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9. Februar 2010, 12:28 Uhr

Verfassungsrichter kippen Hartz-IV-Sätze

Die Hartz-IV-Regelsätze müssen neu berechnet werden - für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Die bisherige Regelung verstößt laut Bundesverfassungsgericht gegen das Grundgesetz.

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Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Die Regierung muss die Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger bis Ende 2010 neu berechnen© Winfried Rothermel/AP

Die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder und Erwachsene müssen neu berechnet werden. Die bisherige Regelung verstößt gegen die Verfassung. Die Berechnung sei nicht transparent genug, entschied das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am Dienstag. Das Gericht forderte den Gesetzgeber in seinem Urteil auf, bis zum 31. Dezember eine an der Realität orientierte Neuregelung zu schaffen. "Schätzungen ins Blaue hinein" seien mit den Anforderungen des Grundgesetzes nicht vereinbar.

Ob Bezieher des Arbeitslosengeldes II deshalb mehr Geld bekommen müssen, ließ das Gericht offen. Die Höhe der Leistungen sei aus dem Grundgesetz nicht direkt abzuleiten, sagte Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier in der mündlichen Urteilsbegründung. Sie seien gegenwärtig auch weder für Kinder noch für Erwachsene "offensichtlich unzureichend". Zudem dürfe der Gesetzgeber feste Regelsätze schaffen. Die gegenwärtigen Sätze seien aber "nicht in verfassungsmäßiger Weise ermittelt worden". So sei die Koppelung an den aktuellen Rentenwert ein sachwidriger Maßstabswechsel. Und besonders bei Kindern müsse sich die neue Berechnung stärker an der Realität orientieren. Für unabweisbare besondere Notwendigkeiten, etwa Kleidung in Übergröße oder Klassenfahrten, sei eine Härte-Klausel erforderlich. Damit waren die Klagen von drei Familien aus Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen erfolgreich.

Besonderer Bedarf kann ab sofort angemeldet werden

Bis zu einer Änderung bleibt die bisherige Regelung gültig. Ab sofort können Hartz-IV-Empfänger jedoch in Ausnahmefällen einen besonderen Bedarf geltend machen, der durch die bisherigen Zahlungen nicht gedeckt wird. Sozialverbände, Kinderschutzbund und Gewerkschaften begrüßten das Urteil. Dem ohnehin durch eine Rekordneuverschuldung von fast 100 Milliarden Euro schwer gebeutelten Staat drohen nun allerdings deutlich höhere Ausgaben.

In Deutschland beziehen mehr als 6,5 Millionen Menschen Hartz-IV-Leistungen. Der Regelsatz für Erwachsene liegt derzeit bei 359 Euro monatlich plus Kosten der Unterkunft. Auf diese Summe kam die Regierung Schröder mittels der sogenannten statistischen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Bei der Berechnung des Bedarfs der Kinder ging die rot-grüne Regierung kurze Wege. Kinder und Jugendliche erhalten seitdem einen Anteil der Erwachsenen-Stütze: Unter sechs Jahren gibt es 60 Prozent (215 Euro), unter 14 Jahren 70 Prozent (251 Euro), darüber 80 Prozent (287 Euro).

Die klagenden Eltern hatten argumentiert, dass beispielsweise der Bedarf an Bekleidung nicht so pauschal berechnet werden könne: Während ein Erwachsener beispielsweise monatelang mit einem Paar Schuhe auskomme, würden ihre Kleinen alle paar Wochen aus ihren herauswachsen. Derzeit erhalten Kinder rund zwölf Euro für Tabak und Alkohol, aber nichts für Windeln.

(Aktenzeichen: 1 BvL 1/09, 3/09 und 4/09)

Abstimmung

Die Richter in Karlsruhe urteilen: Hartz IV muss neu berechnet werden - was meinen Sie dazu?

Abstimmen Ergebnis anzeigen
DPA/APN/AFP
KOMMENTARE (10 von 129)
 
jupol (11.02.2010, 11:59 Uhr)
Iviana (10.02.2010, 23:12 Uhr)
Ein Umbenennen wäre vielleicht dahingehend besser,dass diese Reform nicht mehr nach einem verurteilten Kriminellen benannt wäre.

