Die Rückenversteher

22. Juli 2005, 12:25 Uhr

Millionen Menschen leiden unter Rückenschmerzen. Die klassischen Therapien greifen zu kurz. Moderne Methoden behandeln nicht nur Kreuz oder Bandscheibe: Sie stellen den ganzen Patienten in den Mittelpunkt. Von Torben Müller

Der Arzt erklärt Sabine Büttgen die Rückenanatomie. Aufklärung über das Zusammenspiel von Wirbeln, Muskeln und Bändern ist der erste Schritt der ganzheitlichen Therapie©

Als das Telefon klingelt, weiß Sabine Büttgen noch nicht, dass sich ihr Leben in den nächsten Sekunden schlagartig ändern wird. Büttgen sitzt am 1. Februar 2004 an ihrem Arbeitsplatz in einer Hamburger Bankfiliale und greift zum Hörer. Eine Routinebewegung, Tausende Male zuvor ohne Probleme vollführt. Doch diesmal spürt sie dabei einen Schmerz. So stark und andauernd, wie sie es bis dahin noch nie erlebt hat. "Kreischend und grell wie Feuer" fährt er ihr vom Rücken bis ins rechte Bein.

Der Schmerz bleibt. Fortan begleitet er Büttgen Tag und Nacht. Aber erst nach acht Wochen, als die Leiden unerträglich werden, geht sie zu ihrem Hausarzt. Der diagnostiziert einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule zwischen den Wirbeln L5 und S1, schreibt sie krank und verordnet ihr das, was so viele Ärzte für das beste Mittel gegen einen maladen Rücken halten: Ruhe.

Doch das Brennen im Kreuz erlischt nicht. Auch kortisonhaltige PRT-Spritzen, die die Bandscheibe schrumpfen lassen und damit den Druck auf den gereizten Nerv am Wirbel mindern sollen, zeigen nur wenig Wirkung. Eine vierwöchige Kur bringt keinen Erfolg. Mit jedem Tag, den der Schmerz anhält, wächst Büttgens Verzweiflung. Sie wechselt zu einem Neurochirurgen. Auch er führt PRT-Therapie durch: Über einen Dauerzugang an der Wirbelsäule spritzt er ihr eine Woche lang zweimal pro Tag das Kortison-Medikament in den Rücken. Er rät ihr, sich möglichst wenig zu bewegen - nur so könne das Mittel richtig wirken.

Jeder Gang wird zum quälenden Marathon

Bereits in den Monaten zuvor hat die einstmals so aktive Frau aus Angst vor Schmerzattacken auf vieles verzichtet: Sie joggt und tanzt nicht mehr, fährt nicht mehr Fahrrad und kündigt das Theaterabo. Immer seltener verlässt die Schmerzgeplagte das Haus, selbst ein Gang durch die Dreizimmerwohnung wird zu einem quälenden Marathon. Ihr Leben spielt sich fast nur noch an einem weißen Bistrostehtisch im Wohnzimmer ab. Hier liest sie die Zeitung, isst zu Mittag oder bedient den PC, weil sie weder sitzen noch liegen erträgt. Sie ist so ängstlich und hilflos, dass ihr Mann ihr sogar die Schuhe zubinden muss. Sabine Büttgen weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Doch was soll sie tun? An einem trüben Tag im Mai 2005 steht Gerd Müller in einem Seminarraum des Hamburger Rückenzentrums am Michel und wedelt so schwungvoll mit einem Wirbelsäulenmodell, dass jedem seiner Patienten schon beim Zusehen vor Schmerz schlecht werden müsste. "Von wegen Fehlkonstruktion", sagt der Orthopäde, "für das, was es leistet, ist das Teil gar nicht so schlecht." Rund 1,5 Tonnen könne unsere Lendenwirbelsäule tragen, das Gewicht eines Kleinwagens. "Bei einer größeren Belastung brechen die Knochen - die Bandscheiben kriegen Sie so jedoch nicht kaputt."

Das schafft nur das Alter: Im Laufe des Lebens wird die Außenhaut der flexiblen Puffer zwischen den Wirbeln porös, und die Flüssigkeit darin läuft aus. Wenn die Bandscheibe dann dem Druck der Knochen nachgibt und sich aus dem Spalt dazwischen wölbt oder gar "vorfällt", klemmt sie mitunter die Nerven im engen Wirbelkanal ab und verursacht furchtbare Schmerzen oder sogar Lähmungen. "Die ersten Abnutzungserscheinungen treten schon bei 20-Jährigen auf", sagt Müller. "Mit 40 ist dann bereits bei 90 Prozent der Menschen der Verschleiß nachweisbar." Doch längst nicht jeder leide unter den Folgen, viele wüssten gar nicht, dass sie betroffen sind.

Aufhalten lässt sich der schleichende Zerfall der Stoßdämpfer im Kreuz nach Müllers Überzeugung nicht. "Doch wir können uns vor dem Schmerz schützen", sagt er und steigt auf einen Tisch. Er legt sich auf die Seite und stützt sich auf den linken Unterarm und den linken Fuß. Dann hebt er die Hüfte an, sodass sein Körper eine Linie bildet, und streckt das rechte Bein immer wieder hoch in die Luft. "Solche Übungen stärken die Rumpfmuskulatur, die die Wirbelsäule stützt und die Bandscheiben entlastet." Aktivität und nicht Ruhe sei der Weg zu einem schmerzfreien Rücken.

Krankheitskosten von 20 Milliarden Euro

Nach einem Blick auf die Statistiken erscheinen solche Übungen für die Deutschen mehr als angebracht: Mindestens vier Millionen Menschen in unserem Land plagen laut Bundesregierung chronische Rückenleiden, hervorgerufen durch Bandscheibenschäden, Wirbelgleiten und andere Ursachen. 17 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage gingen bei den AOKs im Jahr 2003 auf das Konto von Kreuzschmerzen.

Die Folgen für die Volkswirtschaft sind immens: Thomas Kohlmann vom Institut für Community Medicine der Universität Greifswald schätzt, dass sich die direkten und indirekten Kosten aller Fälle auf rund 20 Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Zusammen mit Medizinern und Psychologen untersucht der Soziologe im Deutschen Forschungsverbund Rückenschmerz Ursachen, Verbreitung und Behandlungsmöglichkeiten des Volksleidens.

"In 90 Prozent aller Fälle verschwinden die Schmerzen ohne aufwendige Therapie innerhalb von sechs Wochen", sagt Kohlmann. Werden sie chronisch, seien konventionelle Behandlungsmethoden wie Spritzen und Massagen allein nicht der richtige Weg. "Die Beschwerden sollten ganzheitlich behandelt werden: in Praxen, in denen Ärzte, Psychologen, Krankengymnasten und Sportwissenschaftler an einem Ort eng zusammenarbeiten, um dem vielschichtigen Problem Rückenschmerz von mehreren Seiten zu begegnen." Dieses multimodale Konzept, das auch das Rückenzentrum am Michel praktiziert, findet vor allem in den Großstädten Deutschlands immer größere Verbreitung. Zunehmend arbeiten Krankenkassen mit ganzheitlich ausgerichteten Einrichtungen zusammen. Und selbst große Firmen wie T-Mobile bieten ihren Mitarbeitern entsprechende Kurse und Behandlungen an.

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