Zehn Jahre Bosman-Urteil

16. Dezember 2005, 15:27 Uhr

Diese Woche jährt sich das vielleicht folgenschwerste Sporturteil des Europäischen Gerichtshofs zum zehnten Mal. Die EU-Rechtsangelegenheit "C-415/93" veränderte vor allem den Profifußball nachhaltig. Von Klaus Bellstedt und Thomas Reimann

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Jean-Marc Bosman, flankiert von seinen beiden Anwälten Luc Misson (r.) und Jean-Louis Dupont (l.) nach der Urteilsverkündung am 15. Dezember 1995©

Auslöser für die dem Urteil zugrunde liegende Schadensersatzklage war eine nach Auffassung des belgischen Profifußballers Jean-Marc Bosman zu hoch angesetzte Ablösesumme seines Arbeitgebers RFC Lüttich, welche nach Ansicht des Spielers seine Arbeitnehmerrechte unrechtmäßig einschränkte. Der RFC Lüttich verweigerte damals die Freistellung des Spielers Bosman für einen Wechsel zum französischen Zweitligisten US-Dünkirchen.

Bosman reichte zunächst gegen seinen Verein und den belgischen Fußballverband eine Klage auf Schadensersatz ein. Im November 1990 entschied ein belgisches Gericht, Bosman könne ablösefrei nach Dünkirchen wechseln. Der belgische Fußballverband legte gegen dieses Urteil Berufung ein. In der Revisionsverhandlung bestätigten die Richter am 15. Dezember 1990 den ablösefreien Wechsel Bosmans. Gleichzeitig rief das Gericht den europäischen Gerichtshof an, einheitliche Regelungen für die freie Wahl des Arbeitsplatzes für Berufssportler innerhalb Europas zu schaffen. Am 15. Dezember 1995 schließlich entschied der europäische Gerichtshof, dass Profifußballer innerhalb Europas normale Arbeitnehmer im Sinne des EG-Vertrages seien und dabei die Freizügigkeit des EG-Vertrages, insbesondere des Artikel 39 EGV, nicht nur für behördliche, also staatliche Maßnahmen gilt, sondern sich auch auf Vorschriften anderer Art erstreckt, die zur kollektiven Regelung der Arbeit dienen.

Experten fürchteten eine "Katastrophe"

In der Folge verbot der Gerichtshof alle Forderungen nach Zahlung einer Ablösesumme, wenn ein Spieler nach Vertragsende von einem Verein eines EU-Staates zu einem Verein in einem anderen EU-Staat wechseln wollte. Auch die in einigen Ländern geltenden Ausländerregelungen, nach denen nur eine bestimmte Anzahl von Ausländern innerhalb einer Mannschaft eingesetzt werden durften, wurden, soweit Spieler aus den EU-Staaten davon betroffen waren, für ungültig erklären. Zudem wurde Joan Marc Bosman ein Schadensersatz in Höhe von umgerechnet € 400.000,00 zugesprochen.

Die damaligen Reaktionen in der deutschen und der europäischen Fußballwelt waren extrem. Man beurteilte die Auswirkungen des Urteils als dramatisch. So sah Bayerns Manager Uli Hoeneß "mittelfristig das ganze System kaputt gehen". Zudem befürchtete man Probleme für die deutsche Nationalmannschaft. Der damalige Manager von Werder Bremen Willi Lemke prognostizierte gar eine "Katastrophe, weil billige Gastarbeiter die Plätze für den deutschen Nachwuchs blockieren könnten".

Kritiker des Urteils bemängelten, dass ein bislang funktionierendes System mit Anreiz und Ausgleichmechanismen zerstört werde, welches Vereine und Spieler schütze. Transferentschädigungen schützten die Vereine, weil sie die Wahl hätten, entweder selbst Spieler kurzfristig auszubilden oder bereits ausgebildete Spieler gegen ein entsprechendes Entgelt einzukaufen. Für die Spieler seien die Transferentschädigungen insofern ein Schutz, da sie ermöglichten, dass die Vereine alle Spieler kostenlos ausbildeten, obwohl sie nur für einen Teil der ausgebildeten Spieler ein entsprechendes Entgelt erhielten.

Folgen für die Vereine gravierend

Nunmehr, zum 10. Geburtstag des Urteils, zeigt sich, dass die Auswirkungen des Urteils nicht ganz so drastisch sind, wie erwartet. Zumindest ist festzustellen, dass das System entgegen düsterer Prophezeiungen immer noch besteht. Dabei ist zu bedenken, dass der Europäische Gerichtshof eben keineswegs die generelle Unzulässigkeit von Transferzahlungen und Ausländerklauseln im Fußballsport festgestellt hat. Das Urteil bezieht sich lediglich auf EU - grenzüberschreitende Fälle. So sind beispielsweise Ausländerklauseln für Drittstaatsangehörige zulässig; auch Transferklauseln für Drittstaatsangehörige oder für rein innerdeutsche Vereinswechsel ohne Gemeinschaftsrechtsbezug blieben zulässig. Weiter spricht auch nach dem Bosmann Urteil nichts dagegen, Ablösesummen für nationale wie für grenzüberschreitende Vereinswechsel vor Ablauf eines bestehenden Vertrages zu verlangen.

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