Aber denken Sie an die Worte des grossen türkischen Dichters Nazim Hikmet: Ein Mistkäfer wird nicht schöner, wenn man ihn anders nennt!
Mikeorganizer (11.02.2010, 09:07 Uhr)
Wir müssen für uns einfach mal ....
registrieren, dass wenn in den Büroetagen jemand das 100 - 1000 Fache Gehalt eines normalen Arbeiters erhält, ganz unten Menschen einfach auf der Strecke bleiben müssen. Diese System ist von Grund auf kapitalistisch und entwürdigend - da helfen diese kosmetischen Urteile auch nicht mehr.
Iviana (10.02.2010, 23:12 Uhr)
Hartz IV
Die Umbenennung von Hartz IV nutzt keinem etwas.
Es ist richtig, dass viele Menschen arbeiten gehen und weniger verdienen, als Hartz IV.
Es geht um Menschenwürde - auch Menschen, die Hartz IV erhalten, sind ofmals unverschuldet dahin gelangt - Krankheit - Alter usw.
Die gesamten Diskussíonen könnte man sich sparen, wenn es genügend Arbeit geben würde. Die meisten Menschen möchten arbeiten - welche Arbeit wird oft angeboten - sogar auf dem Portal des Arbeitsamtes findet man Arbeit - die man nicht annehmen kann - es beläuft sich darauf hinaus wie bei einem Schneeballsystem.
Die Schuldigen an dieser ganzen Misere sind doch nicht die Bürger, sondern Wirtschaft und Politik - wie es einmal war - leben und leben lassen - gibt es heute kaum noch - das Geld regiert - die Werte, die mal wichtig waren, werden vergessen und die Ellebogen regieren. Schaut man zurück in die Geschichte, war es schon immer so, das das Volk immer die ausgebeuteten und doofen waren. Es ist nur erstaunlich, das das heute noch funktioniert.
Ich habe über 10 Jahre zwischen 220 und 280 Stunden gearbeitet - bin aber nicht reich geworden, sondern alt und krank, trotz Ausbildung und flexiblen Einsatz - bin nicht Hartz IV - aber keiner vom arbeitenden Volk ist dagegen gefeit.
Ich würde mir wünschen, dass die Beiträge in den Medien ehrlicher dargestellt werden.
Kritische Beiträge fehlen mir wenn es darum geht - wer hat die Wirtschaftskrise verursacht, Manager haben versagt - Politiker haben versagt - und wer wird bestraft - im Gegenteil sie fallen alle weich und das ist das Gegenteil zum arbeitenden Normalbürger darüber sollte man nachdenken und knallhart berichten, denn das sind die Verursacher, die in großen Mengen Steuergelder vernichten.
DasBertl (10.02.2010, 14:30 Uhr)
@AxelR
Falsch, es wird nicht auf die geschimpft, die erwirtschaften, denn die wirklich oberen LASSEN erwirtschaften, teilweise auch unter bewusster Inkaufnahme von Gesundheitsschäden bei denjenigen, die eben für jene Oberen das Geld erwirtschaften (das jene wieder teilweise im Ausland vor dem Fiskus verstecken, womit andere, die zu wenig haben zum Verstecken, mehr Steuern zahlen müssen). WIR sind die Wirtschaft (das arbeitende Volk), nicht die Sesselpupser in den Vorstandsetagen.

Wenn WIR Mist bauen, dann dürfen wir gehen, und das ohne Abfindung, ob selbst gekündigt (im Managerjargon: zurückgetreten) oder gekündigt worden. Der Mr.Manager darf die Firma in den Abgrund stürzen (siehe z.B. Lehman) und kriegen noch MILLIONEN an Abfindungen dafür, OBWOHL sie SELBST zurücktreten (also selber Kündigen...). Was eben (Arbeits-)Recht und Gesetz (bzw. Alltag) für die, die nicht "da oben sind", ist für die da Oben nur ein Fliegenschiss der nicht interessiert.

