Flugzeugunglück trübt BVB-Freude

14. Februar 2013, 10:53 Uhr

Der BVB erkämpft sich in Donezk eine gute Ausgangsposition, um das Champions-League-Viertelfinale zu schaffen. Jürgen Klopp spricht aber von einer "perversen Situation" - wegen eines Flugzeugunglücks. Von Frank Hellmann, Donezk

Allein Mario Götze und Lukasz Piszczek hatten sich so ein orangefarbenes Erinnerungsstück geschnappt. Lässig hängten beide das Trikot des Gastgebers Schachtjor Donezk über ihre Schultern, um dann den mitgereisten Fans hoch oben im dritten Stock der wirklich schmucken Donbass Arena für die Unterstützung in diesem Champions-League-Achtelfinale zu danken.

Doch fiel ihr Applaus in der ostukrainischen Industriestadt nach dem 2:2 (1:1) genauso verhalten aus wie wenig später die demütige Verbeugung von Trainer Jürgen Klopp vor der Kurve. Dem BVB-Trainer wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ein Flugzeugunglück mit fünf Toten und zwölf Verletzten auf dem nur 15 Kilometer entfernt gelegenen und zur EM komplett renovierten Flughafen dieses Fußballspiel überschatten sollte. "Das ist das Perverse an unserem Beruf, dass wir uns überhaupt nicht beeinflussen lassen dürfen. Wir müssen solche Dinge ausblenden."

Antonow AN-24 schießt über die Landebahn hinaus

Längst hatte der Coach ja zu diesem Zeitpunkt schon Kunde, was in den Stunden vor Spielbeginn die Runde gemacht hatte und schließlich auch zu einer eilig anberaumten Schweigeminute von Schiedsrichter Howard Webb vor dem Anpfiff führte: Dass eine Antonow AN-24 einer ukrainischen Fluggesellschaft bei einer Bruchlandung verunglückt war. "Das macht natürlich betroffen, wir sind schließlich am Tag vorher auch auf diesem Flughafen gelandet", konstatierte Klopp. "Ich habe diese Info an die Mannschaft weitergegeben, aber die Jungs sind kurz vor dem Spiel im Tunnel."

Auf dem erst zur EM vom Oligarchen und Schachtjor-Besitzer Rinat Achmetow auf Topstandard gebrachten Airport mit seiner hochmodernen gläsernen Empfangshalle schoss die veraltete Maschine, deren Baureihe in Russland mittlerweile aussortiert ist, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt über die Betonpiste. "Die meisten Überlebenden konnten eigenständig das Flugzeug verlassen", berichtete eine Sprecherin des Notfallministeriums. Die 44 Insassen waren von der Schwarzmeerstadt Odessa eingeflogen; die meisten Passagiere waren Schachtjor-Anhänger und wollten eigentlich die Partie in Europas Fußball-Königsklasse besuchen. Das Unglück kam bei dichtem Nebel zustande, der sich in diesen Wintertagen gerne wie ein bleierner Schleier über die unwirtliche Bergarbeitermetropole legt.

Wäre das bei einem Heimspiel in Dortmund passiert...

"Allen Angehörigen des Unglücks wünsche ich das Beste", fügte Klopp in der offiziellen Pressekonferenz im orangefarben getünchten Pressesaal für die ukrainischen Journalisten noch an. Am Donnerstag ging jedoch - obwohl die Trümmerteile sichtbar am Rande der Landebahn lagen - der Flugbetrieb normal weiter. Die Frühflieger – mit der Mehrzahl BVB-Fans an Bord – hoben aus Donezk sogar überpünktlich ab.

Kapitän Sebastian Kehl bestätigte später, dass der Vorfall kurz vor Spielbeginn Thema in der Kabine gewesen sei, "ich habe noch nachgefragt, wo das passiert ist." Ohne den Vorfall verharmlosen zu wollen, gab der am Aschermittwoch 33 Jahre alt gewordene Mittelfeldmann noch zu, "dass man so etwas in dem Moment gar nicht so wahr nimmt, emotional geht das nicht so nah - wäre das bei einem Heimspiel in Dortmund passiert, hätte das eine andere Dimension gehabt."

Der Fließband-Torschütze in Aktion

Die ukrainischen Besucher, mit Unglücksmeldungen aus den Bergwerkstollen unter der Stadt vertraut, reagierten weitgehend ungerührt: Vor Anpfiff überzog ein gigantisches Schachtjor-Banner die Gegengeraden, die Führungstore von Dario Srna (31.) und Douglas Costa (68.) wurde exaltiert bejubelt und in den Vip-Logen floss der Gratis-Wodka wie üblich in rauen Mengen. Kehl glaubt aber, dass die Schachtjor-Stars erst im schwarz-gelben Stimmungstempel am 5. März "richtige Fußball-Stimmung" erleben.

Dass sich Mitspieler Hummels fürs Weiterkommen eine "55:45-Chance" ausrechnet, daran hatte nicht nur Fließband-Torschütze Robert Lewandowski mit seinem fünften Champions-League-Treffer seinen Anteil (41.), sondern auch er selbst. Beim 1:2 hatte der 24-jährige Nationalspieler noch im Zusammenwirken mit Marcel Schmelzer mitgeholfen ("Wir rufen beide: 'Hast du, hast du.' Ich dachte auch, ich hab ihn, komme dann aber nicht hoch genug"), dann wuchtete der beim FC Bayern ausgebildete Innenverteidiger indes die Kugel kurz vor ultimo eben nach Schmelzer-Ecke zum 2:2 ins Tor (87.). Klopp nahm das Malheur den beiden nicht weiter krumm: "Einmal im Jahr kommt es unter besten Freunden wohl zu solch einem Zwischenfall". Und zu Hummels' Wellental hatte der Coach noch zu sagen: "Ich habe bei ihm gar kein großes Auf und Ab gesehen. Manchmal geht es im Fußball gerecht zu - deshalb durfte Mats zum 2:2 treffen."

Klopp findet die Konstellation nun richtig prima, „in diesem Wettbewerb gibt es kein Wunschresultat“, philosophierte der 45-Jährige, "aber wenn man nicht gewinnt, sollte man auswärts viele Tore schießen.“ Mit dem Resultat sei er schlussendlich „total einverstanden." Und auch Klopps Klassensprecher Hummels hatte es ungeachtet von der Tragödie am Airport ("schlimme Geschichte, aber im Spiel denkt man nicht daran") in der Donbass Arena immerhin "so viel Spaß" gemacht, "dass das hoffentlich nicht unser letztes K-.o.-Spiel war."

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