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19. Oktober 2007, 17:32 Uhr

"Faktor 25"

Gibt es den gerechten Lohn? Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann macht einen Vorschlag, von dem nicht nur die Chefs profitieren würden.

Zoom

Ulrich Thielemann ist Vizechef des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen© Daniel Ammann

Herr Thielemann, ab wann ist ein Managergehalt unverschämt hoch?

Das lässt sich nicht vom Schreibtisch des Wissenschaftlers aus festlegen. Aber blicken wir zurück: Vor etwa acht Jahren verdiente ein Konzernvorstandschef etwa 30- bis 50- mal so viel wie seine Mitarbeiter. Im Zuge der New Economy explodierte dieser Faktor auf bis zu 400. Ist das fair? Ich sehe kein ethisches Argument, das dafür spricht. Es ist unplausibel, dass ein Mitarbeiter 400-mal leistungsfähiger sein sollte als ein anderer.

Werden Manager immer raffgieriger?

Vieles deutet darauf hin, wenn es auch Ausnahmen gibt. Aber Maßlosigkeit ist nur der eine Grund für die hohen Gehälter. Der andere ist die Radikalisierung des Managements, vorangetrieben durch Unternehmensberater wie McKinsey: Warum sich mit 12 Prozent Rendite zufriedengeben, wenn doch 25 machbar sind, und sei es durch die Verlagerung ganzer Betriebe ins billige Ausland? Und für diese ökonomische Radikalität wird das Management dann fürstlich entlohnt.

Sind die Millionen nicht eher ein Anreiz, Großes zu leisten?

Wer erst ab ein paar Millionen motiviert ist, sich für das Unternehmen einzusetzen, der disqualifiziert sich streng genommen damit selbst für den äußerst verantwortungsvollen Posten des Vorstandchefs. Er dokumentiert damit, dass er eher geldgesteuert ist, als dass ihm die gute Entwicklung des Unternehmens ein Anliegen wäre.

Was nutzt es einem Manager eigentlich, mehr Geld zu verdienen, als man nach menschlichem Ermessen ausgeben kann?

Es geht Managern nicht ums Ausgeben. Die Millionen sind ein Symbol, zu den Auserwählten zu gehören, die Milliardenumsätze und -gewinne für ihr Unternehmen generieren. Das glauben sie zumindest.

Stimmt es denn nicht, wenn ein Vorstandschef argumentiert: Ich habe Milliardengewinne geschaffen, da ist es nur gerecht, wenn ich einen Bruchteil davon als Gehalt kassiere?

Die Kausalität ist falsch. Nicht der Vorstand hat die Milliarden geschaffen, sondern die arbeitsteilige Organisation, der er lediglich vorsteht. Aus ökonomischer Sicht ist es völlig offen, wie hoch der Anteil eines Vorstandsvorsitzenden an der Wertschöpfung im Unternehmen ist und welches Einkommen sich für ihn daraus ableiten lässt. Das müsste man in jedem Einzelfall prüfen, was schwierig ist.

Ist das nicht ein typisches Neidargument?

Die wenigsten dürften Neid empfinden. Die Menschen sind vielmehr zu Recht empört, wenn ein Manager suggeriert, er allein habe die Gewinne erzielt. Denn damit verletzt er den grundlegenden Teamgedanken bei der Wertschöpfung und degradiert die Mitarbeiter zur reinen Manövriermasse. Und so fühlen sie sich ja dann auch häufig behandelt.

Die Deutschen sind auch erzürnt, weil sich Aufsichtsräte und Vorstände offenbar gegenseitig die Millionen zuschustern.

Hier könnte man in der Tat von einer Art Kartell sprechen. Aber wären die Managergehälter gerechter, wenn der freie Markt sie bestimmen würde? Ich finde, wir sollten die äußerst verantwortungsvolle Position eines Top-Managers und dessen Vergütung nicht den anonymen Kräften des Marktes überlassen. Vielmehr sind die Beteiligten selbst aufgerufen, ein Gehalt zu finden, das fair ist und das sich als solches auch kommunizieren lässt.

Heißt fair nicht auch, dass Manager mehr ins Risiko gehen müssen?

Viele Top-Manager haben im Gegensatz zu ihren Mitarbeitern bereits für ihr Leben ausgesorgt, sollten sie das Unternehmen schon nach nur einem Jahr wieder verlassen. Von Risiko kann da in der Tat kaum die Rede sein.

Können Ethiker nicht "Zehn Gebote für Managergehälter" aufstellen, um Gerechtigkeit zu schaffen?

So einfach ist dies leider nicht, und das ist auch gut so, denn sonst könnten die Ethiker ja zu Königen ernannt werden. Die Aufgabe der Ethik ist es, die Praxis zu orientieren, nicht das Beurteilen überflüssig zu machen. Im Falle der Managergehälter sind hier durchaus die Akteure selbst angesprochen, also Manager, aber auch Aktionäre und Aufsichtsräte. Warum nicht die Bandbreite für die Lohnspanne im Unternehmen festlegen, etwa auf den Faktor 25? Oder dafür sorgen, dass weniger Boni gezahlt und Manager somit weniger anreizgesteuert agieren?

Das wäre dann das Motto: Die Flut hebt das gesamte Schiff.

Genau. Wenn das Management mehr verdienen will, dann muss es eben dafür sorgen, dass auch alle anderen mehr verdienen. Eine solche vergleichsweise sparsame Änderung hätte also weitreichende Konsequenzen. Das Management würde dazu angehalten, das Unternehmen im Sinne ganzheitlicher Prosperität gut zu führen. Und Entlassungen wären zwar kein Tabu, aber doch auch als Misserfolg persönlich spürbar.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 42/2007

Zur Person Dem Gewissen auf der Spur Ulrich Thielemann, 46, ist Vizechef des renommierten Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, Schweiz. Er wurde in Remscheid geboren und studierte Wirtschaftswissenschaften. Seine Promotion schrieb er über "Das Prinzip Markt". Seit vergangenem Jahr ist er außerdem Beauftragter der Ethik-Kontrollstelle der Alternativen Bank Schweiz (ABS).