Salzsteuer (10.02.2010, 14:21 Uhr)
Offensichtlich gibt es...
hier im Land Menschen die glauben sie könnten die Bevölkerung vertreiben oder eliminieren damit sie persönlich mehr Geld raffen können.
Ich bitte diese Herrschaften nach Liechtenstein oder Monaco auszuwandern!
Wir brauchen Arbeitsplätze, keine Raffzähne.
Nojiko (09.02.2010, 23:43 Uhr)
Mittelschicht? Gutscheine?
Mir ist leider gerade erst die ganze Tragweite aufgegangen: Da klagen drei Paar Eltern fünf(!) Jahre lang für ihre Kinder gegen eine Regierung, die für Bidung 0,- !! Euro im Kindesbedarf veranschlagt - und dann ERDREISTET sich DIESE Regierung, Gutscheine für Mittagessen und Nachhilfe zu vergeben, weil "das Geld (ja, zum Deibel, WELCHES GELD DENN?Die NULL EURO?) nicht bei den Kindern ankommt"! Diskriminierender, verleumderischer und menschenverachtender gehts nimmer ...
@sven74: Ein Familienvater aus der Mittelschicht (mittlerer oder höherer Schulabschluss, abgeschlossene Berufsausbildung in einem dazu passenden Beruf) hat in etwa von 2.500/3000 netto aufwärts bis ca 7/8000 gehört er noch zur Mittelschicht. Falls er das nicht hat , ist etwas schiefgelaufen. In der Lohnpolitik. Bei den Gewerkschaften und im Arbeitsrecht. Hat ein Arbeiter weniger als ca 16/1800, ist auch was schiefgelaufen. Das bedeutet aber nicht, dass jemand, der nicht arbeitet, weil was auch immer, wie ein Hund leben muss. Der bürokratische Aufwand ist übrigens auch bei HartzIV nicht ganz unerheblich, zumal oft auch massive Forderung nach Korrektur nötig ist, um tatsächlich z.B. 1300 (der Rest besteht aus Kindergeld) für vier Personen zu bekommen. Wenn man auf Wohngeld verzichtet, weil's unverhältnismäßigen Aufwand bedeutet, alle Papiere zu besorgen und den Antrag zu stellen - bittesehr, das kann man abwägen, darf dann aber auch nicht meckern (verstehe was Sie meinen, habe auch seinerzeit so entschieden, was allerdings später gravierende Nachteile hatte, als es tatsächlich ins HartzIV ging: Der Übergangszuschlag fiel halb so hoch aus!) bei HartzIV hat man diese Wahl nicht. Man muss aber eines bedenken: Es gibt keine 5 Mio freie und bezahlte Arbeitsplätze, und wenn wirklich alle sich ducken und den Park fegen, sind morgen weitere 5 Mio arbeitslos! Nämlich die, die dadurch weggespart werden können - habe das hier selbst erlebt: Antrag gestellt, Kündigungen geschrieben und 1-Euro-Jobber hergeholt, ratz-fatz!
@Blog-Men: Habe das selbst mal erwogen, aber dann entschieden, dass meine Familie auch nach 402 Jahren sich von nichts und niemandem aus diesem Land jagen lassen wird! WIR sind hier zuhause, Flucht ist traurig und keine Lösung! Wir haben eine qualifizierte Ausbildung, sind sofort bereit zu arbeiten und auch, ca 100km zur Arbeit zu fahren - täglich hin und zurück. Meine Gehaltswünsche bewegen sich auch im realistischen Rahmen - also bleibe ich! Und wenn es eines Tages wirklich knallt - statte ich die Nachbarschaft mit Mistgabeln aus und wir sausen los!
Kasperltheater (09.02.2010, 21:52 Uhr)
@Blog-Men
Sie sollten sich nicht so aufregen, sonst wird Ihr Aufenthalt in Schweden vielleicht kürzer als Sie denken. Physisch gesehen.

@whismerh2
Es ist schön zu sehen, dass es Menschen gibt die meine versteckten Hinweise zu deuten wissen. ;)

Eine Depression zeichnet sich im übrigen immer durch die selben Massnahmen der Regierungen aus. Man möge die Geschichte zu Rate ziehen.
Blog-Men (09.02.2010, 21:41 Uhr)
Ich wandere 2013 aus...
Die Berechnung (also das Verfahren an sich) war Murks, aber dass dies direkt zum Anlass der Unersättlichen genommen wird, nach mehr zu rufen, das zeigt doch nur, dass die BRD kein Leistungsstaat mehr ist, sondern ein maroder Sozialstaat.

Ich habe die Schna*ze gestrichen voll. Die Leistungsträger dieser Gesellschaft werden geohrfeigt und wie Säue durch das Dorf getrieben. Da mach ich nicht mit.

Wäre ich nicht Beamter und müsste in dieses kaputte System einzahlen, wäre ich wohl schon heuer weg.

Ende des Jahres werde ich mein Promotionsstipendium anfangen und noch vor der rot-roten Übernahme im Bund 2013 samt Vermögen und Frau diesem Land den Rücken kehren.

Schweden heißt die deutsche Wirtschafts- und Geistes-Elite sowohl im öffentlichen Dienst als auch in der freien Wirtschaft herzlich willkommen.

Bereits 2017 nach der ersten Legislatur wird dann der untätige Rest dumm in die Röhre schauen, weil nämlich keine Kuh mehr da ist, die gemolken werden kann.

An die linken Philosophen... betreibt ihr mal fleißig eure Vermögensbesteuerung, Verstaatlichung und Zwangsenteignung, dann könnt ihr 800 ? Mindesteinkommen für's Nichtstun einfordern, nur zahlen werdet ihr es nicht können.

In diesem Sinne hoch die Tassen.
Ich muss zurück zum Studium.
whismerh2 (09.02.2010, 21:29 Uhr)
@Kasperltheater
Habe mich Heute mal, zumindest in diesem post rausgehalten, Fast Alle gelesen, aber Danke der Deiner hat sich gelohnt noch ein wenig online zu Bleiben,senstationell auch wenn sehr substiler Humor, aber weiß Gott wirklich kluge Analyse, auf jeden Fall treffend.
Kasperltheater (09.02.2010, 21:19 Uhr)
Der Regelsatz....
wird angehoben, da die Gefahr sozialer Unruhen besteht. Tabak, Alkohol müssen erschwinglich bleiben. Auch für Hartz4 Empfänger.

Wobei die meisten Hart4 Empfänger höchstwahrscheinlich gerne arbeiten würden. Aber
1. gibts keine Arbeit
2. wenn ja..weniger als Hartz4

Das kann noch heiter werden. Irgendwas ist hier richtig schief gegangen und keiner weiss wie man es wieder geradebiegen soll.
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