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Macht das bedingungslose Grundeinkommen faul - oder frei?

Durch das bedingungslose Grundeinkommen bekommen Menschen Geld, ohne dafür zu arbeiten. Befürworter glauben, das mache unabhängiger und die Gesellschaft profitiere davon. Kritiker warnen: Der Mensch ist faul. Aber wer hat nun recht?

Ein Faultier

Bedingungsloses Grundeinkommen: Werden wir zum Faultier?

Christoph steht jetzt wieder gerne auf. Das war lange nicht so. Die Schichten in dem Callcenter, in dem er arbeitete, waren für ihn die Hölle. Er wäre gerne Erzieher geworden. Aber noch eine Ausbildung? Drei Jahre nur Azubi-Gehalt, wie hätte er davon die Miete bezahlen können? Er machte bei einer Verlosung mit: Gewinnen konnte er dort das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). 1000 Euro, jeden Monat, für ein Jahr. Ohne Gegenleistung. Und Christoph gewann. 

1000 Euro pro Monat - ohne zu arbeiten

Der gemeinnützige Berliner Verein "Mein Grundeinkommen" hat inzwischen 29 Menschen mit einem BGE für ein Jahr ausgestattet. Sobald 12.000 Euro zusammen sind, wird ein weiteres Jahr Grundeinkommen verlost. Finanziert wird das Projekt über Spenden. Auch Christophs Grundeinkommen wird durch Crowdfunding eingesammelt. "Ich bin wahnsinnig glücklich und fühle mich voller Tatendrang, vor allem da ich weiß, dass ich jetzt die Sachen angehen kann, die mir am Herzen liegen und ich mir keine Sorgen machen muss, wo am Monatsanfang das Geld auf meinem Konto herkommen soll", schreibt Christoph über seine Erfahrungen. "Ich habe im Moment wahnsinnig viele Ideen, was ich gerne noch so tun möchte und ich hoffe, dass ich in einem Jahr möglichst viel schaffen werde."

BGE befreit von Existenzsorgen

Tatendrang und Enthusiasmus - damit ist Christoph ein Paradebeispiel für die Befürworter des BGE. Sie argumentieren, dass Menschen sich von der Fessel der Lohnknechtschaft losmachen müssen. Darf jeder das machen, was er kann und Spaß macht, profitieren alle davon. Doch das sei kaum möglich, wenn die Sorge über Geld das Leben bestimmt. Kritiker kontern: Der Mensch ist faul. Und bekommt er Geld fürs Nichtstun wird er gar nichts mehr machen. Statt mit kultureller Entfaltung und sozialem Engagement aufzutrumpfen, würde der rumhängende Faulpelz die Republik zum Stillstand bringen.

In der Theorie würden Sozialleistungen vom Staat wegfallen. Statt Kindergeld und Wohngeldzuschuss würde es das BGE geben. Und zwar für alle, unabhängig, ob derjenige auf der Straße lebt oder steinreich ist. 

Finnland testet, Schweiz stimmt ab

Eines ist zumindest klar: Die Idee des BGE ist kein unausgegorener Hippie-Traum,sondern längst salonfähig geworden. Der Chef der dm-Drogeriekette und Milliardär Götz Werner, der Ökonom Thomas Straubhaar und auch der Telekom-Chef Timotheus Höttges sind Befürworter des Systems. In Finnland könnte das Modell im kommenden Jahr starten, die Schweiz stimmt im Juni über das BGE ab.

Doch Grundeinkommen ist nicht gleich Grundeinkommen, denn die Beweggründe für die Einführung eines solchen Systems sind höchst unterschiedlich. Die Schweiz will die Bürger über das System abstimmen lassen. Dabei geht es zunächst nicht um die Höhe des Grundeinkommens, sondern um die Zustimmung. In der Schweiz steht ein humanistischer Ansatz im Vordergrund. 2500 Franken (entspricht einer Kaufkraft von rund 1500 Euro in Deutschland) sollen Erwachsene erhalten, Rentner und Kinder etwas weniger. Die Befürworter glauben, dass trotz BGE die meisten Schweizer weiter arbeiten würden, dann allerdings frei und unverkrampft. Und somit auch produktiver

Neoliberales Grundeinkommen

Die Finnen wollen rund 800 Euro an alle Bürger ausschütten. Da die Preise in dem skandinavischen Land deutlich höher liegen, entspricht die Summe in Deutschland in etwa 660 Euro. Da das kaum zum Leben reicht, hofft die finnische Regierung darauf, dass vor allem unattraktive Jobs im Niedriglohnsektor angenommen werden. Als zweiten Effekt setzt Finnland darauf, dass durch das BGE die Überbürokratisierung abgebaut werden könne. Einen ähnlich neoliberalen Kurs schlägt ein Experiment im niederländischen Utrecht ein. Dort sollen 250 Menschen mit 900 Euro pro Monat ausgestattet werden. Auch hier geht es um den Abbau von Kosten, denn mitmachen dürfen nur sozial Schwache.

Bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland?

Kann das System in Deutschland flächendeckend funktionieren? In einer Umfrage aus dem Jahr 2008 gaben 60 Prozent der Befragten an, trotz eines BGE weiterhin arbeiten zu gehen. Knapp ein Drittel würde weniger oder in einem anderen Job arbeiten. Allerdings glaubten 80 Prozent, dass andere sicherlich nicht mehr arbeiten gehen würden, wenn das BGE eingeführt wird. 

Die Finanzierung des BGE ist einer der größten Knackpunkte. Bekommt jeder einen monatlichen Betrag, müsste dieser erstmal in die Staatskasse fließen, um ausgezahlt zu werden. Ökonom Straubhaar erklärt, dass die Höhe des BGE auch die Höhe der notwendigen Steuern beeinflusse. Allerdings müsste das Steuersystem reformiert werden. DM-Gründer Götz Werner schreibt, dass eine an das Grundeinkommen gekoppelte Konsumsteuer nötig sei. Kritiker widersprechen: Hohe Konsumsteuern treffen vor allem schwächere Einkommen, Reiche dagegen würden proportional geschont. 

Betrachtet man die Ausgaben für soziale Leistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld, Harzt IV, Rentenversicherung etc. hat der Staat im Jahr 2014 rund 400 Milliarden Euro für Sozialleistungen ausgegeben (Krankenkassen und Pflegekosten sind ausgenommen), schätzt der Ökonom Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Werden diese Ausgaben gestrichen und in ein BGE für rund 80 Millionen Menschen umgemünzt, würde jeder Bürger rund 400 Euro bekommen und damit weniger als den aktuellen Arbeitslosengeld-II-Satz. Als Grundeinkommen wäre der Betrag zu niedrig. 

Die Finanzierung für einen flächendeckendes BGE in ganz Deutschland ist vollkommen unklar. Bei den Teilnehmern von "Mein Grundeinkommen" kann von Faulheit keine Rede sein. Arbeiten oder studieren würden alle. "Einer ist erstmal durch Clubs gezogen – nebenbei macht er seine Ausbildung. Ein anderer hat Schulden abbezahlt. Was aber nicht passiert ist, dass jemand gar nichts macht und in der Hängematte liegt", sagt Vereinsgründer Michael Bohmeyer gegenüber "Ze.tt"


Wer bei der Verlosung um das einjährige Grundeinkommen mitmachen will, kann sich hier bewerben.

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