Das ewige Warten auf die Outingwelle im Profifußball

14. September 2012, 13:27 Uhr

Sich als schwuler Fußballer zu offenbaren, ist noch immer tabu. Ein aktueller Fall hat Angela Merkel auf den Plan gerufen. Sie macht den Betroffenen Mut. Folgt jetzt eine Welle? Eher nicht. Von Klaus Bellstedt

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Wer ist schwul, wer nicht? Auf das erste richtige Outing eines Fußballprofis wird man wohl noch länger warten müssen©

Man kann fast schon darauf wetten: Mindestens einmal im Jahr kocht in Deutschland die Debatte um homosexuelle Fußballprofis hoch. Der Anlass ist immer der gleiche: Kicker, die meisten von ihnen bleiben aus guten Gründen anonym, geben in mehr oder weniger bedeutenden Publikationen Interviews. "Ein Outing wäre mein Tod!", zitierte der längst eingestellte Kicker-Ableger "Rund" einen Spieler bereits vor sechs Jahren. 2008 wagte dann Marcus Urban, der zur Wendezeit mal für Rot-Weiß Erfurt spielte, mit einer Autobiografie den Schritt in die Öffentlichkeit. Da verdiente er sein Geld schon lange nicht mehr mit dem Sport.

Auch im vergangen Jahr gab es ein Outing - nicht in Deutschland, sondern in Schweden. Von einem Spieler aus der vierten Liga. "Ich bin ein Fußballer und ich bin schwul", ließ Anton Hysén in einer Zeitschrift namens "Offside" verlauten. In Schweden fand das Interview kaum Beachtung. Die deutschen Medien stürzten sich dagegen auf die Meldung, sie berichteten tagelang über den Tabubruch – wohl in der Hoffnung, dass nun auch in Deutschland eine Outingwelle homosexueller Fußballer losbrechen könnte. Die gab es - natürlich - nicht.

Nun also der neueste Fall. Mit einer scheinbar neuen Fallhöhe. Weil sich auch die Kanzlerin zu Wort gemeldet hat. Aber der Reihe nach: Ein schwuler Bundesliga-Profi - auch er will nicht genannt werden - hat im Magazin "Fluter" der Bundeszentrale für politische Bildung offenbart, sich aus Angst vor seiner Neigung täglich verstellen und verleugnen zu müssen. Sollte seine Homosexualität bekanntwerden, würde er sich nicht mehr sicher fühlen, so der Spieler in dem Interview, das der freie Journalist Adrian Bechthold geführt hat. Und wieder sprangen die Großen drauf an. "Zeit", "Spiegel", "Welt", "Süddeutsche", "FAZ", sie alle berichteten und berichten im Blatt oder auf ihren Online-Sites groß über das neueste Outing, das in Wahrheit ja gar keines ist - weil der Name des Spielers nicht bekannt ist.

Merkel und ihre Botschaft an die Schwulen

Das Interview erscheint, gerade auch im Lichte der bisher erschienenen Geschichten zum Thema Homosexualität im Profifußball, wenig überraschend. Brisantes sucht man vergeblich. Namen oder Vereine werden nicht genannt. Die meiste Zeit bedient der schwule Fußballer gängige Klischees. "Der Preis für meinen gelebten Traum von der Bundesliga ist hoch. Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen", sagt der Spieler. Dass die bezahlte Spielerfrau statt des Freundes ihn auf offizielle Anlässe begleitet? Geschenkt! Alles schon tausend Mal Mal gelesen. Philipp Köster, der Chefredakteur von "11Freunde", zweifelt sogar die Echtheit des Interviews an und wundert sich über die Wucht des medialen Widerhalls: "Das ist eine erstaunliche Resonanz auf ein, nun ja, erstaunliches Interview, dessen Inhalt und dessen Begleitumstände es sehr zweifelhaft erscheinen lassen, dass dieses Gespräch so stattgefunden hat wie behauptet", so Köster. Der Schönheitsfehler seines Beitrags: Er hat weder "Fluter" noch Fragesteller Bechthold mit seiner gewagten These konfrontiert.

