiels, das vor allem Matthias Sammer in der Nachbetrachtung kräftig klagen ließ. "Im Prinzip war es lange Zeit ein richtiger Käse", sagte der Sportchef des bayrischen Fußball-Bundesligisten nach dem 2:0 (0:0) bei Werder Bremen. Er meckerte über "so viel Leerlauf" bei den Münchnern, "das muss man schon kritisch anmerken".

Die Bayern setzten ihren Siegeszug nach einer mühevollen ersten Hälfte dank der späten Treffer von Luiz Gustavo (81. Minute) und Mario Mandzukic (83.) zwar fort. Doch Sammer war das nicht genug. Er zeigte, warum er den Spitznamen "Motzki" trägt. "Wir waren nicht so richtig hellwach und nicht so gallig", sagte Sammer mit unaufgeregtem Tonfall: "Was wir bis zum 1:0 gemacht haben, war einfach zu wenig, das muss man ganz klar sagen." Schönreden wollte er trotz der maximalen Punktzahl und der klaren Tabellenführung nichts.

Markige Worte gegen den Schlendrian

Sammer erfüllte damit seine Rolle als neuer Sportchef beim Dreifach-Vize der Vorsaison. Er versucht mit seinen markigen Worten, frühzeitig den Schlendrian auszutreiben; gerade vor dem vermeintlich leichten Champions-League-Spiel bei BATE Borissow. Die Weißrussen gewannen in ihrer Liga immerhin 5:1 gegen Njoman Hrodna.

Sammer zeigte bei seiner Motzerei mehr Kreativität als die meisten Spieler auf dem Feld und sorgte für mehr Unterhaltungswert als die gesamte Münchner Mannschaft. Angesichts des makellosen 18-Punkte-Kontos sagte er, "müssen wir ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht irgendwann freudetrunken in den Armen liegen". Und man könne "irgendwo in München auf einen Balkon rennen, aber da wird dir keiner was überreichen".

Die meisten Tore aller 18 Teams geschossen, die wenigsten Gegentreffer kassiert, doch Sammer mahnte: "Wir müssen aufwachen." Dafür sorgte er auch mit seiner Nörgelei, dass viele Bayern-Spieler "ihr Potenzial nicht abgerufen" haben. Und er machte sich dabei um die Pflege ungewöhnlicher Wörter verdient und befand: "Wir waren zu lätschern."

Acht Punkte Vorsprung reichten nicht

Sogar acht Punkte Vorsprung auf Meister Borussia Dortmund hatten die Bayern am sechsten Spieltag der Vorsaison, einen Zähler mehr als zum gleichen Zeitpunkt der laufenden Spielzeit - und es reichte dennoch nicht. Sammer weiß also, was genau jetzt seine Aufgabe ist.

Grund für ausschweifendes Lob gab es tatsächlich nicht. Die Münchner hatten sich lange Zeit sehr schwer gegen die lauffreudigen und zweikampfstarken Bremer getan. Eine einzige Torchance in der ersten Hälfte spricht für sich. Vor allem der Spielaufbau mit Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger wirkte lethargisch - genau das, was Sammer hasst. Er forderte: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht mit hängenden Schultern herumlaufen, weil zu viele Leute zu viel draufgeklopft haben."

Den ruhigen Gegenpol bildete Jupp Heynckes, wenngleich auch der Coach mit der Leistung nicht zufrieden war: "Die Spieler haben meine Geduld ein wenig überstrapaziert." Der Tonfall war dennoch deutlich milder als bei Sammer. "Es ist nicht immer möglich, den Gegner an die Wand zu spielen und den Gegner schlecht aussehen zu lassen", sagte der Coach. Auch er kritisierte: "Kein Esprit, nicht lebendig genug."

Gelassenheit und Komplimente an Werder

Heynckes durfte zugleich Komplimente an Werder Bremen verteilen und Gelassenheit demonstrieren. Er hatte schließlich alles richtig gemacht. Mit seinen Auswechslungen setzte der Coach ein Zeichen und sorgte mit den drei eingewechselten Neuzugängen mit einem Transferwert von rund 60 Millionen Euro für die Wende.

In der Pause seien "deutliche Worte" gefallen, berichtete Heynckes und durfte sich auch selber loben: "Spielentscheidend waren die Einwechselungen von Mandzukic und Shaqiri und später auch Martínez." Mit diesen neu eingekauften Spielern hat Heynckes die Möglichkeit, Druck auszuüben. Keiner kann sich seines Stammplatzes sicher sein. Keiner darf zögerlich in Zweikämpfen auftreten, auch nicht der bisher starke Kroos. Auf der Bank wartet die Konkurrenz auf ihre Chance. Das ist neben Sammer der zweite wichtige Unterschied zur Vorsaison.

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