Arthur Abraham hat er zum Weltmeister gemacht, ebenso Sven Ottke und Markus Beyer. Seit mehr als 30 Jahren sichtet, lockt und triezt der Boxtrainer Ulli Wegner talentierte Athleten. Immer öfter stammen sie von den Rändern der Gesellschaft. Der Trainer gibt den wütenden jungen Männern ein Ziel - mit Härte bringt er sie auf Kurs. Von Walter Wüllenweber

Als Profitrainer machte Ulli Wegner Sven Ottke und Markus Beyer, die er ins Profilager holte, sowie Arthur Abraham zu Titelträgern eines Weltverbands© Joerg Glaescher
Erst in der Niederlage lernt man 'nen Menschen so richtig kennen." Das ist eine der Lieblingsweisheiten, die der Boxtrainer Ulli Wegner seinen Jungs eintrichtert. So etwas geschieht immer morgens um halb zehn. Noch vor dem Training zwingt er ihnen eine besinnliche Viertelstunde auf. Die Luft in der Halle ist feucht vom Schweiß des Vortages. Gähnend lümmeln sich die Profiboxer auf dem Ringboden, nur von den Seilen aufrecht gehalten. Wegner sitzt ihnen gegenüber auf einem Hocker mit verbogenen Beinchen. Die tägliche Morgenandacht.
Doch heute ist etwas anders. Heute spricht der Trainer nicht über die Niederlage eines Sportlers, sondern über die des Trainers Ulli Wegner, über seine eigene: "Hört zu: Hucker is' raus." Marco Huck, eines der größten Talente im Profiboxen, hat Wegner, seinen Trainer, verlassen. In nur drei Jahren hat Wegner aus dem wilden Schläger einen Weltklasse-Boxer geformt. Doch dann verlor Huck zum ersten Mal einen Kampf und wechselte zu Manfred Wolke. In Frankfurt/Oder betreibt der frühere Trainer von Henry Maske ein Boxgym. Wegner und Wolke arbeiten beide für die Boxerfirma Sauerland. Doch sie sind alte Konkurrenten.
"Heimlich abhauen, ohne mit mir zu reden. Ist doch das Letzte", zischt Wegner. Auf seine verpennten Zuhörer wirkt die Nachricht wie ein Eiswasserstrahl. Jetzt sind sie wach. "Hat sich erledigt mit dem Hucker. Der braucht nicht denken, dass ich den noch mal zurücknehme. Und wenn er verreckt. Ich will nicht, dass ihr weiter über ihn redet. Ich mach's auch nicht. Kein Wort mehr über den. Ende. Aus." Wegner holt kurz Luft. Um dann doch über seinen verlorenen Sohn zu reden. Wie er dem unbekannten 19-Jährigen die Chance gab, sich bei einem Sparringskampf zu zeigen. Sechs Runden später war der Sohn bosnischer Bürgerkriegsflüchtlinge eingestellt. Zuerst musste er ihm beibringen, pünktlich zu sein, so etwas wie ein selbstständiges Leben zu führen. "Der Junge konnte ja kein Wasser kochen, nix." Erst nach einer halben Stunde wird Wegners Atmung ruhiger. Die Jungs rappeln sich schon hoch, da knurrt er leise: "Na ja, die nächsten Wochen werd ich wohl mit gebrochenem Herzen rumlaufen. Alles wegen so 'nem Arschloch." Erst in der Niederlage lernt man Ulli Wegner so richtig kennen.
Nur wenige Menschen kommen einander so nah wie Leistungssportler und Trainer. Sie feiern und weinen zusammen. Meist wissen Trainer mehr über die Seelenlage ihrer Schützlinge als die Liebsten. Es ist eine ganz spezielle Beziehung, eine Mischung aus Respekt, Vertrauen, manchmal Furcht, nicht selten Liebe. Beim Boxen ist die Nähe besonders körperlich. Wegner fasst seinen Jungs beim Sparring bald täglich in den Mund, um ihnen den Zahnschutz aufs Gebiss zu setzen. Mit Handschuhen ist der Boxer unbeholfen. Wegner wischt ihnen den Schweiß aus dem Gesicht, schmiert Vaseline in blutende Wunden und putzt ihnen die Nase.
Im Ernstfall, beim Kampf, muss das Vertrauen der Boxer in ihren Trainer-Vater fast grenzenlos sein. So wie bei Weltmeister Arthur Abraham, Wegners derzeit bestem Boxer. Am 23. September 2006 musste Abraham seinen Weltmeistergürtel verteidigen. In der vierten Runde fing er sich einen krachenden Aufwärtshaken ein. Der Kiefer brach. Zweimal. Normalerweise bedeutet das: Ende des Kampfes, Intensivstation, WM-Titel futsch. Der Boxer hätte aufgeben müssen. Doch er gab nicht auf. Der Trainer hätte das Handtuch werfen müssen. Doch er warf es nicht. In der Ringpause beschwor Wegner den Schwerverletzten mit seiner immer heiseren Stimme: "Junge, sei ein Indianer! Sei ein Indianer!" Mit seinem kaputten Mund konnte Abraham nicht widersprechen. Er hielt durch, acht Runden lang, und blieb Weltmeister. Erst dieser blutige Kampf machte ihn berühmt, zu einem Star. "Ich habe ganz großes Vertrauen. Wenn Trainer sagt, es geht, dann es geht", sagt Abraham.

