Die Quandts

19. August 2002, 13:53 Uhr

Sie sind so vermögend wie diskret. Über Generationen schufen sie ein Imperium, zu dem BMW gehört und noch viel mehr. Eine Familienbiografie schildert erstmals Triumphe und Tragödien im Hause Quandt.

Mächtig, reich und sehr diskret: Johanna Quandt und ihr Sohn Stefan©

Sie steht auf dem Gang vor dem Zugabteil, elegant und ungeschminkt. Gerade 17. Günther Quandt sitzt drinnen. Feist wie ein Südsee-König. Dick bedeutet, reich zu sein. Zumindest damals, Ostern 1919. Das erste Frühjahr nach dem Ersten Weltkrieg. Der Zug dampft von Berlin in die Nacht, Richtung Westen. Plätze sind knapp. Nur neben Quandt und seinen beiden Begleitern ist noch etwas frei. Reisende minderer Schönheit wehrt das Trio mit einer kleinen Lüge ab: reserviert für den badischen Gesandten. Doch dann kommt das Mädchen. Möchten Sie sich setzen, fragen die sittenstrengen Großbürger und bemühen sich wahrscheinlich, väterlich aus ihren Anzügen zu gucken. »Volles Blondhaar«, erinnert sich der Industrielle Quandt später, »ein gutgeschnittenes, regelmäßiges Gesicht, eine schlanke Gestalt.«

Sie heißt Magda, wird später als Frau Goebbels berühmt und möchte geheiratet werden. Von einem wie Günther Quandt, der im Krieg vom Tuchfabrikanten zum Großunternehmer aufgestiegen ist. Das zählt. Auch wenn er das Resthaar im Bogen über seinen kahlen Schädel kämmt. »Sardellen« nennt Magda die Dinger bald. Schön ist er nicht, aber alles andere als Durchschnitt. In den nächsten 30 Jahren wird Günther Quandt, Nachfahre holländischer Calvinisten und Sohn des brandenburgischen Fabrikbesitzers Emil Quandt, den Grundstein für eines der größten Familienimperien des Landes legen. Für die letzte bedeutende deutsche Industriedynastie. Seine Söhne werden BMW erobern, seine Enkelinnen zählen heute zu den reichsten Frauen Deutschlands.

Die Geschichte

der Familie Quandt ist ein Epos voller Triumphe und Tragödien, mit erschossenem Gatten im Ehebett, Flugzeugabstürzen und Höhenflügen; und KZ-Baracken auf dem Firmengelände, die nach 1945 fast spurlos verschwunden sind. Anders als bei Krupps oder Flicks blieb die Rolle von Deutschlands diskretester Wirtschaftssippe im Nationalsozialismus über Jahrzehnte im Verborgenen. Der Hamburger Autor Rüdiger Jungbluth hat sie nun erstmals durchleuchtet. Die meisten lebenden Quandts brachte er dazu, sich ein wenig zu öffnen. Er wühlte sich durch Archive und Nachlässe. Jungbluth legt offen, worauf sich der immense Reichtum der Familie gründet: auf unternehmerisches Geschick - aber auch auf die Ausnutzung von Menschen und Verhältnissen.

Vieles nahm

seinen Anfang in den Ostertagen 1919, als Günther Quandt Magda begegnet. Sie ist auf dem Weg zurück in ihr Mädchenpensionat in Goslar. Dort kaum angekommen, erhält sie eine Nachricht. Der Mann mit der komischen Frisur bittet, sie aufsuchen zu dürfen. Getarnt als Freund ihres Vaters. Er warte auf Mitteilung, »ob Ihnen mein Besuch erwünscht sei«. Natürlich ist er das. Bei der Begrüßung trägt er mattgelbe Maréchal-Niel-Rosen in der Hand, aber die sind nicht für Magda, sondern sollen die Pensionsmutter gütig stimmen. Günther Quandt kommt mit jedem Regime zurecht. Mit Pensionsmüttern genauso wie mit Diktatoren oder Monarchen, ja selbst mit Sozialdemokraten.

Das alles kann Magda nicht wissen. Vielleicht interessiert es sie auch nicht. Aber dass Quandt selbst die Flitterwochen wegen dringender Geschäfte abbricht? Magda ist lebenslustig, frech und froh. Träumt vom Leben im Luxus, das ihr der Unternehmer bieten kann. Und denkt nicht an den Preis, den sie selber dafür zahlen wird. Der Gatte wird ihr das Frühstücken im Pyjama genauso austreiben wie alles andere, was ihm als Zeichen innerer Haltlosigkeit erscheint.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 35/2002

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