Zwischen Wohlfühlzone und Haifischbecken

18. März 2013, 16:56 Uhr

Schalke 04 will Armin Veh als neuen Trainer verpflichten. In Gelsenkirchen würden ihn eine stärkere Mannschaft und größere finanzielle Spielräume erwarten. Gibt Veh den Verlockungen nach? Von Maximilian Koch

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Veh, Eintracht Frankfurt, Schalke 04, Horst Heldt, Gelsenkirchen, HSV, Wolfsburg

Frankfurt oder Schalke? Armin Veh weiß wohl selbst nicht so recht, wo er in Zukunft arbeiten möchte©

Man hat Armin Veh in seiner Trainerkarriere selten so entspannt erlebt wie in dieser Saison. In den Pressekonferenzen gibt er regelmäßig den Entertainer, plaudert locker mit den Journalisten. Der nächste Gegner? Ja, den haben wir analysiert. Nicht leicht zu spielen. Aber jetzt lasst uns doch bitte über die angenehmen Dinge des Lebens reden! So sehr diese Haltung Vehs bisweilen verblüfft – es gibt gute Gründe dafür. Die Eintracht, erst im vergangenen Jahr in die Bundesliga aufgestiegen, spielte in der Hinrunde hochattraktiven Offensivfußball. Und dazu auch noch erfolgreich: Platz vier nach 17 Spieltagen, sogar die Champions-League-Qualifikation schien für die Hessen möglich.

Diese Chance besteht noch immer, auch nach der 1:2-Niederlage der Frankfurter gegen Stuttgart an diesem Wochenende, dem sechsten Spiel in Folge ohne Sieg. Doch seit dem Beginn der Rückrunde hat sich einiges geändert am Main. Die Leichtigkeit der ersten Saisonhälfte ist verflogen. Es geht plötzlich nicht mehr um die sportliche Bilanz der Eintracht. Armin Veh ist in den Fokus gerückt. Aber nicht mehr als Entertainer. Der mögliche Abschied des Erfolgstrainers bestimmt die Schlagzeilen.

Entscheidung soll in der Länderspielpause fallen

"In der Länderspielpause müssen wir eine Entscheidung treffen", sagte Veh nun am Sonntag. "Dieses Herumgeeire ist auf Dauer unerträglich." Dass der 52-Jährige selbst den größten Anteil an der aktuellen Situation hat, steht außer Frage. Seit Wochen verweigert er eine Aussage zu seinen Zukunftsplänen. Vehs Vertrag in Frankfurt läuft im Sommer aus. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der FC Schalke 04 ihn gerne als Nachfolger von Jens Keller verpflichten würde.

Bei den Königsblauen würde Veh auf Horst Heldt treffen. Mit dem Manager ist Veh eng befreundet. 2007 gewann das Duo mit dem VfB Stuttgart die Meisterschaft. "Wer das Verhältnis von Armin Veh und mir kennt, der weiß, dass wir natürlich darüber nachdenken, dass wir möglicherweise in naher Zukunft, oder irgendwann zusammen arbeiten", teilte Heldt am Sonntag mit. Ein schriftliches Angebot gebe es zwar nicht, sagte Heldt. Aber niemand zweifelt daran, dass Veh Schalkes Wunschkandidat ist.

Doch wie denkt Veh? Ganz offensichtlich fällt ihm die Entscheidung schwer. Will er die Wohlfühlzone Frankfurt wirklich aufgeben, um ins traditionell aufgeregte Gelsenkirchen zu wechseln?

Die Gefahr des Eintracht-Absturzes

Allein unter sportlichen Gesichtspunkten stellt Schalke für Veh eine äußerst reizvolle Aufgabe dar. Die Mannschaft ist gespickt mit Spielern, die ihre Klasse auch auf internationalem Niveau schon nachgewiesen haben. Spieler wie Benedikt Höwedes, Jefferson Farfan oder Klaas-Jan Huntelaar. Hinzukommen hoffnungsvolle Talente wie Julian Draxler oder Sead Kolasinac. Qualitativ ist Schalke den Frankfurtern weit voraus. Dank der Champions-League-Einnahmen aus dieser Spielzeit werden die "Knappen" im Sommer zudem in neues Personal investieren können. Für Veh würde das mehr Gestaltungsspielraum bedeuten. Und die Aussicht, in der kommenden Saison die Topteams Bayern und Dortmund anzugreifen.

In Frankfurt wäre diese Möglichkeit nicht gegeben. Mehr noch: Es ist davon auszugehen, dass die Eintracht eine solch herausragende Saison nicht wiederholen kann. Die Mannschaft hat in der Hinrunde an ihrem Limit gespielt, teilweise darüber. Um das Niveau zu halten, müssten im Sommer neue Spieler kommen. Spieler vom Format eines Jan Rosenthal, der vom SC Freiburg in die Bankenmetropole wechselt. Doch zu großen Sprüngen sind die Frankfurter nicht in der Lage, es fehlen schlicht die finanziellen Mittel. Von etwa drei Millionen Euro geplanten Transferausgaben ist die Rede. Veh weiß das. Doch offenbar schätzt er diese Summe als zu gering ein, um einen möglichen Absturz zu verhindern.

Kann es Veh irgendwo besser gehen als in Frankfurt?

Andererseits hat das Frankfurter Team seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Und es war Veh, der in der vergangenen Zweitliga-Spielzeit diesen Prozess einleitete. Er formte Akteure wie Sebastian Jung und Sebastian Rode zu guten Bundesligaspielern. Er entwickelte ein System, das perfekt auf die Stärken seiner Spieler abgestimmt war und begeisterte damit die Fachleute. Ganz klar: Die Eintracht von heute ist die Eintracht von Veh. Und der Coach hängt an seiner Mannschaft.

Die Clubführung ist bemüht, Veh so gut es geht entgegenzukommen. Die Jungstars wie Torhüter Kevin Trapp sollen gehalten werden – trotz des Interesses großer Vereine. Zudem genießt Veh in Frankfurt Freiheiten wie sonst wohl kein anderer Trainer in der Liga. Sportdirektor Bruno Hübner hält seinem Coach bedingungslos den Rücken frei und gewährt Veh die Spielräume, die er braucht – sowohl in sportlichen Fragen als auch im privaten Bereich. Es ist bekannt, dass der gebürtige Augsburger sich nicht gerne sagen lässt, wie er seine Arbeit zu verrichten hat. Dass er in einer Länderspielpause auch mal seinen Co-Trainer machen lässt. Und sich währenddessen um seinen geliebten Hund Jerry kümmert oder in den Urlaub fährt. Hübner toleriert das. Genauso wie Vehs Angewohnheit, der Vereinsführung öffentlich Ratschläge zu geben.

Ob diese Arbeitsweise aber auch in ein Umfeld wie das des FC Schalke passt, erscheint fraglich. In seiner Karriere hat sich der der Coach immer dann wohlgefühlt, wenn er mit realistischen Zielvorgaben konfrontiert wurde. Das klappte in Stuttgart und das klappte in Frankfurt. Auf seinen anderen Stationen, beim HSV und in Wolfsburg, scheiterte Veh aber an der übertriebenen Erwartungshaltung und der damit verbundenen Unzufriedenheit, als der schnelle Erfolg ausblieb. Genau das ist aber seit Jahren das Problem in Gelsenkirchen. Tut sich Veh das wirklich an? "Der will hier doch gar nicht weg", sagte Eintracht-Legende "Charly" Körbel bei Sky. Es wäre keine Überraschung, sollte Veh den Schalker Verlockungen tatsächlich widerstehen.

 
 
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