Freiburger Urtyp

28. November 2012, 16:06 Uhr

Der SC Freiburg ist die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga. Am Abend geht es gegen Bayern München. Vater des Erfolgs ist Christian Streich. Eine Annäherung an einen außergewöhnlichen Trainer. Von Hendrik Buchheister

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Schauspiel an der Seitenlinie: Christian Streich, Freiburgs Trainer, geht wie kein anderer an der Seitenlinie mit.©

Der Händedruck des Fußballtrainers Christian Streich ist kein Händedruck. Er hält einem die Hand hin und wendet keine Kraft auf. Man hat das Gefühl, sie festhalten zu müssen, damit sie nicht runterfällt. Dabei könnte sich der Coach des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg einen selbstbewussten Auftritt durchaus leisten: In der vergangenen Saison rettete Streich den Klub vor dem Abstieg. Vor dem 14. Spieltag stand die Mannschaft auf Platz sechs der Tabelle – vor weitaus vermögenderen Vereine wie Wolfsburg, Hoffenheim oder Mönchengladbach. Am Abend (ab 20 Uhr im stern.de-Liveticker) trifft Christian Streich mit seinem Team auf den längst enteilten Tabellenführer aus München. Es könnte sein Meisterstück werden.

Streich, 47, ist ein Typ, der auffällt in der Bundesliga. Er drischt keine Phrasen wie viele seiner Trainerkollegen, er lässt sich nicht groß feiern für seine Erfolge und hält bei Misserfolgen auch keine Blut-Schweiß-und-Tränen-Ansprachen. Christian Streich ist ein leiser Mensch. Er verweigert sich allen Rollenspielen und ist dennoch erfolgreich in der Selbstdarsteller-Branche Fußball. "Cheftrainer ist nicht die richtige Bezeichnung für meine Arbeit", sagt er, "ich versuche zusammen mit der Mannschaft einen Weg zu finden. Ich nehme die Spieler ernst, jeder darf sich mit Ideen einbringen."

Streich wollte zuerst nicht Cheftrainer werden

Das klingt nach Teetrinken und Basisdemokratie, auf dem Platz jedoch präsentiert sich Streichs Team als schlagkräftige Einheit. Freiburg spielt mutigen Offensivfußball. Am vergangenen Wochenende gewann die Mannschaft das Derby gegen den VfB Stuttgart. Mit 3:0. An der Seitenlinie ist Christian Streich manchmal kaum wiederzuerkennen. Er sprintet die Seitenlinie auf und ab, mal zeternd, mal jubelnd. Dann gibt er die Zurückhaltung auf und lässt ich mitreißen von seiner Mannschaft.

Streich wollte den Job an der Spitze des SC Freiburg eigentlich gar nicht. Im Winter 2011, als der Klub Letzter war und einen neuen Trainer suchte, sagte er der Vereinsführung zweimal ab. Streich war zu der Zeit Co-Trainer bei den Profis und wäre auch gern in der zweiten Reihe geblieben. "Mich kennen viele Menschen in Freiburg. Sie wissen, wo ich wohne und welche Kneipen ich besuche. Wir sind eine gemütliche und überschaubare Stadt. Ich hatte Sorge, diese Menschen enttäuschen zu können."

Streich sagt schließlich doch zu. Unterlassene Hilfeleistung – das wollte er sich nicht vorwerfen lassen. Zudem war der Erwartungsdruck in Freiburg nicht riesig, auch wenn Streich das anders empfand. Die Universitätsstadt definiert sich nicht über ihren Fußballklub, anders als im Ruhrgebiet zum Beispiel, wo der örtliche Bundesligaverein Euphorieschübe und kollektive Depressionen auslösen kann.

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