Ob die Bundeskanzlerin dieses Interview je gelesen hat, darf getrost angezweifelt werden. Auch wenn das natürlich nur eine Vermutung ist. Die aber hat ihre Grundlage. Denn ihre Äußerungen zum Outing im Fußball waren nicht geplant. Angela Merkel hatte am Donnerstag zur Vorstellung des Integrations-Spieltags, der an diesem Wochenende in der Bundesliga über die Bühne gehen wird, ins Kanzleramt geladen und gab dabei neben Bayern-Präsident Uli Hoeneß und Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball Auskunft über die Aktion "Geh deinen Weg". Sportler dürften nicht nach Herkunft, Religion oder Hautfarbe beurteilt werden, das ist die Botschaft.

Aktueller Trend: eigene Spieler mobben

Aus dem Plenum stellte ein Journalist schließlich die unvermeidbare Frage, wie sie denn die aktuelle Diskussion um schwule Spieler im bezahlten Fußball bewerte. "Dass immer noch Ängste bestehen, was das eigene Umfeld anbelangt, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Aber wir können ein Signal geben: Ihr müsst keine Angst haben", sagte Angela Merkel. Schnell noch schickte sie, ganz Politikerin, noch eine weitere Botschaft hinterher: "Ich bin der Meinung, dass jeder, der die Kraft aufbringt und den Mut hat - wir haben in der Politik einen längeren Prozess hinter uns - wissen sollte, dass er in einem Land lebt, wo er sich eigentlich davor nicht fürchten sollte." Worte, die an Belanglosigkeit kaum zu überbieten sind. Und die auf den Fußball nicht zutreffen. Ein schwuler Fußballer, der sich outet, hat nämlich sehr wohl eine Menge zu fürchten. Anfeindungen gegnerischer Fans zum Beispiel. "Es ist einfach nicht so, dass tatsächlich alle mit Toleranz und Verständnis darauf reagieren würden", sagt auch der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) Christian Seifert.

Und wer sagt eigentlich, dass es nur bei Verunglimpfungen für den Betroffenen bei Auswärtsspielen bleibt? Derzeit ist in der Bundesliga nämlich ein Trend zu beobachten: Hooligans bedrohen und attackieren zunehmend auch die eigenen Spieler. Für die Fußballer ist das traumatisch, wie das aktuelle Beispiel des Kölners Kevin Pezzoni beweist. Schwachsinnige "FC-Fans" sorgten zuletzt mit üblem Mobbing für dessen Vertragsauflösung. Pezzoni ist weder schwul noch dunkelhäutig, er hatte lediglich ein paar schwache Spiele für seinen Club absolviert.

Fußball ist ein Macho-Sport

Angela Merkel hat nicht bedacht, dass für einen homosexuellen Fußballer der Schritt an die Öffentlichkeit mit unkalkulierbaren Risiken verbunden ist. Das Thema ist bis heute ungelöst. Und auch deshalb sollten alle aus der Fußball-Szene, inklusive Medien, ihre Hoffnungen auf den Beginn einer Outing-Welle nach dem Interview des anonymen Bundesliga-Spielers auch begraben.

Wie sagte Tim Wiese, Ex-Nationaltorhüter und jetziger Hoffenheim-Keeper, vor zwei Jahren zur "Bunte" so treffend: "Ein schwuler Spieler würde von den Fans niedergemacht. Fußball ist trotz der vielen Frauen im Stadion ein Macho-Sport." Genau das ist die Wahrheit.

P.S.: Wie ist Ihre Meinung? Sollten sich schwule Fußballprofis trauen, sich zu outen? Diskutieren Sie mit, in der "Fankurve", unserer Facebook-Seite für Fußballfans.

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