Zuchtmeister Magath in der Krise

30. September 2012, 22:41 Uhr

Bislang konnte Felix Magath in Wolfsburg mit Spielern und Millionen jonglieren, wie er wollte. Doch der Saisonstart ging gründlich daneben. Der Trainer-Manager steht ab jetzt gewaltig unter Druck. Von Tim Schulze

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VfL Wolfsburg, Felix Magath

Sorgenvoller Blick: Felix Magath muss vom Spielfeldrand mit ansehen, wie sein Team gegen Mainz dilettiert.©

Eines muss man Felix Magath lassen. Im Interview mit dem TV-Sender Sky bewies der Trainer und Manager des VfL Wolfsburg eine gewisse Standfestigkeit. Magath reagierte auf die kritischen Fragen sehr viel bissiger als seine Mannschaft zuvor im Heimspiel gegen Mainz, im dem die ambitionierten Wolfsburger erneut eine Niederlage kassierten. Auf die Frage, ob er sich jetzt Sorgen um seinen Arbeitsplatz mache, antwortete er: "Ich mache meinen Job so gut, wie ich kann, und alles andere interessiert mich nicht." Sorgen mache er sich hingegen um die Mannschaft und darüber, dass sie deutliche Schwächen im Torabschluss habe, führte Magath weiter aus.

Dazu hat er guten Grund. Nach dem sechsten Spiel steht der VW-Club auf dem 16. Tabellenplatz. Nach dem Sieg im ersten Spiel gegen Stuttgart folgten drei Niederlagen und zwei Unentschieden – Wolfsburg hat einen veritablen Fehlstart hingelegt, die millionenschwere Mannschaft (Gesamtwert nach "transfermarkt.de": 115.700.000 Euro) bleibt bislang weit hinter den Erwartungen zurück. Ganze zwei Tore haben die Wolfsburger bislang erzielt.

In Bezug auf das Spiel gegen Mainz hatte Magath durchaus recht mit seiner Analyse. Wolfsburg war über 90 Minuten die überlegene Mannschaft, offenbarte aber genau die Schwächen, die im Moment ein Markenzeichen der verunsicherten Mannschaft sind. Sie bekommt zu leicht Gegentreffer und spielt kaum zwingende Torchancen heraus. Da hilft Magaths Hinweis nichts, dass es bis zum 8. Tabellenrang nur zwei Punkte sind.

Magath leistet bereits verbale Abwehrarbeit

Mainz brauchte lediglich zwei gelungene Angriffe für zwei Tore. Der Rest an diesem Abend war solide Abwehrarbeit gegen viel zu harmlose Wolfsburger. Zumindest kann man Magaths Mannschaft bescheinigen, dass sie sich nicht aufgab, und nach der totalen Bankrotterklärung im Spiel zuvor gegen die Bayern spielerisch eine Leistungssteigerung zeigte. Magath räumte ein: "Natürlich reicht die Niederlage nicht und damit sind wir nicht zufrieden. Und dennoch kann und will ich nicht nach dem sechsten Spieltag schon Saisonbilanz ziehen."

Die verbale Abwehrarbeit Magaths ändert dennoch nichts an der Tatsache, dass der Druck auf den Coach und seine Mannschaft steigt, und zwar gewaltig. Das erklärte Ziel heißt Europa League. Das wurde schon in der vergangenen Saison mit dem 8. Platz verpasst, obwohl der Coach zuvor für 48 Millionen Euro neue Spieler einkaufen konnte. Vor dieser Saison waren es immerhin noch 19 Millionen.

Magath steht ein exquisiter Kader zur Verfügung, doch es mangelt an ganz offensichtlich an Zusammenhalt, Struktur und Selbstvertrauen. Das liegt zum einen daran, dass die Mannschaft fast komplett neu zusammengestellt wurde, zum anderen aber, dass Magath wilde Wechselspiele betreibt. Der Trainer sucht noch die passende Formation. Im Mittelfeld gab es in sechs Spielen sechs verschiedene Aufstellungen. Spieler, die gerade noch zur Startelf gehörten, flogen im nächsten Spiel ganz raus.

Magath experimentiert bis zum Exzess

Ein Beispiel: Zweimal durfte sich Marcel Schäfer, dessen Stärken auf der Außenbahn liegen, im zentralen, defensiven Mittelfeld versuchen. Eine Fehlbesetzung genau wie Simon Kjaer, ein gelernter Innenverteidiger. Kjaer und Schäfer, der in den vergangenen Jahren einer der verlässlichsten Wolfsburger Spieler war, flogen schnell aus der Mannschaft. Das gilt auch für andere: Josue, Vieirinha, Kahlenberg, Olic, Knoche. Sogar der begnadete Spielmacher Diego durfte sich schon auf der für ihn ungewohnten Position des Rechtsaußen probieren. Nur Keeper Bengalio und die Viererabwehrkette laufen bislang in konstanter Formation auf, im Sturmzentrum verrichtet der Niederländer Bas Dost regelmäßig seinen Dienst, der für sieben Millionen verpflichtet wurde, und wartet dort meist vergeblich auf präzise Zuspiele. Dazwischen ist alles im Fluss.

Selbstverständlich muss ein Trainer umstellen, wenn die Leistungen nicht stimmen oder Verletzungen dazu zwingen. In dieser Zwickmühle steckt Magath wie andere Trainer auch. Aber der 59-Jährige entwickelt keine Mannschaft – er konstruiert sie sich wie ein kühlberechnender Ingenieur. Passt ein Teilchen nicht, fliegt es raus. Das ist zwar die Aufgabe eines Trainers, aber Magath treibt seine Methode bis zum Exzess. Das unterscheidet ihn vom Menschenversteher und Motivator Jürgen Klopp. Teetrinker Magath redet nicht mit seinen Spielern, er führt sie wie ein General. Profi unter Magath zu sein, ist einer der härtesten Jobs in der Liga.

Von seiner eigenwilligen Art wird Magath nicht abweichen. Die hat ihm schon bei den Bayern und in Schalke den Job gekostet. Der Unterschied in Wolfsburg ist: Magath führte den Club 2009 mit der Meisterschaft zum größten Erfolg der Clubgeschichte. Außerdem soll er ein freundschaftliches Verhältnis zu VW-Boss Martin Winterkorn pflegen – und der hat bislang noch immer das nötige Geld spendiert. Aber auch die Geduld in der Wolfsburger Führungsetage wird einmal zu Ende gehen. Spätestens wenn die Wölfe die Europa League verpassen. Vielleicht aber auch früher.

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