Ulli Wegner, 65, Vater von drei Kindern, lebt in Berlin. Die Nase brach er sich nicht beim Boxen, sondern beim Fußball© Joerg Glaescher
Wie nur wenige Boxer ist er in der Lage, auch im größten Kampfstress die Anweisungen umzusetzen. Das zeigte er vorigen Samstag wieder, gegen Elvin Ayala. "Nicht mit Gewalt, genauer schlagen", befahl Ulli Wegner. Abraham konzentrierte sich auf diesen einen, genauen Schlag und knockte Ayala in der letzten Runde aus. Wegner strahlte. Eine halbe Stunde lang. Den Rest des Abends und am nächsten Tag schlich er mit Weltuntergangsmiene herum. Sein wichtigster Boxer hatte seinen WM-Titel eindrucksvoll verteidigt. Die ganze Boxszene redet darüber, dass Abraham künftig in den USA um das ganz große Geld boxen wird. Und Wegner bläst Trübsal.
Wegen Yoan Pablo Hernandez. Der Kubaner, 23, ist eine seiner großen Hoffnungen. "Pabloff ", wie Wegner ihn nennt, war in Kiel, nur wenige Minuten vor Abrahams Sieg, schwer k. o. geschlagen worden. "Der Pabloff leidet doch wie ein Hund. So sehr ich mich mit Arthur freue, jetzt ist mir nicht nach Feiern. Das tut mir in der Seele weh. In der Niederlage, da brauchen mich meine Jungs. Party können die alleine."
Was Ulli Wegner für seine Jungs ist, das war Hans Spazierer für Wegner. "Der hat mir das Leben beigebracht", sagt Wegner über seinen Trainer, bei dem er in den 60er Jahren in der SG Wismut Gera boxte. Nach seiner aktiven Laufbahn wurde er Spazierers Assistenztrainer, schließlich sein Nachfolger. In der Sportschule Blankenburg büffelte der gelernte Schlosser für sein Sportlehrerdiplom. 20 Jahre lang machte Wegner aus den Staatsamateuren der DDR internationale Meister. Seit 1996 ist er im Kapitalismus, bei den Profis, als Cheftrainer im Sauerland-Boxstall. Sven Ottke, Markus Beyer und Arthur Abraham verdanken ihm ihre Weltmeistergürtel. Das Fachblatt "Boxsport" wählte Wegner von 2003 bis 2007 fünfmal in Folge zum Trainer des Jahres. Dabei macht er nichts anderes als das, was er bei Spazierer gelernt hat: "Boxen muss man nicht neu erfinden. Fleiß, Disziplin, das ist es schon."
Im Halbkreis stehen ein Dutzend Profisportler um Ulli Wegner. Aufwärmgymnastik. Der 65-jährige Coach turnt die Übungen vor. Die Profis täuschen sie vor. Wie Viertklässler versuchen sie, sich um jede Bewegung zu drücken. Sobald der Trainer wegschaut, halten sie still. Und glauben, er würde es nicht merken. Krafttraining, Seilspringen, die Arbeit am Sandsack, das alles machen mündige Sportler alleine, ohne Antreiber. Die Boxer von Ulli Wegner jedoch machen keinen Handschlag, keinen Faustschlag von selbst. "Von diesen, na ja, Athleten kommt keinerlei Eigeninitiative", sagt Sven Ottke. Bis zu seinem Karriereende 2004 war er dabei. "Die kapieren einfach nicht, dass sie nicht für den Trainer trainieren, sondern für sich."
Das Boxen hat sich seit Hans Spazierer nicht verändert. Aber die Boxer. "Das sind im Grunde alles Anfänger", sagt Wegner. Im Sportsystem der DDR wurden die Jungen mit 13, 14 Jahren bei Talentsichtungen ausgewählt. Mit 18 waren es fertige Boxer, technisch geschult. Und sie wussten, was Leistungssport bedeutet: Fleiß und Disziplin. Mit solchen Boxern hat Wegner nach der Wende den Boxstall aufgebaut, mit Beyer, Thomas Ulrich, Torsten May und dazu Ottke, einem der erfolgreichsten Amateurboxer der Bundesrepublik. Die verabschieden sich gerade in die Rente. Der Nachschub an Talenten muss heute anders organisiert werden. Wenn die Bewerber bei Wegner vorboxen, sind sie schon erwachsen, um die 20 Jahre alt. "Vorher haben die im Keller auf den Sandsack gedroschen oder sich als Kickboxer wilde Hauereien geliefert. Aber richtigen Sport, so was haben die nie kennengelernt."
Übernommen aus ...
Ausgabe 15/2008