Es regt sich Widerstand im Land. Bürger machen gegen Kohlekraftwerke mobil. Experten sagen: Ein Leben ohne den Klimakiller ist machbar. Die Stromversorger dagegen warnen vor Engpässen. Von Rolf Herbert Peters

"Da wächst eine Bewegung heran wie früher gegen die Atomkraft." Greenpeace und andere Umwelt-Organisationen unterstützen Proteste - hier gegen den Ausbau des RWE-Kraftwerks Neurath bei Köln© Matthias Jung
Schnee bleibt in Auenheim nur noch selten liegen. "Den Schlittenhügel braucht niemand mehr", stellt Klaus Gülden, der ehemalige Ortsvorsteher, fest, der ihn vor einigen Jahren hat aufschütten lassen, damit die Kinder Spaß hatten. Trotzdem müssen manchmal die Räumfahrzeuge ausrücken: im Sommer, wenn Hagel die Straße bedeckt. Die Natur spielt in Auenheim verrückt: Die Sonne zeigt sich selbst bei blauem Himmel oft nicht vor Mittag. Bei Ostwind hängen Nebelschwaden in den Gassen. Und im Gillbach tummeln sich exotische Fische.
Für diese Kapriolen sorgt der RWE-Konzern. Die neun Schlote des mächtigen Braunkohlekraftwerks Niederaußem, in dessen Schatten das Dorf liegt, stoßen rund um die Uhr gewaltige Mengen Dampf aus. Sie rauben den Einwohnern das Licht. Abwärme und Kühlwasser heizen Luft und Gewässer auf. Gefrorene Abgase stürzen als Eiskugeln zur Erde zurück. Noch schlimmer, sagt SPD-Stadtrat Wolfgang Sewelies, sei aber das fiese CO2: Mehr als 27 Millionen Tonnen des Klimakillers bläst Niederaußem pro Jahr in die Atmosphäre - so viel wie 7,5 Millionen Autos. RWE will trotzdem noch zwei neue Kohleblöcke hochziehen. Das ärgert nicht nur die beiden Kommunalpolitiker, sondern das ganze Dorf. "Es ist doch absurd", sagt Sewelies, "dem Klimawandel ausgerechnet mit dem fossilen Brennstoff entgegenzutreten, der das meiste CO2 absondert."
Vor Jahren standen die 700 Auenheimer wie ein Mann hinter dem Essener Unternehmen. Man ertrug die lokale Klimakatastrophe, weil jeder Zweite im Kraftwerk, Braunkohletagebau oder in der Brikettfabrik Fortuna Arbeit fand. Auch Sewelies. Dann wurde er in Rente geschickt. Mit 51. Moderne Stromfabriken kommen fast ohne Menschen aus. Heute sind noch um die zehn Einwohner bei RWE beschäftigt. Die Jugend ist frustriert weggezogen, die zwei Kneipen haben dichtgemacht. Viele, die blieben, kämpfen nun in der Bürgerinitiative Big Ben gegen den Ausbau der Wolkenmaschinen.
"Kohlekraft, nein Danke!": Wie hier am Rande des rheinischen Braunkohlereviers, wo mit Niederaußem, Weisweiler, Neurath und Frimmersdorf vier der sechs klimaschädlichsten Meiler um die Wette qualmen, formiert sich Widerstand. Wo neue Braun- oder Steinkohleblöcke oder Tagebaue geplant sind, bilden sich Bürgerinitiativen, meist unterstützt von Umweltgruppen wie Greenpeace, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) oder der Grünen Liga. Die Opposition zieht sich quer durch alle Parteien und Bildungsschichten. Im Saarland sprach sich das gesamte Ärztesyndikat, die Standesvertretung, gegen die Kohle aus. In Mainz opponierten 49 Professoren inklusive Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen gegen ein geplantes Steinkohlekraftwerk. Und immer mehr Prominente wie Bestsellerautor Frank Schätzing ("Der Schwarm") oder "Tatort"-Kommissar Peter Sodann reihen sich ein. "Gegen Kohle tun wir alles", skandierten Demonstranten beim Weltklimatag im Dezember vor der Kraftwerksbaustelle in Neurath. Karsten Smid, Klimaexperte bei Greenpeace, freut sich: "Da wächst eine Bewegung heran wie früher gegen die Atomkraft."

Im Schatten der "Wolkenmaschine" von Niederaußem: Kohlegegner Klaus Gülden (li.), ehemaliger Ortsvorsteher von Auenheim, und Wolfgang Sewelies (SPD-Ratsmitglied)© Matthias Jung
Das spürt auch Wulf Bernotat. "Wir treffen auf heftige Widerstände", klagte der Eon-Chef jüngst stellvertretend für die Branche. In Ensdorf (Kreis Saarlouis) etwa stoppte eine Widerstandsgruppe per Bürgerbefragung den Bau eines Steinkohlekraftwerks. Investor RWE muss nun nach einem neuen Standort suchen. In Berlin und Köln legten Vattenfall und Rheinenergie nach heftigem Bürgerprotest Pläne für neue Steinkohlekraftwerke auf Eis. "Ergebnisoffen" nennt Vattenfall die Zukunft des Projekts. Rheinenergie will in einigen Jahren neu entscheiden.
Der Unmut der Kohlegegner richtet sich zunehmend gegen einen Mann, der gern den Weltretter gibt: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Mitte Dezember manövrierte sich der SPD-Politiker selbst in die Schusslinie, als er in der Talkshow von Anne Will behauptete, in Deutschland stünden lediglich neun neue Kohlekaftwerke auf dem Plan. Sie würden alte Dreckschleudern ersetzen und am Ende 42 Millionen Tonnen CO2 einsparen.
Recherchen des stern bei den Stromherstellern ergeben ein anderes Bild: Für mindestens 22 Kraftwerke, die in den kommenden acht Jahren ans Netz gehen sollen, gibt es konkrete Planungen, Genehmigungen, oder sie sind bereits im Bau. Wie viele alte Blöcke wann dafür stillgelegt werden, ist unbekannt und zum Großteil vom Gutdünken der Betreiber abhängig. Das Bundesumweltministerium (BMU) will die Zahlen im Einzelnen nicht kommentieren: "Kraftwerke werden in Deutschland von den zuständigen Landesbehörden genehmigt. Deshalb liegen BMU keine Informationen darüber vor, wie viele Genehmigungsanträge derzeit gestellt wurden oder wann einzelne Kraftwerke genau in Betrieb gehen werden."
Nach Informationen des BUND gehen in den nächsten zehn Jahren sogar 27 neue Kohlekraftwerke ans Netz. Die Klimaziele der Bundesregierung, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren, seien daher Makulatur. Modernste Braunkohlekraftwerke erzeugen rund 1000 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Bei der Verstromung von Steinkohle entstehen 750 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, bei Erdgas sind es nur 360 Gramm. Durch Gabriels "Modernisierungsprogramm" würden laut BUND am Ende etwa 120 Millionen Tonnen mehr CO2 produziert als heute - das sind 15 Prozent der deutschen Gesamtemissionen.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 04/2008