Interview: Rolf-Herbert Peters
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Nostradamus (21.10.2007, 17:59 Uhr)
@deholgi: Gute Frage
Leider bin ich kein Hellseher sondern jemand der versucht zu einer Sache möglichst viele Fakten zu sammeln und komplexe Probleme so weit zu vereinfachen, dass man daraus eine Prognose errechnen kann.
Zur Zeit kann ich nicht erkennen, dass es irgendwelche Bestrebungen gibt soetwas zu erwägen. Genau genommen haben diese Gesellschaften und die Finanziers eine derartige Macht, dass diese die Demokratien gefährden und die Bürger entmachten.
Die Frage die sich eher stellt ist daher wann das Gesamtsystem zusammenbricht und warum?
Dies hängt insbesondere von der Leidensfähigkeit der Europäer und Nordamerikaner ab und wann sie gemeinsam "Nein" sagen werden.
Da aber in unseren Gesellschaften immer eine Gruppe mindestens nahe der Mehrheit von dem System profitiert und jeder hofft, dass er auch mal zu den Gewinnern gehören wird dürfte nur ein sehr einschneidendes Ereignis eine deutliche Veränderung einleiten.
Dies können Probleme in der Energieversorgung, Pandemien und ähnliche Dinge bewirken. Tatsächlich haben wir auch erhebliche Anschlagsrisiken. Es gibt einige sehr neuralgische Punkte in Europa und den USA die nach einem gezielten Angriff zu erheblichen Problemen führen werden.
Ich bin im Übrigen nicht gegen die Marktwirtschaft und auch nicht gegen Aktiengesellschaften. Ich sehe eher das Problem darin, dass diese ihre Macht misbrauchen und mittels Lobbyismus die regulierenden Kräfte einer Gesellschaft wie Parteien und Gewerkschaften und auch die Pressfreiheit aushebeln.
Letztendlich müssen in einer funktionierenden Gesellschaft die demokratischen Strukturen zu entsprechenden Änderungen führen, die im Interesse der Gesellschaften sind.
Interessant finde ich, dass in den USA, dem Mutterland des "Kapitalismus" deutlich härter mit Insiderhandel und anderen kriminellen Taten im Zusammenhang mit Aktiengesellschaften umgegangen wird. Da geht man schon in den Knast. In Deutschland und Europa herrscht insgesamt für Manager eine Art "Narrenfreiheit".
Mit Gesetzen kann man den Managergehältern aus meiner Sicht nicht beikommen aber mit starken Gewerkschaften und starken sogenannten "Linken" Parteien, da diese als Korrektiv wirken.
Sprich: Wird gestreikt und mehr Lohn o.ä. erkämpft macht ein Konzern weniger Gewinn also können sich die Manager nicht mit Erfolgen schmücken, die Ihnen erlauben hohe Saläre zu fordern.
In Deutschland funktioniert doch exakt das gar nicht mehr! Da macht die Presse geschlossen Stimmung gegen die Bahner, Gerichte hebeln das Streikrecht aus, Gewerkschaftsbosse sind geschmiert, ganze Gewerkschaften (siehe Siemens) komplett gekauft, in Parteien wie SPD und Grüne befinden sich massenhaft Leute, die besser in FDP oder CDU/CSU aufgehoben wären etc. etc..
Das ist doch eher der Kern des Problems. Die Aktiengesellschaft an sich ist meiner Meinung nach nicht das Problem wenn eine Gesellschaft an sich "normal" funktioniert und die Elemente der "Gesellschaftlichen Steuer-, Regel- und Messtechnik" richtig funktionieren würden!
deholgi (21.10.2007, 10:51 Uhr)
@Nostradamus
Einfache Antwort auf einfache Frage.
Da die Manager die Renditen der Aktionäre, und ihre Eigene vermehren, haben sie schon ihren Zweck erfüllt. Wann werden endlich die Aktiengesellschaften verboten?
Nostradamus (20.10.2007, 16:24 Uhr)
Es gab noch nie etwas dem weniger hinzuzufügen war...
Endlich mal ein Wirtschaftsexperte, der mal was durchdachtes von sich gibt.
Recht hat er.
Von Arbeitsteilung und Teamgeist verstehen die Manager nix mehr. Aber das war schon immer so in der Geschichte!
Verlierer werden selten beim Namen genannt. Wird verloren waren alle einer Gruppe beteiligt. Gewinner kann es nur einen geben.
Komisch, dass Verlierer wie:
* Birgit Breuel
* Jürgen Schrempp
* Hartmut Mehdorn
um mal ein paar bekanntere zu nennen, für ihre schlechte Arbeit auch noch göttlich (nicht kaiserlich, nicht königlich oder fürstlich) entlohnt werden.
Verdient haben sie es nicht. Ich für meinen Teil würde, wenn ich derart schlecht arbeiten würde, mein Geld meinen Kunden freiwillig zurück geben.
Aber diese Leute leben offenbar alle auch in der Wahnvorstellung, dass sie es sich wirklich verdient hätten.
Dass ich nicht lache. Womit denn?
bernie-abg (20.10.2007, 13:13 Uhr)
Die Argumente und Vorschläge des...
...Ulrich Thielemann sind sicher richtig, aber neu sind sie nicht.
Zudem sind die Ideen nicht umsetzbar, da die Gier größer ist als die Vernunft.
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